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Die 12-jährige Fane und ihr roter Rucksack sind im Dorf PK 12 zurückgeblieben und warten auf den nächsten Flüchtlingstransport.

"Cahier africain", 3Sat

Die Wiederkehr der Gewalt

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Aus einer Doku über die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen in Zentralafrika wurde eher unfreiwillig ein zutiefst bewegendes Portrait einer Nation im Bürgerkrieg ? und einer der besten Dokumentarfilme der letzten Zeit.

Das titelgebende „afrikanische Schulheft“ ist eine lose, handschriftliche Sammlung von Fotos und Berichten aus einem kleinen Vorort von Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Darin sind die Gräueltaten beschrieben, die die Dorfbewohner im Jahr 2002 von einer Gruppe kongolesischer Söldner ertragen mußten, darunter Morde, Plünderungen und Vergewaltigungen. Und auch wenn der kongolesische Befehlshaber Jean-Pierre Bemba in Den Haag vor Gericht gestellt und verurteilt wurde (wobei das Heft als wichtige Zeugenaussage diente): das Trauma der Bevölkerung ging nicht weg – auch weil aus den Vergewaltigungen Kinder hervorgegangen sind.

Die erste Hälfte des Films, in der die Filmemacherin Heidi Specogna der Geschichte dieses Heftes und aller, die damit in Berührung gekommen sind, nachspürt, unterschiedet sich radikal von der zweiten. Hier liegt ihr großer Verdienst darin, die Größe der Schicksale zu erzählen, auch wenn sie nicht Teil eines weltberühmten Konflikts waren, sondern nur in der Fußnote einer Fußnote auftauchen. Ihr Grauen schafft es nichtmal auf die Wikipedia-Seite des Landes, dessen Geschichte schon so überquillt mit Bürgerkriegen, Umstürzen und überschwappenden Nachbarschaftskonflikten aus Darfur oder Tschad.

Neben den Opfern, die hier mit Wärme und echter Zuneigung porträtiert werden, bleibt dabei vor allem die kuriose Geschichte der einen, einsamen Juristin im Dorf in Erinnerung, die einen Verein zur Opferhilfe gegründet und das Heft mit den Anklagen zusammengetragen hat. Sie wird sechs Monate später vom derzeitigen Präsidenten schlagartig zur Tourismusministerin ernannt und somit rausgekauft aus ihrem unbequemen Engagement für die Opfer, das sie auch freudig und komplett vergißt. Und als nach wenigen Jahren der nächste Putschist den Präsidentenpalast erobert, hat sie sich mitsamt der Spendenkasse der Opferorganisation abgesetzt. „Eine afrikanische Karriere“, wie Specogna lakonisch anmerkt.

Aber dann macht die Geschichte der Filmemacherin einen Strich durch die Rechnung: Zehn Jahre nach den Geschehnissen, im Jahr 2012, marodieren plötzlich muslimische Seleka-Rebellen durchs Land, und das Dorf steht erneut vor der Frage, wie man sich schützen kann. Erneut sterben Männer des Dorfes bei Überfällen, erneut werden Häuser ausgeraubt und Frauen bedroht. Und diesmal ist es ein voll ausgewachsener Bürgerkrieg, mitsamt Junta-Herrschaft und allem.

Hier gelingt Heidi Specogna plötzlich etwas Unerhörtes, das ihre Doku auf eine ganz neue Ebene hebt und ihr völlig zurecht den Deutschen Filmpreis und eine ganze Reihe anderer Auszeichnungen eingebracht hat: Sie schafft es irgendwie, den ganzen Bürgerkrieg als subjektive Erfahrung der Dorfbewohner zu dokumentieren. Und im Zuge dessen filmt sie sensationelle Aufnahmen, die sie sicherlich nur unter großer Gefahr machen konnte.

Da ist der groteske Fahnenappell der Seleka, den sie direkt filmen darf, und bei dem schmerzhaft klar wird, daß diese „Miliz“ nichts weiter als ein unorganisierter Haufen bekiffter Hinterwäldler mit Kalaschnikows ist, die glauben, wenn sie in der Hauptstadt alle Leuchtstoffröhren und Steckdosen rausreißen, kriegen ihre entlegenen Heimatdörfer in der Provinz mehr Strom. Bezahlt werden sie nicht, sie ernähren sich durch Plünderungen. Sie haben nicht mal Uniformen.

Da ist der Anblick von Leichen, die auf den Straßen herumliegen; von Familien, die mit Handwägen in spontan errichtete Flüchtlingslager in der Nähe der internationalen Schutztruppen ziehen; von dem Chaos in den Krankenhäusern und dem Mangel an Nahrung und Wasser; da sind die blutdürstige christlichen Gegen-Milizen, die durch das Land ziehen und Moscheen niederbrennen und Imame enthaupten; da sind die berührenden Aufnahmen eines kleinen Jungen, der  auf der Flucht von seiner Familie getrennt wurde und am Handy eines Flüchtlingshelfers verzweifelt und vergeblich versucht, telefonisch irgendjemanden zu erreichen, während ihm die Tränen das Gesicht herunterströmen.

Es sind manchmal wunderschöne, manchmal grauenhaft schonungslose Bilder, aber sie bleiben nie abstrakt. Niemals wird das ein Film über einen Konflikt, sondern es bleibt ein Film über eine Gruppe von Menschen, deren Leid wir mitfühlen und deren Angst wir spüren, auch wenn sie am anderen Ende der Welt sind und ihre Situation uns kaum vorstellbar erscheint. Für zwei Stunden laufen wir neben ihnen her, reden mit ihnen, fühlen mit ihnen und erkennen uns selbst. Und genau das sollte die Aufgabe jedes Dokumentarfilms sein.

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