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Parade exzellenter Darsteller: Christian Bale (l.) als Irving Rosenfeld, Amy Adams als Sydney Prosser und Bradley Cooper als Richie.

"American Hustle"

Wenn eine Sache größer und größer wird

Im hinreißenden „American Hustle“ verheddern sich die Antihelden in einem Netz der Täuschungen und des Betrugs. Dieses komische und tragische Gaunerstück, in dem Behördenmentalität und Kriminellenkreativität gegeneinander ausgespielt werden, muss man einfach mögen.

Von Anke Westphal

Ambitionierte Menschen aus prekären Milieus haben meist ein Ziel: Zu überleben und sich selbst neu zu erfinden, auf einer höheren sozialen Stufe. Aber Irving und Sydney haben mehr gemeinsam als nur den Aufstiegswillen – sie sind füreinander bestimmt.

Das ist gleich in jenem Moment klar, da Sydney den Raum betritt und ihr Blick verstehend über Irvings billiges Toupet gleitet, über sein zu eng gewordenes buntes Hemd und seine Macker-Sonnenbrille. Sydney ist schön; sie hat viel mehr Klasse als dieser Wäschereibesitzer aus Brooklyn, der nebenbei ein wenig Kreditbetrug betreibt. Aber es liegt ein gegenseitiges Erkennen in beider Blick, und als Irving Sydney dann all die in seiner Reinigung nicht abgeholten Designer-Kleider und Pelze schenkt, gibt es kein Halten mehr.

Hier ist ein Winning Team geboren: „London Associates“ nennen sie sich, denn Sydney Prosser, diese Göre von Irgendwo, hat die glänzende Idee, sich als britische Lady Edith auszugeben, inklusive Upperclass-Akzent, weil das reichere Opfer sichert. Geboren ist auch ein neues Traumpaar des Hollywood-Kinos: Christian Bale und Amy Adams verkörpern in „American Hustle“ das verliebte Betrüger-Duo, das gemeinsame Sache mit einem ebenfalls ehrgeizigen FBI-Agenten machen muss, als es schließlich auffliegt. Und das geschieht gleich zu Beginn von David O. Russells neuem Film, der in seinen 140 Minuten Laufzeit weit zurückblendet in die siebziger Jahre, um am Ende zum Anfang zurückzukehren. Dann schließt sich ein Kreis, und man taumelt wie betrunken aus dem Kino: Berauscht von den absurd realistischen Kostümen, Frisuren, dem fabelhaften Soundtrack, vor allem aber den Schauspielerleistungen.

Jennifer Lawrence gibt die Rampensau

Nehmen wir nur – wieder einmal – Jennifer Lawrence: Sie gibt mit Rosalyn die Rampensau des Films, eine blondierte Vorstadthausfrau, mit der Irving immer noch verheiratet ist, weil er ihren kleinen Sohn väterlich liebt – er hat ihn adoptiert. Aber Rosalyn ist die Hölle auf Rädern, oder wie Irving es nennt: „die Mutter von Passiv-Aggressiv“. Früher hielt Irving Rosalyn für geheimnisvoll, bis er merkte, dass sie einfach nur mächtig gestört ist. Diese Frau ist eine Paraderolle an krachender Dominanz für Lawrence.

Rosalyn ist mit ihrer dummen Plapperei schuld daran, dass die FBI-Operation des Agenten Richie DiMaso (Bradley Cooper) gefährdet wird, denn sie hat sich von einem Mafioso bezirzen lassen. Der Mafia ist Richie nämlich unerwartet nahe gekommen: Er wollte mit Hilfe von Irving und Sydney, die er erpresst, einen korrupten Bürgermeister festsetzen, der wiederum einfach nur der Stadt Atlantic City zu altem Glanz verhelfen will. Nun sitzt Richie mit seinem Lockvogel, einem falschen Scheich, und einem leider Arabisch sprechenden Paten (Robert de Niro hinreißend hässlich) am Tisch. Richie hat wohl zu wenig Filme über die Nähe von Politik und organisiertem Verbrechen gesehen.

Eigentlich wollen sie alle etwas Gutes für sich in diesem Film, der auf einem wahren Fall beruht (dem Abscam-Skandal, der Ende der siebziger Jahre Schlagzeilen machte). Aber sie verheddern sich nahezu unentwirrbar im Netz der Täuschung, das hier gespannt wird und das mancher bald für die Realität hält.

Sprechen mit fiebriger Dringlichkeit

In den Filmen von David O. Russell (zuletzt „Silver Linings“) wird immer Wert auf die Dialoge gelegt, wird viel und nervös geredet, doch seit der Regisseur den Schauspieler Bradley Cooper für sich entdeckt hat, gewinnt das Sprechen noch mehr an fiebriger Dringlichkeit – es ist, als würden die Worte nur so in den Zuhörer auf und vor der Leinwand hineingestochen. Und dabei teilt sich viel mehr mit als deren Bedeutung – nämlich auch die unbedingte Überzeugtheit des Sprechers von seiner Mission.

Vielleicht musste Bradley Cooper erst sein Drogenproblem überwinden, um Richie genau die fanatisch glühenden Augen zu verleihen, die der hat, wenn er seinen korrekten Vorgesetzten Stoddard (Louis C.K.) attackiert.

Denn die FBI-Operation wird immer größer, es braucht immer mehr Geld und Location, um den Politiker (Jeremy Renner) mittels Scheinhandel zu überführen, sogar einen Jet. Dass man eine Täuschung bigger than life inszeniert, um sie überzeugender erscheinen zu lassen, ist das eine. Das andere ist das Suchtpotenzial, das so eine Inszenierung auslöst bei jemandem wie Richie, der seinen neuen aufregenden Alltag toll findet. Bald agiert Richies kleines FBI-Subsystem, in dem Gesetzeshüter und Kriminelle Verbündete sind, effektvoller als die konventionelle Restbehörde.

Doch je größer eine Sache wird, desto weniger hat man sie bekanntlich im Griff. Man muss es einfach mögen – dieses großartig besetzte und komponierte, komische, tragische Gaunerstück, in dem Behördenmentalität und Kriminellenkreativität gegeneinander ausgespielt werden und bald das reine Chaos herrscht!

Sicherlich nicht allein wegen all dieser Oscar-reifen Leistungen war David O. Russels „American Hustle“ 2013 der Liebling der US-Kritiker.

American Hustle. Regie: David O. Russell. USA 2013. 138 Minuten.

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