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„Wie eine Art Tod“

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Der französische Profiradrennfahrer Laurent Brochard in Aktion beim 24-Stunden-Radrennen von Le Mans.
Der französische Profiradrennfahrer Laurent Brochard in Aktion beim 24-Stunden-Radrennen von Le Mans. © ARTE France

Der Preis des Ruhms: In dem Dokumentarfilm ziehen ehemalige Spitzensportler ein bitteres Karrierefazit.

Von Tilmann P. Gangloff

Das Bild ist ebenso schlicht wie erschütternd: Auf dem Foto einer italienischen Fußballmannschaft verblassen nach und nach einige Spieler; sie leben nicht mehr. Die Aufnahme ist quasi die Quintessenz des französischen Dokumentarfilms „Druck, Doping, Depressionen“. Xavier Deleu und Yonathan Kellerman haben mit einer Vielzahl ehemaliger Spitzensportler über deren Karriere gesprochen. Fast alle ziehen ein Fazit, in dem die Siege, Medaillen und Ehrungen nur noch eine untergeordnete Rolle spielen: weil sie ausnahmslos ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben.

Erbarmungslos schlägt das Autorenduo eine tiefe Schneise in diese Welt des Ruhms. Schockierend sind vor allem die Ausflüge nach Italien und in die USA. In der Serie A erkranken in Folge von Doping doppelt so viele Fußballer an Krebs oder Leukämie wie der Durchschnitt der italienischen Bevölkerung; bei der Nervenkrankheit ALS ist die Diskrepanz zehnmal so groß.

Noch krasser sind die amerikanischen Statistiken. In brutaler Schnittfolge zeigen Deleu und Kellerman Zusammenstöße zwischen Football-Spielern, bei denen stets der Schädel betroffen ist. Nicht ausgeheilte Gehirnerschütterungen („Boxer-Syndrom“), erläutert anschließend eine Neuropathologin, die viele Sportlergehirne seziert hat, hinterlassen Schäden, die auch Jahre nach dem Karriereende noch zu Schlaganfällen führen; Tausende ehemaliger Profis haben die National Football League (NFL) mittlerweile verklagt. Ähnlich viel Bitterkeit ruft das Interview mit der früheren ostdeutschen Schwimmerin Jutta Gottschalk hervor.

Sie wurde schon als Kind systematisch gedopt. Unter den Spätfolgen leidet vor allem ihre mit einer starken Sehbehinderung geborenen Tochter. Die Kugelstoßerin Heidi Krieger musste in ihrer Jugend derart viel Testosteron schlucken, dass sie schließlich zum Mann wurde; heute heißt sie Andreas.

Aber längst nicht alle Interviewpartner sind Doping-Opfer. Viele Sportler beschreiben einfach nur den gnadenlosen Druck, dem man an der Spitze ausgesetzt ist: weil man gerade im Mannschaftssport jederzeit ersetzbar ist. Deshalb vertrauen sie ihren Ärzten, denen es auf wundersame Weise gelingt, eine Zerrung bereits nach drei Tagen verschwinden zu lassen; allerdings ohne Rücksicht auf Langzeitschäden.

In den Einzelsportarten sind die Zwänge womöglich noch größer: Wer nicht an den Start geht, verdient auch nichts. Die Sponsoren wollen für ihr Geld nicht nur Leistung sehen, sondern natürlich Medienpräsenz, und die gibt es vor allem für Siege und Rekorde. Die französische Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli beschreibt, wie sie sich deshalb jeden Morgen zum Training quälte, obwohl sie wegen verkürzter Achillessehnen kaum auftreten konnte und der gesamte Körper schmerzte.

Ein Turner erzählt, wie er einen Wettkampf mit gerissenen Schultersehnen absolvierte; eine Boxerin erinnert sich an einen Kampf, den sie mit gebrochenem Halswirbel bestritt. Andere Sportler schildern, wie sie nach der Karriere in Depressionen verfallen sind, weil sie fortan ohne die Droge Aufmerksamkeit leben mussten; das sei „wie eine Art Tod“ gewesen, sagt ein Athlet.

Zu den weiteren Gesprächspartnern gehören unter anderem Henning Fritz, Torhüter der deutschen Handballmannschaft, die 2007 Weltmeister wurde, der französische Fußballnationalspieler Jean-Pierre Papin, der Mitte der Neunziger beim FC Bayern spielte, der italienische Fußballweltmeister Gennaro Gattuso, der 1998 in den Festina-Dopingskandal verwickelte Radsportweltmeister Laurent Brochard sowie diverse Spitzensportler aus der Leichtathletik, darunter 110-Meter-Hürden Weltmeister Colin Jackson, und der ostdeutsche Zehnkämpfer Christian Schenck, Olympiasieger 1988.

Obwohl die eineinhalb Stunden von Interviews dominiert werden, ist „Druck, Doping, Depressionen“ nicht eine Minute zu lang. Deleu und Kellerman erwähnen nicht, ob sie sich auch um noch aktive Spitzensportler bemüht haben, aber die Antwort liegt ohnehin auf der Hand. Die Autoren halten sich ohnehin stark zurück, der Film gehört überwiegend den Athleten.

Im besten Fall wird man Wettkämpfe aller Art fortan mit anderen Augen sehen, aber grundsätzlich wird sich nichts ändern, dafür geht es um viel zu viel Geld, weshalb sich der Sport eher noch stärker den Gesetzen des Marktes unterwerfen wird; mit Spitzensport, heißt es, werde weltweit ähnlich viel Geld umgesetzt wie in der Auto- oder Textilindustrie (2013 waren es 700 Milliarden Euro).

Zu kurz kommt allerdings die Rolle der Medien. Gerade das Fernsehen beschert den Sportlern und somit auch ihren Sponsoren die Präsenz, die sie brauchen, und selbstredend wollen die Sender für die zum Teil horrenden Summen, die sie für die Übertragungsrechte bezahlen, das größtmögliche Spektakel. Und noch etwas kommt zu kurz: Letztlich ist der Spitzensport ein Spiegel der Gesellschaft; aber das wäre vermutlich ein weiteres abendfüllendes Thema.

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