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Daniel Brühl als Filmer, Cara Delevingne als Engel.

„Die Augen des Engels“

Welchen Bildern kann man trauen?

Michael Winterbottom hat einen Film über einen Filmemacher gedreht, der einen Film über Amanda Knox, den Mord und den Prozess dreht. „Die Augen des Engels“ ist kein Film über ein Verbrechen, sondern über eine Recherche - mit spekulativen Tricks und vielen Klischees.

Von Frank Olbert

Alles begann wie eine Episode aus dem süßen Studentenleben im italienischen Perugia. Dort hatten sich 2007 die Amerikanerin Amanda Knox und die Engländerin Meredith Kercher einquartiert. Es gab romantische Beziehungen, man ging auf Konzerte, diskutierte die Nächte hindurch. Dann fand die Polizei in der Nacht auf den 2. November Kerchers grausam zugerichtete Leiche. Der Verdacht fiel auf Amanda Knox, sie verwandelte sich von der harmlosen Studentin wahlweise in eine Sex-Bestie und einen Junkie, wurde verurteilt und wieder freigesprochen. Ein weiteres Urteil hat den Freispruch vor kurzem erst bestätigt. Was sich in jener Nacht zugetragen hat, liegt bis heute im Dunkeln.

Insofern horchte man auf, als sich Michael Winterbottom an die Verfilmung dieses Falls machte, der auch ein Fall der italienischen Justiz ist. Wie würde Winterbottom von einem Geschehen erzählen, über dem noch immer ein Geheimnis liegt? Auf welche Seite würde er sich schlagen? Winterbottom hat sich – leider, wie man sagen muss – für eine Lösung entschieden, die ihm vermeintlich Neutralität erlaubt, aber gerade deswegen auch so naheliegend erscheint: Er hat einen Film über einen Filmemacher gedreht, der einen Film über Amanda Knox, den Mord und den Prozess dreht.

„Die Augen des Engels“ ist also kein Film über ein Verbrechen, sondern über eine Recherche. Die Handlung spielt zwar in Siena, und auch die Namen der Figuren sind aus Gründen des Persönlichkeitsrechts geändert, aber mit schwankender Handkamera und ruppigen Schnitten begibt sich Winterbottom wie ein Reporter mitten hinein in ein als authentisch zertifiziertes Geschehen: Wir stecken mit den Prozessbeobachtern die Köpfe zusammen, hören mit an, wie sie die Indizien deuten und eifrig vorverurteilen, wir streifen mit einem Blogger durchs nächtliche Siena, das mitunter wie die Kulisse für einen Gruselfilm aus den Zwanzigern wirkt, und lauschen Verschwörungstheorien – ja wir sind auch dabei, wenn sich Thomas, der von Daniel Brühl gespielte Filmemacher, in seine schöne Informantin (Kate Beckinsale) verliebt und im Drogenrausch die Mordszenerie halluziniert. Jeder hat hier seine Theorie, Winterbottom von jeder Festlegung fern.

Denn der Antrieb seines Films ist kein detektivischer, sondern ein philosophischer – ja, im Grunde ist Winterbottom als Erkenntnistheoretiker in eigener Sache unterwegs. Welchen Bildern kann man trauen, welcher Version glauben, wie stellt sich Wahrheit im Durcheinander der Meinungen und Medien überhaupt her?

Thomas gerät zunehmend in einen offenen Auges durchlebten Alptraum, in dem die Zweifel immer gravierender werden – das ist des Nachdenkens wert. Doch allzu offensichtlich besitzt „Die Augen des Engels“ den Charme einer Versuchsanordnung mit filmischer Metaebene, die ihrer eigenen Starrheit durch ziemlich spekulative Tricks und nicht wenige Klischees zu entrinnen versucht.

So ist der Boulevardjournalist selbstverständlich ein schmieriger Manipulator – seiner Strategie verdankt sich etwa die Charakterisierung der wirklichen Amanda Knox als kalter Engel mit den schönen Augen, die Winterbottom im Filmtitel zitiert. Die mediale Gegenwirklichkeit des Bloggers Edoardo hingegen manifestiert sich schon darin, dass sich sein Darsteller Valerio Mastandrea nur in Sienas dunkelsten Ecken herumdrückt – so als seien seine Informationen derart brisant, dass er sich in einen Geheimnisträger verwandelt, der Thomas regelmäßig in Angst und Schrecken versetzt, wenn er wie ein Geist aus dem Schatten hervortritt.

Den Vogel aber schießt die Figur der Studentin Melanie ab, die Cara Delevingne als leichthin einher hüpfende Unschuld spielt. Sie bezeugt leibhaftig die Sphäre, aus der die Protagonistinnen des Mordfalls, Amanda Knox und Meredith Kercher, stammten und ist es schließlich, die Dantes „Höllenfahrt“ lesend Thomas aus seinem Fegefeuer hinaushilft: Nicht mit dem Anspruch, die Wahrheit zu finden, endet der Film, sondern mit einem moralischen Appell. Denkt an die Würde des Opfers!, ruft uns Winterbottom zu, wenn Thomas und Melanie aus dem verwinkelten Siena fliehen und der Blick übers Meer und in die Weite schweift. Keine Spekulationen mehr, kein Rätselraten, keine Geheimniskrämerei: Dante weist den Weg aus der Medienhölle, und Melanie ist der Engel, den es zu beschützen gilt. Wenn das keine Mystifizierung ist.

Die Augen des Engels. GB/Spanien 2014. Regie: Michael Winterbottom. 101 Min.

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