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Tatortreiniger Heiko Schotte (Bjarne Mädel) erklärt der Hausbesitzerin (Christine Schorn) mit welchen Spezialmitteln er das Blut wegputzt.

"Der Tatortreiniger", NDR

Die Welt ist groß und rätselhaft

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Fragen an das Leben: Nach sieben Staffeln endet mit dem "Tatortreiniger" eine der besten deutschen Serien der vergangenen Jahre.

Der Blick auf das Blut nach dem Mord: Das ist im bundesdeutschen Fernsehen vor allem im  Nachtprogramm denkbar. Doch war diese Art von Horror trotz der Sendezeit ungewöhnlich erfolgreich. Insgesamt sieben Staffeln und 31 Folgen lang hat  der Schauspieler Bjarne Mädel den „Tatortreiniger“ Heiko Schotte gespielt. Das Konzept der großartigen Reihe ist einfach. Schotty fährt zu Orten, an denen jemand zu Tode gekommen ist, und reinigt den Tatort von Blutspuren der Opfer: „Meine Arbeit beginnt da, wo andere sich vor Entsetzen übergeben.“  Der Fall selbst steht dabei selten im Vordergrund, vielmehr geht es darum, dass Schotty an diesen Orten unterschiedlichen Menschen, überraschenden Themen und manchmal auch sich selbst begegnet.

Die vielleicht schönste Szene beim „Tatortreiniger“ ist deshalb nur ein kleiner Moment, ein Bild. Die Folge ist eigentlich schon vorbei, gleich kommt der Abspann, und auf einmal laufen Tränen über das Gesicht von Heiko „Schotty“ Schotte. Grade hat er eine Frau kennengelernt, mit der er sich über die Liebe, über unrealistische Erwartungen und über das eigene Selbstbewusstsein unterhalten hat. Dann ruft er seine aktuelle Affäre an und schlägt ihr, inspiriert von seinem Gespräch, vor, in ein spezielles Restaurant zu gehen, mal etwas Neues auszuprobieren. Die Gegenseite lehnt ab. Und Schotty muss weinen.

Grandios geschriebene Bücher

Nun werden die letzten vier Folgen der Reihe ausgestrahlt – zum Bedauern der Fans. Dass die 30-minütigen Folgen so gut funktionieren, liegt vor allem an den grandios geschriebenen Büchern. Die Frau, die dahinter steht, heißt Ingrid Lausund, sie ist Theaterautorin und Regisseurin. Bei  ihrer Drehbucharbeit hat sie sich aber ein Pseudonym  zugelegt: Mizzi Meyer. Lausund versteht es, kluge Dialoge zu schreiben, bei ihr reden die Figuren tatsächlich miteinander und nicht einfach nur nacheinander. Wie in der oben erwähnten Folge „Geschmackssache“, in der Schotty die  Patientin eines ermordeten Therapeuten kennenlernt. Die korpulente Hobby-Köchin sucht einen Mann in der Kategorie George Clooney. Schotty reagiert mit Unverständnis und ist recht harsch in seinem Urteil, dass eine Frau ihres Formats niemals einen solchen Mann für sich gewinnen werde. Doch die Patientin hat in ihrer Therapie ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt, lässt sich nicht beirren und wirft Schotty gnadenlos auf sich selbst zurück – bis bei dem eben die Tränen fließen.

Solche klugen und berührenden Geschichten findet Lausund immer wieder, wie in einer der neuen Folgen, bei der die Frage gestellt wird, was eigentlich Kunst soll, muss und darf. Schotty ist konfrontiert mit einem Künstler, der Kunst aus echtem Geld herstellt. Ist die Provokation dieser „Verschwendung“ genau das richtige Mittel? Die Zuschauer werden immer wieder mit Fragen an das Leben und dieser großen, rätselhaften Welt konfrontiert. Das Kunststück der Autorin: In die halbe Stunde einer Folge einen selten reichhaltigen Strauß an Themen zu binden.

Nun endet der Dienst des „Tatortreinigers“, und der Grund dafür ist auch eher ungewöhnlich. Zwar hat auch diese Reihe mit Quoten zu kämpfen gehabt, wie es bei gutem Fernsehen leider viel zu oft der Fall ist, doch  den Schlussstrich zieht Lausund selbst. Sie wolle den Bogen nicht überspannen, erklärt sie. Ihrer Meinung nach sind Schottys Geschichten nun zu Ende erzählt. Sowohl Darsteller Mädel als auch der Redakteur Christian Granderath hätten gerne weitergemacht, doch Lausund blieb hart. Es ist wohl auf lange Sicht eine kluge Entscheidung, auch wenn man gerne noch so einige Jahre mit Schotty die Welt erkundet hätte. So aber blieben sieben Staffeln ein weiterer Beleg, dass gutes deutsches Fernsehen kein Vorbild aus dem Ausland braucht — auch Stromberg war gute Fernsehunterhaltung, aber hier haben Autor Ralf Husmann und der Regisseur Arne Feldhusen, der auch den Tatortreiniger inszeniert, sich noch von der BBC Serie „The Office“ inspirieren lassen. Der Tatortreiniger hingegen ist ein deutsches Original. Und was für eins. 

Der Tatortreiniger, 18. und 19.12.2018 ab 22 Uhr, NDR

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