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TV-Kritik "Maybrit Illner"

Wenn Gysi alles zusammen schwurbelt...

... bringt er Bundesfinanzminister Steinbrück elegant aus der Façon. Auch sonst wird einem bei Illner nicht fad: Das 1,6 Billionen-Euro-Schulden-Loch ist und bleibt faszinierend. Von Natalie Soondrum

Von Natalie Soondrum

Die Zahlen fliegen einem diesmal nur so um die Ohren bei Maybrit Illner. Artig trägt sie vor, jeder Bundesbürger sei mit 20.000 Euro verschuldet. Der deutsche Steuerzahlerbund habe errechnet, dass wir 158 Jahre lang zahlen müssten, um die Schuldenlast abzubauen, wenn wir dabei monatlich eine Milliarde Euro tilgen könnten. So sei das bei einer Staatsverschuldung von 1,6 Billionen Euro.

Das ist so harter Tobak, dass dagegen Merkels Ackermann-Dinner ein Klacks ist und Ulla Schmidts Dienstwagenfahrten sowieso. Selbst Gregor Gysi, Spitzenkandidat der Linken, ist der Meinung, die Bundeskanzlerin dürfe einladen, wen sie wolle. Er fände es nur unfein, wenn sich Ackermann die anderen Gäste selbst ausgesucht hätte. Ebenso unfein findet er, - wie sich später herausstellt - dass heute die Finanzbranche der Realwirtschaft diktiere, was sie machen solle, anstatt sich auf die ihr zustehende Dienstleisterposition zu beschränken.

Steinbrück übt Selbstkritik

Peer Steinbrück übt Selbstkritik an der jahrelang praktizierten Deregulierung, aus der Krise müsse gelernt werden. Was und wie erwähnt er dabei mit keinem Wort. Auf die Vorwürfe Gysis, unter Kanzler Schröder seien Hedgefonds erst zugelassen und Verbriefungen eingeführt worden, reagiert er brüsk: Vor zehn Jahren habe die Bundesrepublik sich entscheiden müssen, auf dem Finanzmarkt in die Kreisliga abzurutschen oder als "eine der stärksten Realwirtschaften" weiterhin in der globalisierten Welt mitbieten zu können. Zunächst seien Verbriefungen als Risikoverteilung sinnvoll gewesen.

Otto Fricke, FDP-Vorsitzender des Bundesfinanzausschusses, verteidigt (vor Gysi) Deregulierungen. Die seien gut, wenn alle sich verantwortlich verhielten. Doch um das zu erreichen, seien bessere Kontrollen notwendig. In den Ohren eines Normalsterblichen kommt das so an: Wenn nur genug Fahrkartenkontrolleure in den Zügen unterwegs sind, dann werden wir die Schwarzfahrer schon alle erwischen.

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Günther Oettinger (CDU), gibt den bodenständigen Mittelstandsverteidiger. Die Fragen von Maybrit Illner übergeht er prinzipiell. Er wartet quasi nur, bis er an der Reihe ist, um seine generelle Auffassung zu verbreiten. Geldmarkt sei gut, Kontrolle notwendig und der Mittelstand brauche Geld für Nutzfahrzeuge. Jedoch sehe er keine Kreditklemme und daher noch keine Notwendigkeit, von Staatsseite die KfW einzuschalten. Er sagt Frau Dr. Merkel und "Die Banken sind, glaube ich, unter starker Kontrolle", und wirkt wahnsinnig seriös, und man hat das Gefühl, man müsse ihm gar nicht mehr zuhören.

Illner ist gut vorbereitet

Doch nicht, dass Sie denken, diese Diskussion sei langweilig gewesen. Das Gegenteil ist der Fall. Illner ist gut vorbereitet, souverän und auch menschlich. Hübsch sind Steinbrücks Sticheleien gegenüber Gysi. Wenn der Linke anprangert, die Rückzahlung der Steuergelder sei nicht geregelt, sollten die unter den Schirm des Bundes genommenen Banken sich wieder erholen, oder ähnliches, wird Steinbrück bockig. "Herr Gysi schwurbelt einfach alles zusammen", grollt er in die Runde, nennt ihn einen "Schlaumeier, der aus dem Rathaus kommt." Nun lassen Sie doch mal den Herrn Gysi, lächelt Illner ihn dann an. Doch es ist offensichtlich, dass Gysi nicht im Traum daran denkt, Steinbrück zu lassen, was der Diskussion gut tut.

Die interessanteste Erkenntnis aus dieser Talkshow ist zu sehen, dass alle noch damit beschäftigt sind, zu begreifen, was diese Finanzkrise eigentlich ist. Woher sie wirklich kam, was die eigentlichen Folgen sind. Deshalb wirken die Parteien in diesem Wahlkampf auch so ohnmächtig. Sie haben noch keine Antworten. Und eigentlich ehrte es die Politik, wenn sie endlich zugeben würde: Wir müssten unsere Fragen gleich mit überdenken.

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