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Werner Herzog in einer Ausstellung in Berlin vorm 80. Geburtstag: Mit der Kunst gegen die Kunst

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Von: Arno Widmann

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Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“, 1982. Foto: Werner Herzog Film/ Deutsche Kinemathek
Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“, 1982. Foto: Werner Herzog Film/ Deutsche Kinemathek © © Werner Herzog Film

Zur Werner-Herzog-Ausstellung in der Deutschen Kinemathek in Berlin.

Es ist eine gerade mal zwei Säle – dazu kommen ein paar Kabinette – umfassende Ausstellung. Aber man kann sich stundenlang darin verlieren. Ich gehe davon aus, dass es eine Ausstellung für Fans von Werner Herzogs Filmen ist. Beurteilen kann ich das nicht. Ich war nie einer von ihnen. Also kann ich es hinaustrompeten in die Welt: Geht in diese Ausstellung, ihr alle, die ihr euch gelangweilt habt in seinen Filmen. Wir, die wir Werner Herzog in seinen Filmen nicht erkannt haben, werden ihn hier erkennen als einen großen Künstler. Am 5. September wird Werner Herzog 80 Jahre alt. Also gerade noch Zeit, ihn zu entdecken.

Der erste Saal der Ausstellung heißt „Natur“. Es gibt eine Videoinstallation, die Ausschnitte aus Herzogs Filmen zeigt. Mit 14 sei er, erklärt Herzog in einem Interview, nicht nur in die katholische Kirche eingetreten, sondern habe auch das Gehen entdeckt. Sein berühmtester Gang startete im November 1974. Ein Freund hatte ihn angerufen, dass es Lotte Eisner (1896–1983) sehr schlecht ging. Sie lebte seit 1933 in Paris und war seit 1945 Chefkonservatorin der Cinémathèque française. Sie durfte nicht sterben, befand Herzog. Er machte sich sofort auf den Weg. Aber nicht auf den schnellsten. Er bestieg also kein Flugzeug, sondern er ging zu Fuß zu ihr. Von München ins mehr als 1000 Kilometer Luftlinie entfernte Paris. Eine Prozession auf Eis. Herzogs Verhältnis zur Natur bezieht immer die zum eigenen Körper mit ein, also auch den Geist, der ja nicht weniger mit allem verbunden ist als jedes der Atome, aus denen unser Körper besteht.

Die Ausstellung macht eines deutlich: Was Werner Herzog weiß, das hat er erfahren. Nein: Er hat es ergangen. Wenn er etwas liest, dann bleibt er nicht dabei stehen, es einzusperren in sein Gedächtnis, sondern er steht auf, setzt sich in Bewegung, um es zu begreifen. Es ist gleichgültig, ob es sich um die Struktur des Universums oder die Abgründe unseres Seelenlebens handelt. Er will es verstehen. Mit allen Sinnen.

Seine Mutter schrieb ihre Dissertation über das Gehör von Fischen. Lebewesen also, die der Sprachgebrauch noch immer einer „stummen“ Unterwasserwelt zuordnet. Herzog hat immer wieder versucht, die Stummen, auch die zum Verstummen gebrachten, zum Reden zu bringen. Ein Großteil seines Werkes, das zeigt die Ausstellung beeindruckend, gründet auf Interviews, die er mit den unterschiedlichsten Personen geführt hat. Als 1977 auf Guadeloupe wegen eines drohenden Vulkanausbruchs evakuiert wird, weigert sich ein Mann wegzugehen. „Er musste ein anderes, mir unbekanntes Verhältnis zum Tod haben, das mich interessierte“, so schreibt Herzog in seinen Erinnerungen „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (Hanser). Also flog Herzog zu diesem Mann. In der Ausstellung kann man Teile eines Gesprächs sehen, das Herzog mit einem US-Häftling fünf Tage vor dessen Hinrichtung führte.

Der Blick auf die Extreme erleichtert die Erkenntnis der Welt. Es muss beides ernst genommen werden: die Einsicht, dass es eine Realität gibt, und das Wissen darum, dass es sehr von unserem Standpunkt abhängt, was wir als Realität (an)erkennen können. In diesem Dilemma bewegen wir uns. Nein: Wir haben uns darin gemütlich eingerichtet. Werner Herzog dagegen rennt immer wieder an gegen Sicher- und Gewissheiten. Kein Wunder, dass in seinem Leben und Werk die Vulkane eine so große Rolle spielen. Sie zeigen, dass die Erde selbst beben und auseinanderbrechen kann. Dass es unter uns tobt und Kräfte tätig sind, über die wir keine Macht haben. Nicht den Hauch einer Chance.

Gegen den Tod kommt man nicht an. Aber manchmal dann doch. So als er zu Fuß zur moribunden Lotte Eisner ging oder als ihn seine Mutter, er war gerade ein paar Wochen alt, in seiner Wiege fand, begraben unter einer „dicken Schicht von Glasscherben, Ziegeln und Schutt“. Häuser in der Umgebung waren bombardiert worden. Detonationswellen hatten auch das Haus, in dem er eben zu leben begonnen hatte, so schreibt Herzog, in Mitleidenschaft gezogen. Die Fenster des Ateliers, in dem seine Mutter, er und sein älterer Bruder wohnten, waren geborsten. Das Kind in der Krippe aber war unverletzt. Es hatte auch diese Katastrophe überlebt. Mit dieser Geschichte wuchs Werner Herzog auf.

Nicht, weil er sich an sie erinnerte, sondern weil er vermutlich immer wieder an sie erinnert wurde. Das Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein, hat ihn wohl schon früh begleitet. Vielleicht sogar die Erkenntnis, dass jeder von uns etwas Besonderes ist. Dass die Natur da draußen uns umbringt, wenn wir nicht lernen, mit ihr umzugehen, dass wir aber auch lernen müssen, mit dem Stück ungezügelter Natur umzugehen, das wir selbst sind – das hatte Herzog spätestens verstanden, nachdem er mit einem Messer auf seinen Bruder losgegangen war. Wir stehen nicht nur einander, wir stehen auch uns selbst im Wege. Das bringt uns Werner Herzog bei.

In der Ausstellung wird das zum Beispiel deutlich bei der Vorstellung seiner Arbeit mit Klaus Kinski. Sie steht hier im Kapitel „Kontroversen“. Also neben Fragen wie diesen: „Ausnutzung oder sensible Darstellung von Menschen mit Behinderungen?“, „Trauerarbeit oder Ästhetik des Schreckens?“, „Neugier auf das Fremde oder (post-)kolonialer Blick?“ Kinski lebte wohl aus, was Herzog schon als Jugendlicher zu disziplinieren lernte: den Jähzorn. Aber Herzog weiß, dass er ihn in sich hat, und er konnte Kinski brauchen als ein Alter Ego.

Wie Kaspar Hauser wohl auch ein Weg war, den Herzog lange in petto hatte. Sein Film aus dem Jahr 1974 zeigt den Prozess der Zivilisation als Passionsgeschichte des Kaspar Hauser. Der Film hat denselben Titel wie Herzogs Erinnerungen: „Jeder für sich und Gott gegen alle“.

In einem der in der Ausstellung gezeigten Beiträge fragt sich Werner Herzog, wie es wohl wäre, wenn er so gut schreiben könnte, dass er keine Kamera mehr bräuchte, weil er mit dem bloßen Wort die Vorstellungskraft des Lesers bewegen könnte. Soweit werde es wohl nie kommen, fügt er bedauernd hinzu. Es ist die alte Frage, was den Künstler ausmacht.

Jahrhunderte lang wurde sie als die nach einem Raffael ohne Hände gestellt. Das 20. Jahrhundert erfand den Konzeptkünstler. In einem Gespräch mit dem Kosmologen Lawrence Krauss erklärte Herzog: „Mit 14 wusste ich, dass ich ein Dichter war, und ich wusste, es war mein Schicksal Filme zu machen“.

Das ist die Beschreibung eines Dilemmas. Es wurde erstmals formuliert vom griechischen Dichter Pindar (522-445 v.u.Z.): „Werde, der du bist, dadurch, dass du lernst“. Das ist Herzogs Arbeit und Vergnügen, seine Last und Freude. Das ist in der Ausstellung überall zu erkennen. Sie macht Mut, es ihm nachzutun und auf eigene Faust, mit den eigenen so beschränkten Mitteln auch an Mut und Willen, sich ein Bild zu machen von der Welt, in der wir alle zusammen, aber doch jeder an seinem eigenen Standort, leben. Also jeder für sich und der für das Ganze zuständige Gott gegen alle.

Herzog ist ein Dichter, den es in die Filmkunst verschlagen hat. Gegen die rennt er an. In der Ausstellung gibt es Szenen zu sehen, in denen er in einem Filmkurs auf Lanzarote den Studierenden erklärt, er sei begeistert auf dem Set und das übertrage sich und so entstehe ein begeisternder Film. Bei einem Text wäre das einfacher. Es gäbe nicht so viele Vermittlungsschritte, nicht so viele Friktionsmöglichkeiten zwischen Dichter und Leser, Leserin. Aber es gäbe auch nicht so viel Gemeinschaft, so viel wirkliches, körperliches Glück. Der Dichter sitzt an seinem Computer. Er zeigt seinem Darsteller nicht, wie er aufs Wasser zugehen soll, er lernt auch nicht von dem, wie man sich aus einer Drehung heraus vor die Kamera stellt. Der Dichter ist allein. Der Regisseur ist eingebettet in eine Kommune von Helfern und Helfershelfern. Sie bereichern ihn, aber sie hindern ihn womöglich auch daran der zu werden, der er ist. Darüber sinnt der bald 80-jährige Werner Herzog heute nach, denkt sich ein wenig übergriffig der die Ausstellung verlassende Besucher.

Es gibt einen sehr schönen Katalog (Könemann Verlag), der nicht nur die ausgestellten Objekte zeigt, sondern auch ein Werner Herzog-ABC, das von „Akademiker“ bis „Zoon politikon“ reicht.

Deutsche Kinemathek, Berlin: bis 27. März 2023. www.deutsche-kinemathek.de

Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm „Grizzly Man“, 2005. Foto: Werner Herzog Film/ Deutsche Kinemathek
Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm „Grizzly Man“, 2005. Foto: Werner Herzog Film/ Deutsche Kinemathek © Lena Herzog

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