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Es liegt kein Schnee in München und das ist auch sowieso kein guter Weihnachtsmann.

Tatort

Wenn Papa zum Kind kommt

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Ein einerseits zurückhaltender, andererseits blutiger München-Tatort zum Thema Missbrauch.

So tief lassen einen die Münchner Tatort-Macher diesmal über den Menschen erschrecken – und sie brauchen dafür keine Vampirin wie die Bremer Kollegen, und man weiß das ja im Grunde alles, konnte in den letzten Jahren oft darüber lesen –, dass man ohne die Lakonik der Ermittler nervlich vollends aufgeschmissen wäre. Leitmayr und Batic, Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, aber machen ihre Arbeit, selbst wenn ein Hund das Handy schnappt (da nehmen sie es ihm halt wieder weg und putzen den Sabber ab). Manchmal reißen sie einen etwas unpassenden Scherz. Manchmal sind sie ruppig zu Kollegen und reden außerdem hässlich über Österreich. Einmal tut Franz Leitmayr etwas gegen die Vorschrift, da nimmt es ihn mit.

Denn es geht um Kindesmissbrauch, um Menschen auch, die noch in fortgeschrittenem Alter furchtbar darunter leiden, einst missbraucht worden zu sein. Die gleichsam Versehrte sind. Um den Versuch, damit zurechtzukommen, aber komplett löschen lässt sich der Hass nicht.

Zuerst aber demonstrieren Michael Comtesse und Michael Proehl, Buch, und vor allem natürlich Regisseur Sven Bohse, wie man Horror eindrucksvoll in Bilder fasst. Ein kleines Mädchen öffnet nachts einem Weihnachtsmann die Terrassentür (ja, irgendwie ist es ein Weihnachtsmann, der das Vertrauen missbraucht, noch schlimmer als ein Clown mit bösen Absichten). Ein junger Polizist taumelt mit blutbesudelter Hand, er ist bleich wie der Mond. Dann rutscht auch schon Ivo Batic auf demselben blutigen Boden aus und flucht. Es sind nur ein paar Sekunden Film, aber die Zuschauerin erschauert. Wie auch später, wenn ein Teebeutel (mit kräftig rotem Hibiskus?) auszubluten scheint.

Schon der Titel, „Wir kriegen euch alle“, ist eine Drohung. Eine Drohung von althergebrachter Art, deren Umsetzung mit modernen Mitteln angegangen wird: mit Smart-Geräten, die zwar nicht Alexa heißen, aber mithören, ausspionieren. Sogenannte Smart-Puppen – in Deutschland sind sie verboten, „in Österreich ist generell gar nix verboten“ (der offenbar gut informierte Leitmayr) – wurden auf Spielplätzen an einzelne Kinder verschenkt. Die Eltern wissen nichts davon, weil die Kleinen aus den wohlhabenden Familien (München-Bogenhausen!) von Au-pairs betreut werden. Und weil Puppe Senta den Kindern sagt, sie dürften sie auf keinen Fall verraten. Sentas Augen leuchten auf, wenn sie, ferngesteuert, angeschaltet ist. Schon das ist gespenstisch. Aber vor allem hört die smarte Puppe mit und zeichnet auf, wenn Papa zum Kind kommt.

Dieser Tatort geht mit seinem herzzerreißenden und heiklen Thema weitgehend diskret und überwiegend andeutungsvoll um – „niemand macht den Papa so glücklich wie du“, hört Smart-Puppe Senta, oder: „Er fasst mich an. Ich hasse das.“ Eine Diskretion, die unbedingt angemessen ist. Jenseits davon aber setzt „Wir kriegen euch alle“ keineswegs auf optische Zurückhaltung.

Immerhin jedoch auf einen überwiegend kühlen Kopf bei den Ermittlern – auch in ungewohnten polizeilichen Situationen. Ivo Batic versucht – nicht durchgehend erfolgreich (Hund & Handy!), aber mit gelassenem Engagement –, sich undercover bei den „anonymen Überlebenden von Kindesmissbrauch“ einzuschleusen. Und Franz Leitmayr fällt angesichts seines in einem Baum, verdächtig vor Wohnungsfenstern herumturnenden Kollegen die Ausrede der Stunde ein: „Wir sind von der Unteren Naturschutzbehörde.“ Im Englischen gibt es für solche Momente, zum Beispiel in blutigen Shakespeare-Dramen, die Bezeichnung „comic relief“, Entlastung, Entspannung durch Humor. In diesem Tatort hat man sie durchaus nötig.

„Tatort: Wir kriegen euch alle“: ARD, So., 20.15 Uhr.

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