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Thomas Gottschalk mit Sidekick Michelle Hunziker. Sie sagt: „Wir sind touchy.“ Er sagt: „Du hast doch immer zurückgefummelt.“
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Thomas Gottschalk mit Sidekick Michelle Hunziker. Sie sagt: „Wir sind touchy.“ Er sagt: „Du hast doch immer zurückgefummelt.“

„Wetten, dass..?“-Revival

„Wetten, dass..?“ im ZDF: Das Feuer ist aus

  • VonMirko Schmid
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„Wetten, dass..?“ ist zurück, das Revival wird zum Quoten-Hit. Aber dank Thomas Gottschalk auch zu einem Festival der Fremdscham. Eine TV-Kritik.

Nürnberg - Es beginnt mit Standing Ovations. Drei Minuten lang lässt sich Thomas Gottschalk feiern, das Nürnberger ZDF-Publikum singt „oh wie ist das schön“. „Wetten, dass..?“ ist wieder da. Und Gottschalk liefert. Er braucht keine zwei Minuten, um sich über die Moderne lustig zu machen. Ob er gendern würde, sei er gefragt worden. „Natürlich“, sagt er, „wetten, die, wetten, der, wetten dass“. Denn Gottschalk, da lässt er keine Zweifel aufkommen, sieht sich als Bastion einer längst vergangenen Zeit.

Einer Zeit, in der sich niemand laut an der Hegemonie des weißen Mannes störte, der in seiner „Wurschtigkeit“ (so nannte Thomas Gottschalk es vorab in einem Interview) Altherrenwitzchen riss. Er beschwört im ZDF das Lagerfeuer herauf, an dem sich früher alle gemeinsam vor der Glotze wärmen konnten. Es ist dem Menschen zu eigen, die Vergangenheit zu verklären. Immer ein wenig wohliger auf ein Damals zurückzuschauen, als es wirklich gewesen war.

„Wetten, dass..?“ mit Thomas Gottschalk sorgt für nostalgische Gefühle und Fremdscham

„Wetten, dass..?“ ist der Inbegriff dieses Gefühls. Wir alle haben unsere Geschichte mit diesem ZDF-Format, für viele ist es verbunden mit geliebten Menschen und Ritualen, die häufig nicht mehr unter uns weilen. Mit einer Zeit, in der alles ein wenig heimeliger, weniger stressig, schnell und laut war. Schon kurz nach Beginn dieses besonderen Fernsehabends explodiert etwa das Kurznachrichtenportal Twitter.

Viele berichten davon, wie sie „Wetten, dass..?“ damals empfunden hatten. Frisch gebadet und mit geputzten Zähnen von ihren Eltern vor den TV gesetzt worden sind. Und bis zum Ende ZDF schauen und wach bleiben durften. Die Kommentare zum Revival der Show sind ambivalent. Aus vielen trieft eine gewisse Wehmut. Aus anderen blanke Abneigung. Einige Minuten und unzählige sexistische Zoten Gottschalks später schreibt einer: „Wetten, dass..? war mal eine Familiensendung, heute nur noch Boomercringe mit abgenutztem Moderator aus der Fernsehgruft voller selbstreferentieller Pseudowitzchen.“

Er trifft damit einen Nerv. Denn Thomas Gottschalk lädt zum Fremdschämen ein. Offen. Er sagt: „Ab einem gewissen Alter sollte einem vieles egal sein und ich muss ihnen sagen, ich habe dieses Alter erreicht.“ Applaus brandet auf. Und dann lässt er sich von seinem Sidekick Michelle Hunziker versichern, dass es ganz okay ist, Frauen zu begrabbeln. Sie sagt: „Wir sind touchy.“ Er sagt: „Du hast doch immer zurückgefummelt.“ Es tut fast weh.

Eine Viertelstunde später kommentiert eine Twitter-Nutzerin: „15 Minuten Wetten, dass.. und Thomas Gottschalk hat schon mehr unpassende ‚Witze‘ gemacht als andere Leute in 15 Jahren. Muss man auch erst mal schaffen.“ Sie hat Recht. Autor Max Bierhals schreibt: „Cool, dass das Jugendwort des Jahres dieses Jahr eine eigene Show im ZDF bekommt.“ Er meint: cringe. Das Wort also, das extrem peinliche Menschen und Situationen beschreibt.

„Wetten, dass..?“ mit Thomas Gottschalk: Boomer treffen Generation Cringe

Und aus heutiger Sicht ist „Wetten, dass..?“ cringe. Einfach deswegen, weil hier das Lagerfeuer der Boomer-Generation ungelenk auf eine Gesellschaft und Generation trifft, die sich weiterentwickelt hat. Es fällt leicht zu verstehen, warum sich immer mehr Menschen einigeln. Mit all diesen modernen Denkweisen und einer Umgebung fremdeln, in der es nicht mehr okay ist, einer Kellnerin einen Klaps auf den Hintern zu geben und sie „Fräulein“ zu nennen. Einfach, weil sich Frauen nicht mehr peinlich berührt auf die Zunge beißen wollen.

Es fällt leicht zu verstehen, dass sich Menschen nach einer Zeit zurücksehnen, in der sie mehr sagen durften, ohne daran erinnert zu werden, dass sie damit andere verletzen könnten. Nach einer Zeit, in der sie sich weniger alt fühlen mussten. Aber diese Zeit ist vorbei. Die neue Zeit ist rücksichtsvoller, aber auch divergenter. Jene, die sich zurückwünschen, empfinden die Zurechtweisungen der Jungen häufig als Angriff auf ihre eigenen Gewohnheiten. Und die Jungen empfinden die Nostalgischen als trampelig. Kann ein einziger Abend „Wetten, dass..?“ im ZDF beide zusammenbringen?

GastBeruf
Michelle HunzikerFernsehmoderatorin, Schauspielerin, Model und Sängerin
Helene FischerSchlagersängerin, Tänzerin, Fernsehmoderatorin und Schauspielerin
Joko WinterscheidtFernsehmoderator und Schauspieler
Klaas Heufer-UmlaufFernsehmoderator, Fernsehproduzent und Unternehmer
Heino FerchSchauspieler
Svenja JungSchauspielerin

Thomas Gottschalk bekommt relativ schnell die Kurve. Nach seinem extrem unangenehmen Einstieg ist er wieder ganz der alte ZDF-Showmaster, den viele noch als jung und frech in Erinnerung haben, und der später von Markus Lanz abgelöst wurde. Gottschalk, der Typ, der mit dem jungen Günther Jauch das Privatfernsehen zur bunten Spielwiese machte und auch die Öffentlich-Rechtlichen zwang, sich ein wenig zu entstauben. Diese Rolle hat er noch immer drauf.

Thomas Gottschalk fährt in „Wetten, dass..?“ die erwartbaren Music-Acts auf

Er führt durch die vielen, sehr kreativen und sehr sympathischen Wetten. Es beginnt Recycling-Hund Uno. Der macht seine Sache so lala, aber extrem niedlich. Doch bevor der kleine Racker anfängt, Müll zu trennen, wird Gottschalk noch einmal sehr cringe. Er fordert Michelle Hunziker dazu auf, Yogaübungen mit dem Parson Russell Terrier zu machen, sollte Uno den Müll nicht sauber trennen. Hunziker weist auf ihr knapp geschnittenes Kleid hin. Gottschalk sagt, genau das hätte ihn auf die Idee gebracht. Aber dann erweist sich Uno als guter Deutscher und trennt den Müll akkurat.

Es folgt der erste Musik-Auftritt. Die unvermeidliche Helene Fischer macht den Auftakt eines Pop-Programms, das vor allem eines ist: ein Zugeständnis an das alternde ZDF-Zielpublikum. Fischer, Udo Lindenberg, die Abba-Herren Björn Ulvaeus und Benny Andersson, die vor kurzem ihr neues Album veröffentlicht haben, ein Musical-Auftritt – hätte man nach Ankündigung des „Wetten, dass..?“-Revivals raten müssen, wer kommt: es wären viele Treffer dabei gewesen. Für eine Gesellschaft, die sich der Moderne nicht um jeden Preis entziehen möchte, darf nur die Hamburger Senkrechtstarterin Zoe Wees singen. Ihr Auftritt ist neben der sympathischen SOS-Interpretation der ABBA-Legenden mit Helene Fischer das musikalische Highlight des Abends.

Weiter geht es mit einer Kinderwette, die den monumentalen Graben zwischen der Generation Kohl und der Generation TikTok geradezu schmerzhaft vor Augen führt. Gottschalk wirkt auf einmal nicht mehr wie der freche Showmaster, sondern wie ein älterer Herr, der nicht weiß, wie er mit einem schlagfertigen Jungen umgehen soll. Der macht seine Sache danach exzellent, klettert an den Schlaufen eines Requisite-U-Bahn-Abteils kopfüber hin und zurück und bekommt zur Belohnung ein Meeting mit seinem Idol, einem jungen Trampolin-Künstler und Social Media-Meister.

„Wetten, dass..?“: Dartspieler veralbert Thomas Gottschalk und wird Wettkönig

Als Nächstes tritt bei „Wetten, dass..?“ ein junger Dartspieler auf den Plan. Er schafft es erstaunlich treffsicher, seine Darts auf eine ausgeblendete Weltkarte zu werfen und fast immer das Land zu treffen, das gefordert wird. Thomas Gottschalk nutzt die Gelegenheit für eine Spitze gegen Markus Söder. Gottschalk sagt: „Schade, dass unser Ministerpräsident heute nicht gekommen ist, der kann das mit den Pfeilen auch gut, aber die landen alle in Nordrhein-Westfalen.“ Und der Dartspieler, Leon Krampe heißt er, ist nicht nur beim Werfen treffsicher. Er soll einen Dart auf Kasachstan werfen, Gottschalk kalauert: „Jetzt werden die Kasachen lachen.“ Krampe sarkastisch: „Ich lache, bei deinen Witzen.“ Gottschalk: „Ich mach hier die Witze.“ Es ist ein starker Moment von beiden. Später soll das alles Krampe den Titel des Wettkönigs und 50.000 Euro einbringen.

Es folgt eine ganz witzige Außenwette. Feuerwehrleute spritzen mit ihren Schläuchen ein Kart um eine Rennbahn und schaffen das schneller, als eine gemischte Staffel österreichischer Läufer:innen, die bei „Wetten, dass..?“ im Sebastian Kurz-Türkis zuvor ihr Bestes gaben. Am Ende feiern alle zusammen den Sieg des Feuerwehr-Karts. Das alles ist so sympathisch, dass die enorme Wasserverschwendung und der Umstand, dass jemand wie Giovanni Zarella die Außenwette moderieren darf, fast in Vergessenheit geraten.

Anschließend dürfen im ZDF zwei ziemlich aufgedrehte und brutal liebenswerte Schwestern beweisen, dass eine Klobürste ein häufig unterschätztes Musikinstrument ist. Während die eine Schwester mit der Bürste im Klo musiziert, errät die andere alle Stücke. Beide freuen sich wie Honigkucheneinhörner und erobern die Herzen des – in seiner ganz großen Mehrheit sehr weißen und sehr betagten – Studiopublikums im Sturm. Abgesehen davon bleibt von ihrem Auftritt hängen, dass sie zuvor händchenhaltend in den Saal gestürmt waren und Thomas Gottschalk es sich nicht nehmen ließ, die Hand einer der Schwestern seinerseits zu grapschen. Und zwar so lange, bis sie anfing, ihre Kinder aufzuzählen.

„Wetten, dass..?“ mit Thomas Gottschalk: Frank Elstner und ein Bagger für die Nostalgie

Die letzte Wette im ZDF erfüllt gleich zwei nostalgische Bedürfnisse. Endlich kommt der von vielen bei der Außenwette schmerzlich vermisste Bagger ins Spiel. Eine junge Frau wirft Frisbees, ihr verwandter Baggerfahrer schnappt sie mit seinem schweren Gerät aus der Luft. Hier kommt die größte Spannung des Abends auf und es fällt schwer nicht zuzugeben, mitgefiebert zu haben. Ganz, ganz knapp scheitern sie daran, die geforderte fünfte Frisbee und den Greifer des Baggers zusammenzubringen.

Das zweite nostalgische Bedürfnis stillt Frank Elstner, der die Wette ansagen und moderieren darf. Die ZDF-Showlegende ist der heimliche Stargast des Abends, stellt die herrlich schlagfertigen Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf genauso in den Schatten wie das Schauspiel-Duo Heino Ferch und Svenja Jung (die einen sehr passablen Pulp Fiction-Gedächtnistanz hinlegen). Seine Moderation der Bagger-Wette ist so ruhig, sachlich und empathisch, dass Gottschalk neben ihm auf einmal irgendwie jugendlich wirkt. Aber eben auch deutlich weniger einnehmend als sein Vorgänger.

Thomas Gottschalk versammelt mit „Wetten, dass..?“ noch einmal ums Lagerfeuer

Der, also Elstner, macht Gottschalk anschließend ziemlich deutliche Avancen, „Wetten, dass..?“ ab sofort als jährliches Event auszutragen. Gottschalk tut so, als ob er diese Idee vom Tisch wischen will, macht das aber so auffällig, dass klar wird: Er will das auch. Er solle sich doch bitte beim ZDF-Programmchef melden, sagt Elstner. Gottschalk lächelt. Am Ende schauen mehr als 14 Millionen an diesem Abend zu, das Revival macht richtig Quote. Noch einmal haben sie es geschafft, alle ums Lagerfeuer zu versammeln.

Auch wenn an diesem Lagerfeuer klar wurde, dass die Generationen dort nicht mehr so ganz wissen, was sie einander zu sagen haben. Es bleibt ein sehr ambivalenter Eindruck dieses Abends. Am Anfang ein Festival der Fremdscham, hinten raus unterhaltsam und so nostalgisch, wie es sich alle gewünscht haben. Ganz am Ende erwischt man sich, „Wetten, dass..?“ irgendwie vermisst zu haben. Und all die Erinnerungen an die schönen Abende daheim mit Menschen, die man liebt oder geliebt hat. Die man heute kaum noch oder gar nicht mehr sieht. Und doch sollte es dabei bleiben. Es war ein schönes Gefühl, noch einmal zurückgereist zu sein. Aber bitte belasst es dabei. Das Lagerfeuer ist aus. (Mirko Schmid)

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