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Maybrit Illner spricht mit ihren Gästen über das Thema: „Abstiegsangst im reichen Land – Warum wächst die Wut?“
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Maybrit Illner spricht mit ihren Gästen über das Thema: „Abstiegsangst im reichen Land – Warum wächst die Wut?“

Maybrit Illner, ZDF

„Wir haben zu viele Arme!“

  • Daland Segler
    VonDaland Segler
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„Abstiegsangst im reichen Land – Warum wächst die Wut?“ hieß das Thema bei Maybrit Illner, und die Gäste verstanden sich auf differenzierte Antworten.

Der Befund ist eindeutig: 15,7 Prozent der Bevölkerung dieses Landes ist von Armut bedroht oder arm. Andererseits verfügen zehn Prozent über 60 Prozent des Vermögens. Und die Schere klafft ständig weiter auseinander. Genügend Anlass für Konflikte also. Und die Zusammensetzung der Gäste bei Maybrit Illner ließ eine kontroverse Diskussion erwarten. Doch erfreulicherweise wurden nicht so sehr ideologische Positionen verteidigt als vielmehr Erklärungen gesucht und Lösungen angeboten.

„Abstiegsangst im reichen Land – Warum wächst die Wut?“ hieß das Thema, und das mit dem „reichen Land“ wurde schon mal relativiert: Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, wies darauf hin, dass 40 Prozent der Deutschen kein Vermögen haben. „Und die haben Angst.“ Müssen sie nicht haben, fand Schneiders Antipode in der Runde, Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. „Ein Abstieg ist inzwischen weniger wahrscheinlich geworden.“ Andere Länder beneideten die Deutschen.

In die gleiche Kerbe hieb Ralph Brinkhaus, Haushaltsexperte der CDU: „Im Schnitt geht’s uns richtig gut.“ Beide Herren machten ein „Gefühl“ für die Stimmung verantwortlich, und wer etwa die Kommentare zur Sendung las und den Einspieler der Redaktion sah, war versucht zu sagen: Mit Rationalität und Realität hat das auch nicht viel zu tun, was da hochkommt (und der AfD Wählerstimmen zuhauf beschert hat).

Aber woher kommt diese Wut? Sie war sicherlich schon immer in gewissem Maße da, wenn „die da unten“ an Stammtischen gegen „die da oben“ wetterten. Nun aber ist die schweigende Minderheit redselig geworden, weil sie per Computer-Tastatur ihren Ressentiments freien Lauf in die Öffentlichkeit lassen kann. Und weil sie hinreichend Anlässe dafür findet. Illners Frage nach „rationalen Ursachen“ bejahte der Wirtschaftsjournalist Thomas Fricke, der zugleich darauf hinwies, dass der Unmut ja in den USA, Frankreich oder Österreich ebenfalls verbreitet sei.

Der Bevölkerung habe man in den vergangenen Jahren Eigenverantwortung gepredigt, der Arbeitsmarkt habe mehr Flexibilität vom Einzelnen verlangt, man habe die Globalisierung gepriesen – als deren Folge mancher seinen Job verlor, und das habe zu größerer Unsicherheit geführt. Zugleich wurden wir Zeugen, wie Milliarden für die Rettung von Banken gezahlt wurden, wie Reiche und multinationale Konzerne wie Apple und Google sich um Steuern drücken konnten. Fricke nannte keine Namen, aber dergleichen hat zum Beispiel  ein Saubermann wie Jean-Claude Juncker, heute Präsident der EU-Kommission, einst als Luxembourgischer Regierungschef betrieben.

„Wir leben mit einer gestiegenen Ungleichheit“, folgerte Fricke und fand Zustimmung: Der eher konservativ gesinnte Clemens Fuest sah, dass die Bankenrettung oder die Fehler von Managern Anlässe zu Ärger gäben und teilte gleich noch einen Seitenhieb gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus, die mit ihren Zahlungen die „Millionengehälter von 20-jährigen Fußballspielern“ ermöglichten. Malu Dreyer, (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, erwähnte die „Mondgehälter und Boni“, und Schneiders Beitrag zur Skandalon-Liste war der Hinweis, dass die Einkommen der DAX-Vorstände sich in zehn Jahren um 146 Prozent erhöht hätten: „Wir haben aber zu viele Arme!“

Die Empörung speist sich also aus genügend Quellen, Maybrit Illner insistierte aber auf der Frage, ob auch Neid auf die Zugewanderten (wie es eine Szene im Einspieler suggerierte) ein Grund sei. Schließlich hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble jüngst versichert, keinem Deutschen sei bislang auch nur ein Euro weggenommen worden, seit die Geflohenen ins Land kamen. Fricke fand die 20 Milliarden Mehrkosten im Rahmen des Bundeshaushalts „eine relativ kleine Summe“, die Schutzsuchenden seien nicht schuld an der Wut im Lande, und Brinkhaus beteuerte, die Politik sage ja, was es kosten werde; aber vor allem müsse man „die Geschichte nach vorne erzählen“, denn die Sorgen der Leute kreisten um die Zukunft, um ihre Kinder.

Und dafür plädierte der Kölner Pfarrer Franz Meurer, der Praktiker in der Runde: die „richtige story“ zu erzählen. Armut, so Meurer, sei vor allem, keine Freunde zu haben und heimatlos zu sein.  Es gehe darum zu sagen: „Welche Vorstellung von Solidarität haben wir“, und er stand nicht an, Beispiele aus seiner Arbeit zu geben. So hat er sich um Fußballschuhe in seinem Sprengel gekümmert und für eine Fahrradwerkstatt („da haben wir schon 150 Fahrräder verschenkt“) neulich eine Speichengewinde-Schneidemaschine gekauft, damit sein aus Syrien stammender Meister das richtige Werkzeug habe. Mit Arbeit gelinge auch die „Stärkung des Ortes“, damit sich die Menschen nicht mehr unbehaust fühlten.

So also kann man Armut und die Krise infolge der Zuwanderung auch bekämpfen: mit gut geschnittenem Speichengewinde.

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