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Nazif Mujic bei der Berlinale 2013.

Berlinale

Vom Wert des Lebens

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Zum Tod des bosnischen Bären-Gewinners Nazif Mujic

Bis in die 90er Jahre war, meist in Berlins U7 und vorwiegend nachts eine ausgezehrte Person mit orthopädischen Schuhen unterwegs gewesen, die die Fahrgäste unerschrocken musterte und mit großem Auftritt aufforderte, ihr eine Spende zu geben – „für meinen LebensMUT!“ – mit geradezu triumphierend betonter letzter Silbe. Nichts zu geben, fühlte sich damals feige an, aber zu geben, machte einen zum Teil einer zynisch wirkenden Inszenierung. Immerhin führte die Lebensmutige selbst Regie.

Der bosnische Film „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“, der 2013 bei der Berlinale gezeigt wurde, hinterlässt einen mit ähnlich zwiespältigen Gefühlen. Man sieht den Lebensmut einer Roma-Familie in einem Dorf in der Nähe von Tuzla. Mann, Frau, zwei Mädchen, nackte Wände, Holzofen, krisseliges Fernsehn. Senada, die Romni, ist schwanger, der Fötus stirbt, sie bräuchte eine Ausschabung. Als Rom-Frau ist sie aber nicht versichert, und obwohl er in einem solchen Notfall zur Behandlung verpflichtet wäre, verlangt der Klinikchef in Tuzla rund 500 Euro im voraus. „Befehl ist Befehl“, sagt der Arzt und schickt die Familie weg.

Erst nach Tagen und mit viel Nachbarschaftshilfe schafft es Nazif, Senada auf die Versicherungskarte ihrer Schwägerin im serbischen Teil Bosniens vor einer Sepsis bewahren zu lassen. Danach geht das Leben von der Hand in den Mund weiter.

Der Film, den der renommierte bosnische Regisseur Danis Tanovic („No Man’s Land“) drehte, nachdem er in der Zeitung von dem Fall gelesen hatte, ist kein Dokumentarfilm, sondern die Beteiligten spielen ihr eigenes Leben nach, sind gewissermaßen „Experten des Alltags“, wie diese Form bei dem Theaterkollektiv Rimini Protokoll heißt. 50 Euro pro Tag gab es wohl, 26 Drehtage insgesamt.

Dann wurde der Film auf die Berlinale eingeladen, und Nazif Mujic erhielt für die Rolle des Nazif Mujic den Silbernen Bären, der Regisseur den Großen Preis der Jury.

Für jemanden wie den Österreicher Georg Friedrich, der den Silbernen Bären letztes Jahr für seine Rolle in dem Vater-Sohn-Roadmovie „Helle Nächte“ von Thomas Arslan erhalten hat, ist die Auszeichnung eine künstlerische Würdigung. Für Nazif Mujic muss sie eine Anerkennung als Mensch, als Rom, gewesen sein, ein Beweis, dass er gesehen wurde in seinem Streben (das er jederzeit und auch vor der Kamera authentisch fortsetzen konnte), dass er im biblischen Sinne erkannt und angenommen war.

Warum dieser getragene Ton? Wie am Sonntag bekannt wurde, ist Nazif Mujic mit 48 Jahren in seinem bosnischen Dorf gestorben. Offenbar an Diabetes erkrankt und so arm wie vor dem Film, vielleicht war wieder eine Arztrechnung offen, den Berlinale-Bären hatte er schon letztes Jahr verkauft und 4000 Euro dafür bekommen. Er hinterlässt seine Frau Senada Alimanovic und jetzt drei Kinder.

Nach dem Berlinale-Erfolg, den er übermütig genießen konnte, hatte Nazif Mujic mit seiner Familie in Berlin einen Asylantrag gestellt und dabei auch die Bärenstatue mitgebracht. Trotz des Glamourfaktors wurde der Antrag abgewiesen, und als „Wirtschaftsflüchtlinge“ eingestuft, mussten die Alimanovic-Mujics Deutschland vor vier Jahren nach einigen Wochen im Asylbewerberheim in Gatow wieder verlassen. Der Kulturbetrieb konnte nicht helfen. Auch nicht wenn es ein deutscher Film gewesen wäre, einen Künstlerschutz gibt es nach geltendem Recht nicht. Regisseur Tanovic half ebensowenig, er drehte weiter, und 2016 erhielt sein nächster Film „Tod in Sarajevo“ abermals den Großen Preis der Berlinale-Jury.

Selbst wenn Nazif die Nachbarn in seinem Dorf mit „Bruder“ anspricht – niemand ist eines anderen Hüter. Gleichzeitig weiß man, wie Stars auf Festivals hofiert werden, wie kaum ein Sonderwunsch zu abwegig ist. Und man ahnt, dass trotz der strengen Richtlinien für Bewirtung im öffentlichen Haushalt die Berlinale-Empfänge kostenmäßig das Jahresauskommen einer fünfköpfigen Familie in Bosnien decken könnten. Darf man das aufrechnen?

Emma Watson spendete dieser Tage eine Million Pfund für einen Frauenschutzfonds im Bereich des britischen Films. Ein internationaler Fonds für Künstler in wirtschaftlicher Not wäre eine Option. Umverteilung jetzt! Doch wie ließen sich die Ab- und Zuflüsse reglementieren? Ist Armut überhaupt ein Anlass für Solidarität? Mujic hatte wohl geplant, wieder zur Berlinale zu reisen und dort seine Geschichte zu erzählen. Die Busfahrkarte war gekauft. Wem genau erzählen? Und wo? Mit einem Plakat von sich und dem Bären auf dem Marlene-Dietrich-Platz bittend für seinen künstlerischen LebensMUT? Oder hätte man ihn auf den Roten Teppich gelassen? Noch einmal als Hero (just for one day)? Als Held für einen Tag – und dann?

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