+
Eve (Lucy Caron, li.), Corinne (Priscilla Benoist, Mi.) und Quakquak (Alane Delhaye, re.) werden von der Polizei angehalten.

"Quakquak und die Nichtmenschen", arte

Die Welt ist aus den Fugen

  • schließen

Bruno Dumonts Fortsetzung seiner legendären "Quinquin"-Miniserie ist erneut eine absurde Sensation: verstörend, lustig, tragisch, albern, tiefschürfend und vor allem absolut einzigartig.

In der Schwemme von Miniserien in die uns arte Woche für Woche wirft, haben wir bislang vermeintlich alles schon gesehen: die Meister und die Amateure, die Trendsetter und die Hinterherläufer, die Guten, die Schlechten und die Hässlichen. Aber vermutlich keine Ausstrahlung wird bei einer kleinen, radikalen Kultgemeinde so ehrfürchtig erwartet wie Bruno Dumonts Nachfolge-Serie zu seinem legendären Vierstunden-Meisterwerk „P'tit Quinquin“. Dumont ist entweder extrem weit voraus oder extrem weit hinterher, auf jeden Fall aber existiert diese Serie weit außerhalb aller Konkurrenz.

Seit im Frühling 1990 „Twin Peaks“ Premiere feierte, ist die Fernsehwelt voll von Nachahmern – oder, freundlicher ausgedrückt, von inspirierten Künstlern, die versuchen, David Lynchs Jahrhundert-Zauberstück aus ähnlichen Elementen zu reproduzieren. Dabei kamen einige bemerkenswert schöne Hommagen heraus („Wild Palms“, „Akte X“, „Stranger Things“ oder auch „Braunschlag“ kommen in den Sinne) und eine endlose Parade von peinlichen Epigonen.

Die einzige Serie aber, die es wirklich geschafft hat, eine ähnliche Mischung aus Skurrilität, Horror, Komik und Spannung zusammenzubrauen, war eine, die kaum jemand gesehen hat. Arte vergleicht Dumonts Stil mit „Willkommen bei den Sch’tis“ und Jacques Tati, aber das klingt arg weichgespült. Ein amerikanischer Kollege lag da näher dran, indem er Browning, Breillat, Dreyer und Kaurismäki hinzuzieht. Ich würde eher einen Louis de Funès-Film unter der Rehie von Roy Andersson vorschlagen, aber... wer mit einem einzigen Film so viele und so hilflos unterschiedliche Einflüsse heraufbeschwört, der ist ein wahres Original.

Und gerade deswegen war Bruno Dumonts „P'tit Quinquin“, das 2014 von den Cahier de cinema zum besten Film des Jahres gewählt wurde, auf Augenhöhe mit „Twin Peaks“ – weil sich Dumont auf Augenhöhe mit Lynch gekämpft hatte. Die Ähnlichkeiten des Plots – ein Mord in einer Kleinstadt voller horrend absurder Charaktere, ein ermittlender Beamter von außerhalb, die Mischung aus horrender Brutalität, übernatürlicher Vorkommnisse, haarsträubender gesellschaftlicher Schonungslosigkeit und drolliger Provinzkomik – sind eher zufällig im Gegensatz zu den Ähnlichkeiten der Regisseure. Dumont hatte zuvor sieben Filme gedreht, die philosophisch, pechschwarz, bitter-tragisch und grauenhaft intensiv waren. Man erinnert sich an keinen einzigen humoristischen Moment in seinem Werk. Aber genau wie Lynch, der zuvor nur als Meister von Körperhorror und Geisteswahn aufgefallen war, stopfte Dumont all seine liebsten Tricks in seine erste Fernsehserie – und man kann kaum aufhören zu lachen, ohne wirklich zu wissen, warum. Und – und das ist der Trick – ohne, dass es aufhören würde, zugleich philosophisch, pechschwarz, bitter-tragisch und grauenhaft intensiv zu sein.

Wer sich nun immer noch nicht vorstellen kann, was den Zuschauer beim Einschlaten dieser Miniserie erwartet: „Quakquak“ fühlt sich an wie ein übernatürlicher Mystery-Krimi – nur in einem selbstverwalteten Freiluft-Irrenhaus, wo jede Figur unerklärte Ticks, Sprachfehler, Denkfehler und Lebensfehler hat. Und aufgezeichnet von einem Ober-Irren, der sich um Logik, Physik oder Realismus eine feuchten Kehricht schert – aber dafür wie der sprichwörtliche Narr viel klarer sieht, was eigentlich wichtig ist: Anti-Logik, Metaphysik und Surrealismus.

Es würde sich also durchaus anbieten, die erste Serie aus Dumonts nordfranzösisch-flämischer Heimat zu schauen, in der wir die haarsträubende Kindheit unseres grotesken Antihelden erleben, bevor sich seine Jugendliebe inzwischen in ein Mädchen verliebt hat, und als sein Rassismus noch eher theoretischer Natur war. In der Neuauflage ist der Junge mit der Hasenscharte erwachsen geworden und seine Vorstellung von den titelgebenden „Nichtmenschen“ ist ganz konkret von der Flüchtlingskrise geprägt. Aber sonst ist eigentlich alles beim alten: Der Hauptkommissar fährt mit seinem Auto weiterhin häufiger auf zwei Rädern als auf vier und will ihm immer noch ausgerechnet die paar Dinge anhängen, die er ausnahmsweise nicht begangen hat. Und der dazugehörige Kriminalfall könnte nicht haarsträubender sein: plötzlich auftauchende schwarze Pfützen deuten erst auf außerirdische und schließlich sogar auf überirdische Verwicklungen hin.

Mit dieser Fortsetzung anzufangen wirft den Dumont-unerfahrenen Zuschauer also auch nicht schlimmer aus der Kurve als der erste Teil. Viele werden den Fernseher nach wenigen Minuten ausmachen, entnervt von einer fremden Logik, als hätte man die erste Fernsehübertragung vom Mars gesehen, wie sich die Außerirdischen das menschlichen Leben vorstellen. Warum sollte man sich das antun? Weil der Zuschauer, der die volle vier Stunden dabeibleibt, die Chance hat, einen filmischen Stil zu sehen, den man garantiert so noch nie gesehen hat; weil man etwas Profundes über das Leben und den Tod lernen kann; weil man zu einer kleinen, aber radikalen Kultgemeinde dazuwachsen könnte; weil man es vielleicht einfach nur irre komisch findet, ohne erklären zu können, warum; oder weil es vielleicht erneut einen der besten Filme des Jahres ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion