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Lederkappe und Fliegerbrille: einfach unentbehrlich.
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Lederkappe und Fliegerbrille: einfach unentbehrlich.

Film

Die Wiederkehr der Propaganda

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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"Der rote Baron", das frustrierende Spektakel eines unmöglichen deutschen Actionfilms.

Über den Wolken verschieben sich die Perspektiven in bemerkenswerter Weise. Es gibt keinen Grund, an der Weisheit des Hobbyfliegers und Liedermachers Reinhard Mey zu zweifeln: Was uns groß und wichtig erscheint, wird plötzlich nichtig und klein. Das berechtigte Tabu, einen deutschen Soldaten noch einmal zum Kinohelden zu stilisieren: Weggeblasen. Die altmodische Gewohnheit, bei einem Kriegsfilm ein Minimum politischer Einordnung einzuweben, und sei es nur als Zeitkolorit: zerstäubt zu Wolkendunst. Ein Mindestmaß an Sprachgefühl im Dialog: Vom Winde verweht.

"Mein größter Sieg bist Du": Manfred von Richthofens Liebeserklärung an die pazifistische Krankenschwester Käte geht eine wortreich geführte Debatte voraus, die einzige, die dieses biographische Märchen anzubieten hat: Kann man aus bloßer Tollkühnheit 80 gegnerische Flugzeuge vom Himmel holen? "Beim Tennis sterben keine Menschen", hatte ihm Käte ins Gewissen geredet. Und doch hört ihr Herz dann auf seine blumigen Worte, die wohl nicht mal dem jungen Boris Becker in seligen Babs-Zeiten eingefallen wären: "Mein größter Sieg bist Du".

Es hat viele "Rote Barone" im Kino gegeben, die meisten im angelsächsischen Sprachraum, wo es die makabre Seele des Humors erlaubt, ein verschmitztes Element schauriger Bewunderung für den einstigen Gegner einzuflechten. Immerhin waren es in der Hauptsache Briten, die der in Wahrheit durchaus sadistisch motivierte Kampfflieger als brennende Fackeln vom Himmel holte. Es fällt nicht schwer, sich eine Neubetrachtung dieser höchst zwiespältigen Figur in einem großen Kinofilm vorzustellen. Ob Terry Gilliam oder David Cronenberg: Sie hätten den Draufgänger in bewegte Bilder fassen können, die nicht nur faszinieren, sondern auch im nötigen Maß verstören.

Und hier nun tritt das nationale Dilemma auf den Plan: Auch ohne Filmförderung und mit Blick auf den Weltmarkt - gedreht wurde in Englisch - ist die einzige Verfremdung, die Regisseur und Autor Nikolai Müllerschön ("Schulmädchen '84") zu seinem Thema einfällt, eine urdeutsche: Mit Schlagerromantik versucht er dem Getriebenen beizukommen und Verständnis für sein entmenschlichtes Abenteurertum zu wecken.

Keine Liebschaft bekannt

Obwohl man dem historischen Richthofen, im Film von einem harmlos-jovialen Kaiser Wilhelm als Frauenschwarm bewundert, keine Liebschaften zuordnen kann, ist der einzige halbwegs durchgängige Handlungsfaden die Liebesgeschichte. Auf die von Lena Headey gespielte Krankenschwester muss man im übrigen gekommen sein, als Joseph Fiennes für die Rolle eines "englischen Patienten" besetzt wurde. Er gibt den Duellanten des "Gentleman-Offiziers" Richthofen, den abgeschossenen Piloten, den der Deutsche heldenhaft aus dem brennenden Flieger befreit.

Alles an diesem Film scheint auf Konsens und Unanstößigkeit fokussiert. Dieser "Rote Baron" ist eine Nichtigkeit. Man kann sich nicht zornig an ihm abarbeiten wie am "Untergang", denn dieser Film will weder belehren noch provozieren. Noch weniger taugt er als Vorlage für irgendein neu erwachtes Nationalgefühl, abgesehen vielleicht von der dümmsten aller patriotischen Floskeln, die da heißt: Wir Deutschen können jetzt wieder große Actionfilme für den Weltmarkt drehen. Unfug. Können wir nicht. Niemand könnte das für ein Achtel dessen, was Martin Scorseses Fliegerfilm "The Aviator" gekostet hat. Die digitalen Kampfszenen sind lächerlich und kaum von jenen billigen Rückprojektionen zu unterscheiden, denen Howard Hughes in Hollywood schon 1930 eine Absage erteilte. Das Bundesarchiv verwahrt eine fabelhaft restaurierte Kopie des deutschen Fliegerfilms "Ikarus", den Carl Froehlich 1918 drehte. Hergestellt in den letzten Kriegstagen, kam er mit einer sonderbaren pazifistischen Wendung in die Kinos der jungen Weimarer Republik. Schon damals ließ sich der Kreis nicht glaubhaft quadrieren. Aber es war doch wenigstens viel besser gemacht.

Bilder wie in der H&M-Reklame

Dieser "Rote Baron" kleidet sich in eine beklemmende Lässigkeit. Ständig verwahren die Akteure ihre Hände in den Hosentaschen, was dazu beiträgt, die Bilder für H&M-Anzeigen zu halten. Jeder Widerspruch ist zwecklos. Alles, was dieser Film sagen möchte ist: Ich bin Spaß und wer es anders sieht, ist eine Spaßbremse. Und genau hierin liegt das eigentliche Diktat, ja die Wiederkehr der Propaganda: Wer sich selbst von jedem höheren Anspruch freistellt, den darf auch nur ein Miesepeter kritisieren. Man hätt ja gerne Spaß an diesem Film, aber…

Wie würde wohl der beste Richthofen-Darsteller der Filmgeschichte auf diesen Film reagieren, der Vierbeiner Snoopy? Er würde ihn wohl eine Zeitlang genießen. Da läge er dann auf dem Dach seiner Hundehütte und simulierte zu den Wolkenbildern und Kampfgeräuschen seine Flugkünste. Dann aber würde er eingeholt von vollmundigen Dialogen, die zum Himmel schreien. Und er würde sich einer Spezialität erinnern, die er noch besser beherrscht als das Fliegen. Er begänne auf seine unnachahmliche Art zu kichern und zu glucksen, er würde sich dabei selig auf dem Rücken wälzen, und Reinhard Mey hätte schon wieder recht: Es gibt Tage, da wünscht' ich, ich wär' mein Hund.

Der rote Baron, Regie: Nikolai Müllerschön, D 2007, 129 Minuten.

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