1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Wenn die Winde um die Berge ...

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner spielen die Kommissare Franziska Tobler und Friedemann Berg im Tatort Schwarzwald des SWR.
Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner spielen die Kommissare Franziska Tobler und Friedemann Berg im Tatort Schwarzwald des SWR. © SWR/Benoît Linder

Schwarzwald-Tatort mit Blut-und-Boden-Ökos und Ohrwurm.

Der Sonntagabendkrimi, der sich mit einer leichten zeitlichen Verzögerung am Puls der Zeit befindet, interessiert sich in diesen Wochen immer wieder für gefährliche obskure Gruppierungen, die von verschatteten oder einfach unauffälligen Nischen einer etwas abgeschlafften und verunsicherten Demokratie aus anderen ihre Weltbilder aufzwingen wollen. Es kann sich dabei um vordergründig unauffällige Bürger handeln, wie die rechtsextreme Verwandtschaft eines Polizisten im Franken-Tatort „Ich töte niemand“. Es kann um nicht sehr helle, aber IT-versierte Anarchisten gehen wie im Brandenburg-Polizeiruf „Demokratie stirbt in Finsternis“. Oder es können Blut-und-Boden-Ökos sein wie im neuen Freiburg-Tatort „Sonnenwende“ jetzt am Sonntag. 

„Sonnenwende“ ist die zweite Ermittlung mit Hans-Jochen Wagner als Friedemann Berg und Eva Löbau als Franziska Tobler, ganz unterschiedlichen Typen, in deren Nachnamen sich der Schwarzwald als Mittelgebirge hineingedrängt hat. Auch in die Handlung drängt er sich erneut. Spielte die erste Folge, „Goldbach“, unter entnervten Städtern, die hier eine friedliche Umgebung für ihre Kinder suchten – ein selbstredend furchtbar zum Scheitern verurteiltes Lebenskonzept –, so tummeln sich auf den Gehöften der herb idyllischen Gegend diesmal rustikale Männer, Frauen und Kinder. Sie haben kein Handy (im Prinzip jedenfalls), dafür aber selbstgestrickte Pullis und jene ernsten, scharfen Mienen, die im Kriminalfilm nichts Gutes versprechen. 

Es geht den Rustikalen um Natur- und Heimatverbundenheit, und von dort zu Fackelzügen, Reden von deutscher Art sowie einer vom Verfassungsschutz beobachteten und nach vertrautem Muster maßlos unterlaufenen Heimatschutzstaffel ist es nicht weit. Die älteste Tochter stirbt eingangs in einer stark überhöhten, geradezu mystischen Szene. Patrick Brunken (Buch) und Umut Dag (Regie) haben sich hier etwas einfallen lassen, und die Polizei braucht in einer Mischung aus Ignoranz, Kalkül und jener Zeit, die man eben braucht, um etwas Kompliziertes herauszufinden, eine ganze Weile, bis ihr klar wird, in welche Richtung das geht. Das Publikum bekommt einen kleinen Vorsprung. 

Vor allem Berg ist vom Hofleben des Jugendfreundes Volkmar (Nicki von Tempelhoff mit opulentem Bart und kameradschaftlichem Gebaren) ganz bezaubert. Er freundet sich gerade selbst mit dem Gedanken an, den ererbten Hof weiterzuführen. Volkmars Familie hilft ihm bei der Zibärtle-Ernte, so dass die Diskrepanz außerordentlich groß ist zwischen uns Städtern, die keine Ahnung haben, was Zibärtle sind, und den echten Schwarzwaldbewohnern, die beim Pflücken das Lied „Die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“ auf den Lippen haben. Die Diskrepanz könnte der zwischen Harrison Ford und den Amish im Kinojahr 1985 entsprechen. Wer „Die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“ noch in der Grundschule gelernt hat, wird es jetzt leider so schnell nicht wieder loswerden.

Berg hingegen, der wirklich Glück hat, dass Hans-Jochen Wagner ihn so überzeugend ruhig, sehnsuchtsvoll und verwurzelt spielen kann, ist ganz begeistert. Er sagt für einen Krimi so gefährliche Sätze wie „Die machen das richtig hier“ und „Die sind halt konsequent“. Erst bei Fackelzug und Reden von deutscher Art wird ihm klar, dass er unter eingefleischten Rechtsextremen mit langen Haaren gelandet ist. Das ist fein gearbeitet und beobachtet, wie viel Berg nämlich noch mittragen kann und will, von dem, was Volkmar sagt. Heimatverbundenheit, der Schutz heimischer Obstsorten, Zusammenhalt was soll er dagegen sagen. Schon rutschen Berg saudumme Worte raus. Hinterher geniert er sich zu Recht. Auch mit seiner Kollegin hat er Glück.

Wir sind unterdessen dem Geschehen etwas vorneweg, bei dem Brunken und Dag versuchen, einen gewissen Mangel an Spannung durch eine intensive Atmosphäre wettzumachen. Die fesselndste Figur ist das tote Mädchen, das in Rückblenden und auf Handyaufnahmen (!) als glücklich Liebende zu sehen ist. Gro Swantje Kohlhof spielt das bestechend sympathisch, auch hier ist freilich alles umflort und mysteriös. Die begreifliche, in herrlichen Naturstimmungen schwelgende Freude an der Darstellung eines schwarzromantisch grundierten Landidylls, und der böse politische Hintergrund, sie bilden ein interessantes, aber nicht perfekt mit Leben gefülltes Panorama. So muss einiges doch Behauptung bleiben, die Angst etwa, die Volkmars Familie an der Schule verbreitet, in die seine Kinder gehen. Oder das Zögern der Gerichtsmedizinerin Binder, Christina Große, die fast anderthalb Stunden braucht, um sich zur Wahrheit durchzuringen. Aber neben Wagner schaut man auch Löbau sehr gerne zu, die eine ganz normale Beamtin ist und mit ihrem Freund ganz normale Probleme hat. Eine Städterin mit einer Menge Bodenhaftung. 

Von Judith von Sternburg

Schwarzwald-Tatort irrlichtert durch einen trostlosen Wald des Begehrens: „Ich hab im Traum geweinet“ erzählt zur Fasnet Geschichten des fatalen Begehrens.

Auch interessant

Kommentare