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Hoch lebe Mary Poppins: Emily Blunt als berühmtestes Kindermädchen der Welt.

"Mary Poppins Returns"

Weil Mary Poppins nicht gestorben ist ...

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Mit "Mary Poppins Returns" hat Disney versucht, seinem Klassiker so nahe zu kommen wie möglich. Zumindest Hauptdarstellerin Emily Blunt ist das gelungen.

Hollywood ist berühmt für Happy Ends, doch welch traurige Abschiedsszenen ließ es uns in unserer Kindheit ertragen. Da war der Cowboy „Shane“, der sich im gleichnamigen Western ungerührt von seinem kleinen Freund in Richtung Sonnenuntergang verabschiedete. „Komm bald wieder“, rief ihm der Junge verzweifelt nach, doch das tat er nie. Umgekehrt ließ ein kleiner Junge namens Mowgli einen erwachsenen Bären achtlos im Dschungel zurück. Doch kein Abschied war wohl so bitter wie das grußlose Verschwinden eines Kindermädchens, das sich noch lässig eine Träne mit dem Handschuh abwischte, bevor sie sich per Regenschirm gen Himmel aufmachte. Zurück kam Mary Poppins nie. Jedenfalls bis heute.

Auch wenn ihre Erfinderin Pamela Travers die Erfolgsfigur noch achtmal wiederkehren ließ – das letzte Mal 1988, im 90. Lebensjahr der Kinderbuchautorin – hatte Walt Disney nichts dergleichen im Sinn. Er hasste Fortsetzungen. Oft erzählte er von seinen glücklosen Versuchen, „Die drei kleinen Schweinchen“ weiterzuerzählen. „Man kann Schweine nicht mit Schweinen übertreffen“, erhob er dann warnend die Stimme. Seine Erben hielten sich sehr lange an diese Maxime, so verlockend es auch gewesen wäre, Mary Poppins noch mal zurückzuholen. Stattdessen versuchten sie, aus den Zutaten des Erfolgsmusicals eine Formel für Ähnliches zu entwickeln. 

So entstand 1971 mit mäßigem Erfolg „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“. Der verstorbene Firmengründer sollte recht behalten: Alles, was den meisten Zuschauern davon im Gedächtnis blieb, war ein durchaus sensationelles Fußballspiel. 

„Mary Poppins Rückkehr“ ebenfalls als einen formelhaften Film zu bezeichnen, wäre zu kurz gegriffen. Er gleicht dem Original von 1964 wie jenes Spiegelbild, mit dem Julie Andrews einst das Lied vom Löffelchen Zucker sang. Für jede einzelne Szene des alten Films, für jede Wendung und natürlich für jedes Lied gibt es in der Fortsetzung eine Entsprechung. Eigentlich ist es ein Remake, nur wollte man es nicht so nennen.

Alles sieht aus wie immer an Londons Kirschbaumweg 17, auch wenn die Spielzeit um ein Vierteljahrhundert in die mittleren Dreißiger verschoben wurde. Noch immer begrüßt Nachbar Admiral Boom jede volle Stunde mit sattem Kanonendonner. Und noch immer gehen die Sprösslinge der Familie Banks gerne im Park verloren. 

Ihr Vater, Michael, der noch im ersten Film sein Erspartes lieber an die Vögel verfütterte, als es zur Bank zu tragen, ist nun selbst leitender Bankangestellter und hat nicht viel Zeit für die Kinder. Einmal heißt es sogar, er sei eigentlich Maler, aber dieser Faden ging wohl durch den Schnitt verloren. Ein freundlicher Passant kann gerade noch verhindern, dass der kleine Georgie Banks von seinem Papierdrachen davongetragen wird. Der hilfsbereite junge Mann, der sein Auskommen damit bestreitet, Gaslaternen zu löschen, mag auf den Namen Jack hören – doch eigentlich ist er eine Wiederkehr des guten alte Bert. Lin-Manuel Miranda spielt ihn mit Cockney-Akzent und einer Spur Kaminkehrer-Staub auf den Wangen. Gemeinsam mit dem Jungen zieht er kräftig an der Drachenschnur, und raten wir einmal, wen man sich so aus dem Himmel angelt: Richtig, Mary Poppins. Emily Blunt spielt sie mit jener herben Weiblichkeit, für die die Briten gern das dem Deutschen entlehnte Adjektiv „feisty“ verwenden.

Mary Poppins’ Rückkehr ist dringend nötig, denn Georgie und seine zwei beiden Geschwister Annabel und John droht der Absturz aus dem Schoß der Mittelschicht. Die Mutter ist gestorben und dem trotz seiner Stelle nicht sehr geschäftstüchtigen Vater droht die Pfändung des Eigenheims. Irgendwo hat er noch einen geerbten Anteilsschein der Bank, um den ihn der korrupte Geschäftsführer prellen will. Aufmerksame Zuschauer ahnen auch schon seit der Parkszene, wo sich das Dokument befindet – selbst wenn den weiteren Film über verzweifelt danach gesucht wird. 

Bevor die Frist zur Schuldentilgung ausläuft und Michael Banks, wie einst sein Vater, zu einem nächtlichen Schicksalstermin in die Bank gerufen wird, erleben wenigstens die Kinder noch erfreuliche Abenteuer: Jedes einzelne möchte dabei einen Höhepunkt des alten Films ersetzen. Neben dem obligatorischen Schlaflied sind das: Ein Sprung in eine bemalte Schüssel voller Trickfiguren (damals das Bild des Pflastermalers); der Besuch bei einer wunderlichen alten Dame, gespielt von Meryl Streep in Erinnerung an Ed Wynns „Onkel Albert“; schließlich das Ballett der Laternenanzünder, die agil wie die munteren Schornsteinfeger die Nacht zum Tage machen.

Nein, dies ist weniger eine Fortsetzung als ein zweites Original – vielleicht geschaffen von einem Walt-Disney-Klon in einem Paralleluniversum. Aber seien wir ehrlich: Lieber eine zweite „Mary Poppins“, die der ersten wie aus dem Gesicht geschnitten ist, als irgendetwas, das den Namen nicht verdient. Es gibt auch Eckchen im Pariser Disneyland, die man kaum vom kalifornischen Original unterscheiden kann. 

Es mag ein gewisser Trost darin liegen, dass Disney von Disney kopiert immer noch besser ist, als wenn sich andere daran versuchen. Doch was ein Original jeder Replik voraus hat, das demonstriert der Film in seinen einzigen wirklich herzergreifenden Szenen. Das erste Original ist Dick Van Dyke. Der 93-Jährige ließ es sich nicht nehmen, noch einmal ins zweite Rollenbild zu schlüpfen, das er 1964 neben dem guten Bert ebenfalls ausfüllte: einen greisen Bankier – nun ist er der Sohn seiner früheren Filmfigur. Wie Van Dyke erst jetzt bekanntmachte, bezahlte er Walt Disney damals 4000 Dollar, damit er die aufwendige Maskenrolle verkörpern durfte. Tatsächlich ist noch immer reichlich Maske vonnöten, um den agilen Komiker auf so alt zu schminken, wie er wirklich ist.

Das zweite Original, das inmitten aller Nachahmung strahlt, ist die ebenfalls 93-jährige Angela Lansbury. Fragen wir nicht, was die „tollkühne Hexe“ in „Mary Poppins“ verloren hat. Als Verkäuferin von Papierdrachen ersetzt sie die „uralte Vogelfrau“ im alten Film. Aber das war eine Szene, die sich nie wiederholen lässt. Vielleicht hat das auch Regisseur Rob Marshall erkannt. 

Voller Respekt rückt er einmal das Originalrequisit der alten Schneekugel ins Bild. Es gibt nur wenige klassische Filmrequisiten, die eine solche Aura besitzen. Wer einmal die entwässerte Kugel mit den lose einliegenden Tauben im Disney-Archiv gesehen hat, kann sich einer Gänsehaut kaum erwehren. Es geht eben doch nichts über das Original. Für eine Replik aber ist „Mary Poppins Rückkehr“ so gut wie vollkommen.

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