1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

„Wild Republic“ heute in der ARD: Abenteuer in den Dolomiten

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

„Wild Republic“: Ron (Merlin Rose, links), Kim (Emma Drogunova) und Marvin (Rouven Israel) dringen immer tiefer in die Wildnis vor.
„Wild Republic“: Ron (Merlin Rose, links), Kim (Emma Drogunova) und Marvin (Rouven Israel) dringen immer tiefer in die Wildnis vor. © WDR / Kuhn Fotografie / Luis Zeno

In der sehenswerten Serie „Wild Republic“ gerät ein Resozialisierungsprojekts mit kriminellen Jugendlichen außer Kontrolle.

Frankfurt – Auf den ersten Blick erinnert „Wild Republic“ an „5vor12“ (2017), eine BR-Serie über fünf straffällig gewordene männliche Jugendliche, die im Rahmen einer therapeutischen Maßnahme einige Wochen auf einer abgeschiedenen Berghütte verbringen müssen. Der Auftakt ist der gleiche: Ein Bus bringt ein Dutzend junger Leute in die alpine Wildnis der Dolomiten

Beim ersten Etappenziel müssen sie sämtliche persönlichen Gegenstände abgeben, außerdem bekommen sie Einheitskleidung. Dann macht sich der von der gutgelaunten Sozialpädagogin Rebecca (Verena Altenberger) geführte Trupp auf den Weg. Bis hierher stimmt das Szenario der beiden Produktionen exakt überein, Typisierung der männlichen Hauptfiguren inklusive: Ein Dicker wird gemobbt, ein Hübscher ist hilfsbereit, ein junger Mann mit mutmaßlich türkischen Wurzeln hat eine kurze Zündschnur. Zwei Unterschiede sind allerdings offenkundig: „5vor12“ war eine Kika-Serie, die Jugendlichen waren junge Teenager. In „Wild Republic“ sind die Mitwirkenden deutlich älter; außerdem ist die Gruppe gemischt.

„Wild Republic“ in der ARD: Die Alternative der Teilnehmenden heißt Knast

Die Vorgeschichten werden in Form kurzer Episoden nachgereicht. Kim (Emma Drogunova) zum Beispiel ist auf einen sogenannten Loverboy reingefallen, hat ihren Körper verkauft und war schließlich bereit, als Kronzeugin gegen eine Bande von Menschenhändlern auszusagen. Während sich das Drehbuch bei den Rückblenden auf Andeutungen beschränkt, lässt die düstere Gegenwart nicht viele Fragen offen, zumal die betont abweisend gefilmte Umgebung keinerlei Wohlbehagen hervorruft:

Die Teilnehmer sind nicht zum Spaß hier, die Alternative ist Knast; deshalb wirkt es auch unplausibel, dass Can (Aaron Altaras) seine Resozialisierung durch ständiges Fehlverhalten aufs Spiel setzt. Als der einheimische Bergführer nachts erschlagen wird, kommt es zur Rebellion. Die Gruppe macht sich mit Rebecca als Geisel auf und davon; und jetzt geht die Geschichte im Grunde erst richtig los.

ARD: Charaktere in „Wild Republic“ können Klischees nach und nach abschütteln

Die weiteren Folgen, die selbstredend jeweils mit einem Cliffhanger enden, funktionieren konzeptionell ganz ähnlich. Das Autorenteam rund um die Grimme-Preisträger Jan Martin Scharf und Arne Nolting („Club der roten Bänder“) pickt sich jeweils eine Figur heraus. Auf diese Weise emanzipieren sich die Jugendlichen nach und nach von den anfänglichen Klischees.

Sympathischer macht sie das nur bedingt: Der manipulative Justin (Béla Gábor Lenz) erinnert an psychopathische Killer aus zweitklassigen Hollywood-Thrillern und war schon als Kind gruselig; Lindi (Maria Dragus) kommt aus einer Nazi-Familie; Jessica (Camille Dombrowsky) wäre gern Beauty-Bloggerin geworden, ist aber im Drogensumpf gelandet. Den komplexesten Hintergrund bekommt der stets um Ausgleich bemühte Ron (Merlin Rose). Der Sohn eines schwerreichen Vaters (Ulrich Tukur) ist Öko-Aktivist und hat im Rahmen einer Protestaktion einen Wachmann schwer verletzt. Er wird zum Wortführer der Gruppe, er ruft die titelgebende Republik und damit den Neustart aus: Alle haben die gleichen Rechte und Pflichten; was war, soll keine Rolle mehr spielen. Alle bekräftigen den Pakt mit einem Brandzeichen, aber nicht jeder will das Konzept mittragen; und spätestens jetzt erinnert die Serie an William Goldings mehrfach verfilmten Klassiker „Herr der Fliegen“ (1954).

RolleDarsteller:in
KimEmma Drogunova
RonMerlin Rose
LindiMaria Dragus
JustinBéla Gabor Lenz
MarvinRouven Israel
CanAaron Altaras
JessicaCamille Dombrowsky
SteffiLuna Jordan
HiroAnand Batbileg
RebeccaVerena Altenberger
Lars SellienFranz Hartwig
AlbrechtUlrich Tukur
GrasserGerhard Liebmann

Parallel dazu erzählt das Autorenteam, wie Lars Sellien (Franz Hartwig), der Schöpfer des erlebnispädagogischen Projekts, die Leiche von Bergführer Baumann entdeckt und die Polizei eine groß angelegte Suchaktion startet. Auch der Projektleiter hat eine Vorgeschichte: Rebecca ist seine Freundin, aber die Beziehung hat Risse bekommen, zumal Sellien gar nicht recht ist, dass sie schwanger geworden ist. Als er schließlich rausfindet, warum der zuständige Polizist (Gerhard Liebmann) ihn nicht bei der Suche nach den Jugendlichen dabei haben will, wird ihm klar, dass sie alle in großer Gefahr sind. Tatsächlich werden die Jugendlichen bald von Unbekannten bedroht, weshalb „Wild Republic“ nicht nur wegen der Kanufahrt auf einem reißenden Gebirgsfluss an den Outdoor-Klassiker „Beim Sterben ist jeder der Erste“ erinnert: Den Ausflug in die Berge werden nicht alle überleben.

„Wild Republic“ (ARD): Zwei Episoden weniger hätten der Serie gut getan

Neben den gelegentlichen Action-Elementen sorgen eine Romanze zwischen Ron und Kim sowie eine psychedelische Erfahrung für Abwechslung. Außerdem ist da ja noch die Frage, wer Baumann erschlagen hat; sie wird erst ganz am Schluss geklärt. Mit Ausnahme der packenden letzten Folge, als die Jugendlichen um ihr Leben kämpfen müssen, ist die Inszenierung (Markus Goller, Lennart Ruff) über weite Strecken jedoch fast zu entspannt, zumal zwischendurch auch mal gar nichts passiert.

„Wild Republic“

Freitag, 3. Juni um 22.15 Uhr in der ARD

Eine Reduzierung auf sechs Folgen hätte der Serie nicht geschadet, zumal nicht alle Szenen gelungen sind. Dazu gehört auch ein TV-Auftritt Selliens, der in einer Talkshow die Philosophie seines Projekts erläutert. Damit die Botschaft auf jeden Fall ankommt, muss ihm ein betont engstirnig inszenierter Zeitgenosse sinngemäß erwidern, ein bisschen Prügel habe noch keinem geschadet. Die Bildgestaltung ist allerdings vorzüglich, zumal gerade die Naturaufnahmen sehr eindrucksvoll sind, und die Musik (Volker Bertelmann) ist sehr präsent. Das „Erste“ zeigt heute vier Folgen; die weiteren Episoden folgen an den kommenden beiden Freitagen. Die Serie steht bereits komplett in der ARD-Mediathek. (Tilmann P. Gangloff)

Der Tatort „Liebeswut“ aus Bremen zeigt Menschen, die nicht im richtigen Maß lieben.

Auch interessant

Kommentare