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Der Netflix-Wettbewerbsbeitrag „Elisa und Marcela“.

„Sweet Streams“

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„Sweet Streams“: Tendo Nagenda, Vizechef von Netflix, zeigte den Berlinale Talents, wie sich Macht anfühlt.

Wenn jemand Neues mit am Tisch sitzt, ist es doch gut, ihn kennenzulernen und herauszufinden, wie man zusammenarbeiten kann“, lobte Moderator Matthijs Wouter Knol am Ende sein Gespräch mit Tendo Nagenda, Vizepräsident von Netflix und dort zuständig für den Bereich Original Films. Die Selbstberuhigung mag sich darauf beziehen, dass Netflix in der Tat ein Neuling auf Filmfestivals ist, und zwar ein nicht unumstrittener. Als die Eigenproduktion „Okja“, ein südkoreanisch-amerikanischer Fantasy- und Abenteuerfilm, 2017 beim Filmfestival in Cannes gezeigt wurde, erschallten „Buhs“, sobald das Netflix-Logo auf der Leinwand erschien.

Eineinhalb Jahre später hat die Berlinale gleich mehrere Netflix-Produktionen im Programm, und der Vizechef wurde 250 neugierigen „Talents“ zugeführt, internationalen jungen Filmschaffenden aller Bereiche, die für Workshops und zum Networken nach Berlin eingeladen wurden. Die Tisch-Metapher wiederum dürfte Knol, eigentlich Leiter des European Film Market, der vom Gropius-Bau ins HAU 2 – also von einem Headquarter des Berlinale-Beiprogramms ins andere – gekommen war, um mit Nagenda zu sprechen, auch nicht ohne Grund eingefallen sein. Schließlich hatte der Gast die Tendenzen der Programmpolitik von Netflix in den vorangehenden 90 Minuten ausschließlich mit der Vokabel „Appetit“ beschrieben: großer Appetit aufs Filmemachen, geringer Appetit auf Skriptentwicklung, großer Appetit auf eigenwillige Produktionen und trotzdem der geringste Appetit, sich irgendwie einschränkend festzulegen.

Das Tolle an Netflix ist für Nagenda, der erst seit Oktober 2018 dabei ist und zuvor acht Jahre lang für Disney gearbeitet hat, dass hier alle Genres bedient werden könnten, dass er jeden nur denkbaren Regisseur anheuern könne, dass er in der Lage sei, den Filmemachern die allerbesten Arbeitsbedingungen zu bieten und dass summa summarum Geld einfach keine Rolle spiele, sondern es glücklicherweise nur um die brillantesten Ideen gehe. Wow! Willkommen Hecht, lass es dir schmecken – mein Karpfenteich ist dein Karpfenteich. Aber 139 Millionen Abonnenten weltweit sind ja auch ein echtes Argument.

Tendo Nagenda, ein smarter Anzugträger mit breitem Lächeln und unbewegten Augen, kam mit einer einzigen Botschaft: Es gibt im Zusammenhang mit Netflix kein Problem. Und gibt es doch ein Problem, hat es nichts mit Netflix zu tun. Auf alle Fragen, die die jungen Filmemacher hatten – ob Netflix wie im Fall von „Roma“ auch generell Kinovorstellungen anstreben werde, ob Netflix sich vorstellen könne mit kleineren Firmen zu koproduzieren etc. – gab es die Antwort: Ja, wenn es das Beste für den Film ist ...

Matthijs Wouter Knol gab sich als Moderator alle Mühe, diese Fingerübung einer Machtdemonstration für ein gutes Arbeitsgespräch auszugeben, aber als er das Publikum am Ende fragte, ob es wie er das Gefühl habe, hier beginne gerade ein zukunftsträchtiges Miteinander, meldeten sich im Wesentlichen die Leute aus der ersten Reihe. Als er indessen abfragte, wer ein Netflix-Abonnement habe, gingen fast alle Hände in die Höhe.

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