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Szene aus dem Film "Tod den Hippies!! Es lebe der Punk." Drehbuch & Regie: Oskar Roehler.

"Tod den Hippies!! Es lebe der Punk"

Von der Wende unerlöst

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In seinem neuen Film "Tod den Hippies!! Es lebe der Punk" zeigt Regisseur Oskar Roehler das alte West-Berlin als Peepshow und Irrenanstalt.

Es gibt Verlässlicheres als Jugenderinnerungen. Darüber zu streiten, ist müßig, dann lieber über Geschmack. Eines aber ist mal sicher: Auch im inzwischen so legendären „Risiko“, jener vor dreißig Jahren geschlossenen ranzigen Szene-Absturzkneipe vor den Berliner Yorckbrücken, in der der Einstürzende-Neubauten-Musiker Blixa Bargeld des Öfteren hinter der Theke stand, wurde der Wodka nicht anders abgemessen als in irgendeiner schwäbischen Kleinstadtwirtschaft. Mehr als zwei Fingerbreit gab es nicht, ob nun Bargeld hinter der Theke stand oder jemand anderes. Der Autor dieser Zeilen jedenfalls bekam immer nur bis zum Eichstrich.

Im neuen Film von Oskar Roehler dagegen schüttet Blixa Bargeld den Wodka ins leere Bierglas, bis der Schnaps sturzbachweise an den Seiten runterläuft. Roehler, inzwischen auch schon 56 Jahre alt, erzählt in seinem neuen Spielfilm wieder von seiner Jugend und indirekt auch von der Kindheit, von der er aus verständlichen Gründen nicht loskommt. Seine 68er-Phobie ist beachtlich, kein Wunder bei den Eltern: Die Schriftstellerin Gisela Elsner und der Lektor und Autor Klaus Röhler, bekannte Größen der linken Szene, schoben das Kind mit vier Jahren zu den Großeltern ab. Glücklicherweise vermutlich, denn die Mutter, eine radikale Feministin, hasste den Kleinen wie die Pest. Kinder waren für sie, wie der Sohn später immer wieder erzählt, „das Letzte, das Dreckigste und Dümmste“.

Darin ganz dem ebenfalls von seiner Mutter abgeschobenen Michel Houellebecq ähnelnd, darf man Roehler mit Linken nicht kommen. Sein Film „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ beginnt in der westdeutschen Provinz in den frühen 1980ern; die Schüler Robert (Tom Schilling) und Gries (Frederick Lau) besuchen eine dieser von der SPD-Bildungsreform weichgespülten Gesamtschulen: Krishna-Jünger halten dort Séancen ab, die Arbeitsgruppen zur nächsten Demo gegen die Startbahn West lümmelt im Sitzen auf den Fluren rum, und der langhaarige Lehrer begrüßt die Klasse mit einem derart schmierigen „Hi Freaks“, dass man sich glatt die Haare abrasieren möchte. Das macht Robert auch, aber vorher muss auch die Matte des mit K.O.-Tropfen betäubten Lehrers dran glauben. Dann geht’s auf die Flucht Richtung Hauptstadt.

Dort, die Glatze mittig von einem sauberen Iro gekrönt, verdient sich Robert in einer Peepshow mit Saubermachen sein Geld, schlüpft bei einer der Stripperinnen unter (natürlich ist sie in Wirklichkeit Künstlerin), dichtet viel in sein Sudelheft und säuft und kokst sich in eben jenem „Risiko“ durch. Seinen Schulfreund Gries, auf der Schule noch die emblematische Schreckgestalt „schwuler Neonazi“ verkörpernd, trifft er in Berlin als masochistisches Lederopfer wieder, das sich in den einschlägigen Kneipen gern benutzen lässt. So hat Robert mit seiner Weisheit recht behalten, die er noch in der Schule dem armen Gries anvertraute: „Schwule, die andere ficken, können hetero werden; Schwule, die gern gefickt werden, nicht.“

Derart ist der Witz dieses Films: Schrill, klamaukig, nichts für Freunde des guten Geschmacks. Das von der Wende noch unerlöste West-Berlin erscheint als eine Irrenanstalt, deren Insassen allesamt kurz vor dem Ausrasten sind, sofern sie nicht ihre Räusche ausdämmern. Kein Geld? Kein Problem! Beim Sozialamt kriegt Robert 1475 Mark als Starthilfe geradezu hinterhergeschmissen. Da würde Horst Seehofer besonders laut lachen. Herz dieses wilden, kalten Berlins ist die Peepshow. Dass knackige Punks dort geputzt haben sollen, ist so wahr wie die Mär vom spendablen Sozialamt; in Wahrheit zogen asthmatische Rentner gebückt mit ihren Feudeln durch die Kabinen. In Roehlers soeben bei Ullstein erschienenem Roman „Mein Leben als Affenarsch“ wird das auch konzidiert; das Buch ist viel differenzierter, auch härter und trauriger als der Film, dem Roehler einen lärmenden Vitalismus verpasst. „Die wichsen hier wie die Weltmeister“, heißt es zwar auch im Buch. Im Film aber prangen die Samenbatzen in solcher Höhe und satten Dichte auf den Peepshow-Scheiben, dass man Berlin zur Welthauptstadt der Wichser ausrufen müsste. Dabei hätte es den Titel allenfalls im übertragenen Sinne verdient, und auch das wäre natürlich ungerecht.

Die Mutter (meisterinnenhaft: Hannelore Hoger) hatte ihrem klammen Sohn empfohlen, sich an den Vater zu wenden; der sei immerhin „Kassenwart der RAF“ gewesen. Papa hütet tatsächlich das Geld über dem Kleiderschrank; Samuel Finzi spielt ihn als tristes, geiles Terrorfossil, dem man von Herzen gönnt, vom eigenen Sohn beklaut zu werden. Dass die Mutter gar ermordet werden soll, ist ebenfalls nachvollziehbar. Vor dem Fernseher muss der Sohn, zusammen mit seiner punkigen Freundin, mit ansehen, wie sie in einer Talkshow darüber schwadroniert, dass sie ihn hätte abtreiben sollen: „Literweise habe ich während der Schwangerschaft Wodka getrunken, um das blöde Getrampel zu ersticken!“

Nun rundet sich also das Bild mit dem Bierglas voll Wodka im „Risiko“. Tom Schilling als rüde aus dem elterlichen Nest geschubster Punk-Vogel stapft mit seinem süßen, dauerfragenden Taugenichtsblick, geschützt von einem knöchellangen Gestapomantel, durch ein rüdes Punk-Berlin voller Selbstdarsteller, das unmöglich zur Ersatzheimat taugt.

Natürlich ist das ein grob überzeichneter Film voll haltloser Klischees. Aber das gemütliche Idyll vom warmen Vorwende-West-Berlin mit seinen vielen kreativen Gästen aus aller Welt wie Nick Cave und David Bowie in ihren freundlichen Nischen ist genauso schief. Als Antiserum taugt der Film.

Tod den Hippies!! Es lebe der Punk. Drehbuch & Regie: Oskar Roehler. Deutschland 2015. 106 Min.

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