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Die ukrainische Kontorsionistin – oft als „Schlangenmenschen“ bezeichnete Akrobatinnen und Akrobaten – Anastasia Mazur.
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Die ukrainische Kontorsionistin – oft als „Schlangenmenschen“ bezeichnete Akrobatinnen und Akrobaten – Anastasia Mazur.

TV-Kritik

Heute auf Arte: Wilde Zirkusshows zeigen Ausgefallenes und Unerhörtes

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Popmusik, wendige Kamera, moderner Tanz: Zwei Zirkussendungen heute auf Arte zeigen internationale Artist:innen auf der Höhe des 21. Jahrhunderts.

Frankfurt - Der Kultursender Arte erhebt den ersten Weihnachtstag zum Thementag mit Namen „Zirkus, Zirkus“. Die Programmgestaltung erlaubt einen faszinierenden Vergleich. Im Februar 2019 fand im Pariser Cirque Phenix das „40. Festival des Zirkus von morgen“ statt, mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt, die sich dem Urteil einer Jury und des Publikums stellten. Eine Veranstaltung wie ein Popkonzert, mit breiter Bühne statt Manege, mit großem Orchester, mit 6000 begeistert mitgehenden Zuschauer:innen. Arte zeigt diese Aufzeichnung aus dem Jahr 2019 nachmittags um 15:40 Uhr.

Für 2020 war in gleicher Manier das 41. Festival vorgesehen, aber die Corona-Pandemie wirkt sich auch auf das Artistenleben aus. Die Veranstalter entwickelten allerdings eine reizvolle Alternative. Sie verzichteten notgedrungen auf das große Auditorium und zogen um in das intime Pariser Zirkus- und Jahrmarktmuseum.

„Weltfestival des Zirkus“ (Arte): Zeremonienmeister ohne Publikum

In dessen telegenen Dekors zeigen frühere Preisträger:innen ihre prämierten Nummern.

Zwar treten Kolleginnen und Kollegen gelegentlich als Zuschauer:innen in Erscheinung und zollen Beifall, aber diese Inszenierung ist nicht mehr auf die Ränge, sondern ganz und gar auf die Kamera abgestellt. In der Nachmittagssendung dirigiert der schillernde Zeremonienmeister Calixte de Nigremont, bürgerlich Hugues-Claude Ledaire de Nigremont, souverän die tausendköpfige Menge. Nunmehr kokettiert er mit der Kamera und interagiert bisweilen mit den Artist:innen. Die wiederum wissen sich der Situation anzupassen, bringen vielleicht auch Erfahrungen aus Varietés oder von Straßenauftritten ein, wo sie dem Publikum näher sind als in den großen Zirkusarenen.

Nigremont spricht zur Eröffnung direkt die Fernsehzuschauer:innen an. Dann bewegt sich die Kamera zu Aram Chatschaturjans „Säbeltanz“ flugs von der Spielbude mit dem schönen, jugendstilistisch verschnörkelten Namen „La Course de Garçons de Café“ zum nicht minder prächtigen historischen Karussell und vorbei an weiteren Buden. Überall betreiben Artist:innen ihre Künste, musizieren, balancieren, jonglieren, dass es nur eine Art hat. Bis der clowneske Elektriker den Stecker zieht. Mit der Wiederkehr des Kraftstroms gehen zwar die Lichter wieder an, aber die Zirkusleute sind verschwunden. Verdutzt schaut Nigremont in die Kulisse.

Der chilenische Jongleur Alejandro Escobedo wirft seine Bälle kunst- und humorvoll durch die Luft.

„Weltfestival des Zirkus“ (Arte): Der qualmende Clown

Der Conférencier verschwindet von der Bildfläche, das Programm beginnt. Den Anfang macht die Jonglagegruppe Nicanor de Elia, deren vier Mitglieder wirbelwindgeschwind verrückte Dinge mit großen Gummiringen anstellen und sich dabei so synchron bewegen wie die Tänzerinnen einer Las-Vegas-Revue. Nur eckiger. Das ist schon nicht mehr nur Akrobatik, sondern eine von vielen Nummern, die die enge Verschränkung der zirzensischen Künste und des modernen Tanztheaters augenfällig werden lassen. Zur Körperbeherrschung gehört hier schauspielerische Mimik anstelle des krampfhaften Dauerlächelns früherer Generationen. Augenzwinkernd, schelmisch, auch mal melancholisch.

Es gibt klassische, aber modernisierte Zirkusnummern wie Schlangenmenschen, Luftakrobatik, Äquilibristik. Die zum Beispiel wird zeitgemäß zu Andra Days „Rise Up“ choreografiert.

Zur Untermalung dienen unter anderem Blurs „Song 2“, Queens „We Will Rock You“, Screaming Jay Hawkins’ „I Put a Spell On You“. Bei vielen Künstler:innen ist die Musik durchaus bedeutsam, sie weckt Assoziationen oder bestimmt den Rhythmus der Darbietung. Der Spanier Kerol verbindet die Human Beatbox mit Jonglage, wirbelt Funkmikrofone durch die Lüfte, jedes, so sagt er jedenfalls, 800 Euro teuer. Er treibt seine Drolerien, bis ihm der Qualm aus den Ohren dringt. Buchstäblich.

Auch unerhörte Nummern sind zu sehen wie die erstaunliche „Oper für Föhne“ des Duos Blizzard Concept.

„Das Weltfestival des Zirkus von morgen 2021“
RegieFrançois-René Martin
ModerationCalixte de Nigremont
LandFranklreich
Jahr2021
HerkunftArte Frankreich

„Weltfestival des Zirkus“ (Arte): Künstler am Lichtschalter

In dieser Umgebung werden ausgefallene Kamerabewegungen und -perspektiven möglich. So hat man Jonglage wohl noch nicht gesehen: Kameramann Benoit Feller filmt sie aus der Froschperspektive. Während einer gewöhnlichen Zirkusvorstellung unmöglich, im Varieté vielleicht, aber nicht so virtuos wie hier.

Mit einigen Artist:innen haben Feller und der TV-Regisseur François-René Martin individuelle Lichtkonzepte entwickelt. Sie lassen die weißen Kugeln des Jongleurs Alexander Koblikov so ausleuchten, dass eine unterschiedliche Schattenbildung wechselnde Umrisse erzeugt. Bei anderen schaffen Beleuchter und Kameraleute wirkungsvolle Gegenlichteffekte. Und wenn der schnurrige Hofnarr Housh Ma Housh eine rote, blaue, grüne Brille aufsetzt, zeigt sich die Szenerie entsprechend monochrom.

„Das Weltfestival des Zirkus von morgen 2021“

Samstag, 25.12., 20.15 Uhr, Arte

„40. Weltfestival des Zirkus von morgen“, Samstag, 25.12., 15.40 Uhr, Arte

Eines hat man gegenüber der Sendung aus dem Vorjahr gestrichen: Die kurzen Interviews zwischen einigen Nummern. Beide aber gleichen nur noch entfernt früheren Zirkussendungen wie „Artistencocktail“, „Stars in der Manege“, „Varietézauber“. Die 2021er Revue ist eine flüssig durchkomponierte, dramaturgisch durchdachte Fernsehshow, mit überraschenden und auch verblüffenden Auftritten, an denen selbst Zirkusverächter Freude haben werden. Zirkusfans natürlich sowieso.

Die Nachmittagssendung endet mit den Worten „Der Zirkus lebt“. Was zu beweisen war. (Harald Keller)

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