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„Weißes Rauschen“ im Kino: Die Choreografie der Katastrophe

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Von: Daniel Kothenschulte

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Adam Driver (r.), hier mit Don Cheadle.
Adam Driver (r.), hier mit Don Cheadle. © dpa

Mit seiner Don-DeLillo-Verfilmung „Weißes Rauschen“ begibt sich Noah Baumbach neugierig auf fremde Pfade.

Als Don DeLillo 1985 seinen Roman „Weißes Rauschen“ veröffentlichte, schneite es nur noch selten in amerikanischen Fernsehgeräten. Selbst in Deutschland war der Sendeschluss weitgehend abgeschafft und das analoge Zeitalter bereitete sich auf sein Ende vor. Dennoch gilt der US-amerikanische Autor heute als ein Prophet der Mediengesellschaft, deren Informationsflut er in all ihrer Widersprüchlichkeit voraussah.

Diesen Roman mit seiner visionären Ironie heute zu verfilmen und ihn gleichwohl in seiner historischen Spielzeit zu belassen, macht allein schon neugierig: Es ist ein wenig, als verfilme man Orwells Zukunftsroman „1984“ im Stil der vierziger Jahre, als er entstand. Regisseur und Drehbuchautor Noah Baumbach geht noch einen Schritt weiter. Er nutzt den Mehrjahresvertrag, den ihm das Netflix-Studio beschert hat, für einen wahren Monumentalfilm im geschätzten Wert von 80 Millionen Dollar. Man sieht selten Gesellschaftssatiren im Blockbuster-Format.

Nur eine Handvoll jedes Jahr

Selbst Steven Spielberg, der immer mal wieder durch die Tür zu schauen scheint, hatte selten Glück mit dieser Kombination: Seine Weltkriegs-Groteske „1941“ gilt als einer seiner wenigen Flops. Auch für den mächtigen Streamingdienst ist so ein Prestigeprodukt nicht alltäglich. Nur eine Handvoll entstehen davon jedes Jahr, um sich erst auf Festivals, dann kurz im Kino und schließlich über das Internet für die Oscars zu bewerben.

Wie nicht ganz ungewöhnlich, wenn ein Film 136 Minuten dauert, dient nicht jede davon dem Handlungsfluss. Einige der schönsten sehen aus wie ein Foto von Andreas Gursky und spielen in einem riesigen Supermarkt. Käuferscharen und Kassenpersonal fügen sich in eine komplexe Choreografie aus Bewegungs-Loops, mehr Pina Bausch als Vincente Minnelli. Es lohnt sich, auf diese Szene bis zum Abspann zu warten, auch wenn wir einige der Tausend zeittypischen Verpackungen aus den Regalen schon vorher bewundern können: als historisch ebenso korrekt reproduzierten Müll, der in den chaotischeren Szenen dieser apokalyptischen Komödie die Böden überwuchert.

Adam Driver spielt die zentrale Figur des College-Professors und Hitler-Experten Jack Gladney, den mit seiner von Greta Gerwig gespielten Ehefrau Babette eine manische Todesangst verbindet. Das macht beide Figuren nicht weniger zu liebenswerten Familienmenschen. Auch die liebe Mühe, die sich Driver mit der deutschen Sprache gibt, ohne sie doch – wie seine Filmfigur – mehr als nur phonetisch zu beherrschen, rührt durchaus.

Doch während sich Jack mit nerdiger Wissensakkumulation über Forschungsthemen wie „Hitlers Hund“ ablenkt, gerät Babette in den Einfluss einer experimentellen, wenn auch völlig wirkungslosen Droge. Schlimmer noch, sie lässt sich auf eine Affäre mit dem dubiosen Beschaffer des Stoffes ein. Bevor der vor Eifersucht rasende Jack ausgerechnet dem in dieser Rolle dankbar chargierenden Lars Eidinger gegenübersteht, geschehen aber noch andere Katastrophen. Am spektakulärsten ist die eines Chemieunfalls mit Massenevakuierungen, die Baumbach mit angemessenem Statistenaufwand auf die Breitleinwand bringt.

Nun stellt sich die Frage: Was wird aus Paranoikern, wenn ihnen das Schicksal plötzlich recht gibt? Jacks Figur versucht es mit Beschwichtigungsformeln. „Vielleicht ist das gar kein Tod, wie wir ihn kennen. Nur Dokumente, die von Hand zu Hand gehen.“ Viele solcher direkt von DeLillo übernommenen Dialogsätze wären Woody Allen vielleicht auch gerne eingefallen. Nur hätte dieser sich nie an eine so undankbare Aufgabe wie die Adaption eines voluminösen Bestsellers gemacht. Noah Baumbach mag einem schon lange als Allens legitimer Nachfolger erscheinen – und es imponiert, wie er sich hier auf Neuland begibt. Und dafür an filmische Mittel wagt, die in seinen urbanen Gesellschaftskomödien bislang nicht vonnöten waren. Dazu gehört eine leichthändige Massenchoreografie, die Szenen in einer Notunterkunft ebenso natürlich fließen lässt wie typische Familienszenen.

Der Teenager als Influencer

Wo Panik herrscht, schlägt auch die Stunde der selbsternannten Deuter. Hier nutzt Baumbach das Netflix-Medium tatsächlich für eine sehr gegenwärtige Medienkritik. Während sich das Nachrichtenfernsehen mit kläglichen Beschwichtigungsformeln überflüssig macht, erwacht im Teenager-Sohn der Familie so etwas wie ein Influencer: Charismatisch hält er den Evakuierten Vorträge aus zusammengereimten Informationssplittern.

Es ist fraglos ein großer, aber nur selten auch großartiger Film. Baumbach, dieser Meister süffisanter Dialoge, versucht sich in der zweiten Hälfte zwar mutig an einigen Actionszenen, doch verlässt er sich immer noch zu selten auf das Bild. Verpasst haben möchte man „Weißes Rauschen“ dennoch nicht: Wegen eines hinreißenden Vortragsduells, bei dem sich Driver und Don Cheadle, der den Elvis-Experten am College spielt, mit ihrem Nerd-Wissen übertreffen und auf verrückte Parallelen kommen. Und nicht zu vergessen: wegen Barbara Sukowa als atheistische Nonne in einem deutschsprachigen Kloster. Gerade wenn man Baumbach für seinen Fleiß beglückwünschen möchte, sich in die Konventionen eines Katastrophen-Roadmovies eingearbeitet zu haben, lenkt er den 80-Millionen-Koloss auf ihm vertraute Pfade. Und das sind die herrlichsten Abwege.

Weißes Rauschen. USA 2022. Regie: Noah Baumbach. 136 Min.

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