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Botschafter Melnyk polarisiert bei „Hart aber fair“: „Polen hilft zehnmal mehr als Deutschland“

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Von: Teresa Vena

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„Hart aber fair“ mit Frank Plasberg am 5. September.
„Hart aber fair“ mit Frank Plasberg am 5. September. © Screenshot ARD/Das Erste

Bei „Hart aber fair“ in der ARD geht es emotional zu. Den Stil des scheidenden ukrainischen Botschafters Melnyk versteht nicht jeder, wie er zugibt.

Köln – Frank Plasberg hat in seiner Sendung „Hart aber fair“ vom 5. September 2022 in der ARD gefragt, wie es um die Solidarität der Deutschen gegenüber der Ukraine bestellt ist. „Je näher der Winter rückt, je höher die Energiekosten steigen, desto mehr treten die eigenen existentiellen Sorgen in den Vordergrund, und desto lauter werden die Forderungen nach der Aufhebung der Sanktionen gegen Russland.“ Das ist die These, über die er mit seinen Gästen diskutieren wollte. Anwesend waren Anna Lehmann, Leiterin des Parlamentsbüros der Tageszeitung taz, Sabine Fischer, Expertin für russische Außen- und Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Ralf Stegner, SPD-Bundestagsabgeordneter, Alexander Graf Lambsdorff, FDP-Außenpolitiker, und der amtierende Botschafter der Ukraine in Deutschland Andrij Melnyk.

Es war eine Sendung, in der es recht laut und emotional zu- und herging. Es gab Meinungsverschiedenheiten und einiges Augenrollen. Wer dabei mit seiner Haltung besonders aufgefallen ist, ist Botschafter Melnyk. Noch bis Mitte Oktober wird er im Amt sein, danach kehrt er nach sieben Jahren zurück in seine Heimat. Melnyk ist seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine zu einer politischen Schlüsselfigur avanciert, wenn es um die Beziehung zwischen der Ukraine und Deutschland geht. Er hat Deutschland, nicht immer diplomatisch, verbal in die Verantwortung genommen, insbesondere militärische Hilfe für die Ukraine verlangt. Bei „Hart aber fair“ in der ARD zeigte sich, weswegen Melnyk in der Öffentlichkeit polarisiert.

„Hart aber fair“ (ARD): Ukraine-Botschafter Melnyk mit Vorwürfen an Deutschland

„Es ist eine moralische Frage“, meinte er in Bezug darauf, ob Deutschland weiterhin an der Unterstützung der Ukraine festhalten solle, auch wenn die Konsequenzen davon die eigenen Bürger hart treffen. „Man könnte den Eindruck bekommen, dass die Deutschen schon morgen sagen könnten, dass ihnen das Schicksal der Ukraine egal sein“, sagte er. Das könne er nicht verstehen. Auch nicht, wieso die Bundesregierung in der Lage sei, ein Entlastungspaket über 65 Milliarden zu verabschieden, aber der Ukraine nur mit einem Hundertstel der Summe helfen wolle. „Die Balten und Polen helfen zehnmal mehr als Deutschland und die USA sowieso“, rechnete er weiter auf. Hier schob sich bei Frank Plasberg in der ARD Anna Lehmann ins Gespräch ein und erwiderte, dass nicht nur die Lieferung von Waffen als Unterstützung betrachtet werden sollte. Deutschland übernehme eine wichtige Rolle darin, Solidarität für die Ukraine zu organisieren.

Hart aber fair im ErstenDie Gäste der Sendung vom 5. September 2022
Andrij MelnykBotschafter der Ukraine in Deutschland
Sabine FischerExpertin für russische Außen- und Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik
Ralf StegnerSPD, Bundestagsabgeordneter
Alexander Graf LambsdorffFDP, Außenpolitiker; stellv. Fraktionsvorsitzender
Anna LehmannLeiterin des Parlamentsbüros der Tageszeitung „taz“

Wie sehr eine militärische Lösung die einzige sei, die noch greifen könne, diskutierten die Anwesenden mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Während Alexander Graf Lambsdorff sich mit Sabine Fischer und Melnyk einig war, dass jegliche diplomatische Bemühungen zum aktuellen Zeitpunkt gescheitert seien, hielt Ralf Stegner an Verhandlungsoptionen fest. Stegner stand den ganzen Abend bei „Hart aber fair“ in der ARD auf wackligem Boden, kassierte dann auch von Melnyk eine recht harsche, spöttische Bemerkung: „Herr Stegner, gehen Sie doch selbst nach Moskau und reden Sie mit Putin“.

„hart aber fair“ (ARD) mit Frank Plasberg: Auch Deutsche haben Existenzängste

Ähnlich reagierte Melnyk, als Moderator Frank Plasberg aus einem Brief zitierte, den ein deutscher Handwerkerverband an Olaf Scholz gerichtet hatte und in dem dieser faktisch aufgefordert wurde, sich aus dem Krieg zurückzuziehen, um die Konsequenzen fürs eigene Land wieder zu minimieren. „Die verstehen es nicht“, rief Melnyk. Und gab indirekt der Aussage des ukrainischen Außenministers recht, die bei „Hart aber fair“ in der ARD eingeblendet wurde und lautete: „In der Ukraine geht es den Menschen um ihr Leben, in Ihrem Land geht es Ihnen um ihren Komfort.“ Hier wehrte sich Stegner heftig. Auch Deutsche hätten Existenzängste. Und vor allem warf Lehmann ein, dass sie Melnyks Haltung nicht als zielführend empfinde: „Sie erreichen nichts, wenn sie belehren wollen“, sagte sie. „Solidarität ist ein Gefühl, das von Herzen kommt“, das könne man nicht einfordern.

Zur Sendung

„Hart aber fair“ (ARD). Die Sendung vom Montag, 5. September 2022 in der ARD-Mediathek.

Darauf hin räumte Melnyk selbst ein, dass sein Stil „nicht immer verstanden“ werde. Selbst in der Heimat habe er sich zum Teil erklären müssen, bemerkte er und schloss selbstbewusst: „Man muss manchmal auch laut werden, um gehört zu werden“. Ob das tatsächlich der richtige Weg ist, um sich Solidarität zu sichern, lässt sich bestreiten. (Teresa Vena)

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