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Romeo und Juliette wehren sich mit aller kraft gegen Erkrankung ihres Sohnes.
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Romeo und Juliette wehren sich mit aller kraft gegen Erkrankung ihres Sohnes.

Neu im Kino: Das Leben gehört uns

Wenn Kinder Krebs haben

Wie gehen Eltern mit der Krebserkrankung ihres Kindes um? Der Film „Das Leben gehört uns“ ist ein furioser Abwehrzauber gegen die Angst vor der Krankheit.

Von Christina Bylow

Zwei junge Frauen treffen sich nach einigen Jahren zufällig auf der Straße wieder. Beide sind Mütter geworden, sonst verbindet sie nichts. „Meine Tochter hat ständig Infekte“, klagt die eine. „Mein Sohn hat Krebs“, sagt die andere. Eine Sekunde Schweigen. Die infektgeplagte Mutter geht auf Abstand: „Ist das erblich?“, fragt sie. „Nein, das kann jeden treffen“, lautet die Antwort. Die Mutter des krebskranken Sohnes geht still lächelnd davon, sie triumphiert ein wenig über die Angst der Anderen, die nun dasteht als dämliche Gans.

Krieg dem Krebs

Eine Szene aus dem Film „Das Leben gehört uns“. Beiläufig und ein wenig boshaft zeigt sie den typischen Umgang mit Krebs: Für die Gesunden ist Krebs immer die Krankheit der Anderen. Die noch Verschonten erfinden Gründe, warum es gerade die oder den getroffen hat. Das schützt vor der Angst, es könnte einem selbst passieren: Denn Krebs ist der Feind aller Machbarkeitsideologie. Und weil das Wort Schicksal und die dazugehörige Ergebenheit längst ausrangiert sind, wird Krebs, wenn er denn angreift, als Krieg begriffen, auf den mit sämtlichen Bataillonen reagiert wird. Der militärische Jargon beherrscht bei Krebs selbst die Sprache der Medizin.

„La guerre est declarée“ heißt der Film denn auch im Original, der Krieg ist erklärt. Aber dieses eine Mal passt der deutsche Titel besser zum Film. Denn die Regisseurin Valérie Donzelli erzählt von einem Liebes-Paar, das sich nicht nur weigert, das Leben mit dem Trauerflor der Krankheit zu umgeben. Es wehrt sich mit der ganzen Kraft seiner Jugend dagegen, den Krebs zum Zentrum des Lebens werden zu lassen.

Roméo und Juliette (Jérémie Elkaïm und Valérie Donzelli) wollen leben wie alle anderen in ihrer Pariser Clique auch – unvernünftig, ungestüm, leichtsinnig, immer auf der Suche nach Intensität und Freiheit. Ihr krankes Kind macht sie nicht demütig und still, sie altern nicht durch diese extreme Erfahrung. Man kann das irritierend, sogar nervtötend finden, auf den ersten Blick. Auf den zweiten zeigt sich eine Überlebensstrategie darin, die der französische Arzt David Servan-Schreiber, selbst früh an Krebs erkrankt und vorigen Sommer daran gestorben, einmal so beschrieben hat: „Man muss das Leben nähren. Dadurch lebt man ein intensiveres vibrierendes Leben.“ Nicht immer hat das mit Vernunft zu tun. Im Gegenteil.

In seinem letzten Buch berichtet Servan-Schreiber, wie er nach einer niederschmetternden Diagnose mit dem Rennrad durch den Pariser Verkehr raste.

Die Geschwindigkeit und das Kräftemessen in Gegenwart des drohenden Todes bestimmt auch Donzellis Film. Selten wird in einem neuen französischen Film so viel gerannt wie hier – in den Krankenhausfluren, am Meer, wohin die Eltern ihr Baby mitnehmen, fast rücksichtslos gegen das eigene Kind. Sie rasen mit dem Moped durch Paris, sie tanzen bis zur Erschöpfung, und sie schreien ihre Not ungehemmt heraus.

Und manchmal singen sie – auch Donzelli entrichtet ihren Tribut an den verehrten Jacques Demy. Der Regisseur ließ in den Sechzigerjahren Catherine Demeuve in „Die Regenschirme von Cherbourg“ und „Die Mädchen von Rochefort“ tanzen und singen. Die Musik in „Das Leben gehört uns“ ist kein Stimmungsverstärker, sondern Soundtrack ihres Lebens – von Antonio Vivaldi bis Laurie Anderson.

Odyssee durch die Kliniken

Diesen Eltern passiert das Schlimmste: Ihr Baby zeigt acht Monate nach der Geburt Symptome einer schweren Erkrankung. Adam erbricht sich ständig, hält den Kopf schief und verliert schnell das Gleichgewicht. Im Frühjahr 2003 beginnt die Odyssee des kleinen Adam und seiner Eltern durch die Kliniken, die „bildgebenden Verfahren“ – davon sind Künstler immer auch fasziniert – zeigen einen Hirntumor.

Weil sie den Film nicht dem Spannungsbogen einer lebensbedrohlichen Krankheit mit ungewissem Ausgang unterwerfen wollten, zeigt Donzelli zu Beginn einen etwa achtjährigen Jungen nach der Kontrolluntersuchung. Er gilt als geheilt. Es ist Donzellis eigener Sohn, den sie mit Jérémie Elkaïm bekam.

Sicherlich haben die beiden mit dem Film auch hier ihre eigene traumatische Erfahrung exorziert – und ihre großartigen Ärzte gewürdigt. Aber wer könnte ihnen das vorwerfen? Und wer mag beurteilen, wie sie es tun? Donzelli und Elkaïm, beide um die Dreißig, haben mit ihrem Temperament und ihrer Sprache auf etwas reagiert, was im coolen, selbstbestimmten Dasein ihrer Generation eigentlich keinen Platz hat: Das Drama des Todes. Gelungen ist ihnen ein furioser Abwehrzauber gegen die eigene Angst.

Das Leben gehört uns (La guerre est declarée) Frankreich 2011; Regie: Valérie Donzelli; Drehbuch: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm; Kamera: Sébastien Buchmann; Darsteller: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaim, Brigitte Sy, César Desseix. 100 Minuten, Farbe, FSK ab 6.

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