Gickeln beim Sketch: Die Breuers (l.) mit Komikerin Cordula Stratmann und Moderatorin Annette Frier. Foto: Jan Rothstein / ZDF
+
Gickeln beim Sketch: Die Breuers (l.) mit Komikerin Cordula Stratmann und Moderatorin Annette Frier.

Dokumentation

Weil es keinen Grund gibt, die Momente des Wohlbefindens abzutun

  • Joachim Frank
    vonJoachim Frank
    schließen

Leben mit Demenz: Im ZDF startet eine ungewöhnliche Dokumentation über ein Chorprojekt.

Ein Warnhinweis vorweg: Wer nah am Wasser gebaut hat, sollte sich für diese Sendung ausreichend Taschentücher bereitlegen. Gar nicht erst einzuschalten, wäre aber ein großer Fehler. Mit dem Vierteiler „Unvergesslich. Unser Chor für Menschen mit Demenz“ nähert sich das ZDF auf doppelt ungewöhnliche Art einem heiklen Thema. Der Sender und Moderatorin Annette Frier werden bei der Begleitung eines Chorprojekts für Demenzerkrankte über ein Vierteljahr hinweg zu Mitveranstaltern, Frier sogar buchstäblich zur Mitsängerin.

Es liegt an der Schauspielerin mit ihrer entwaffnenden Fröhlichkeit und Zugewandtheit in ihren Gesprächen mit den Beteiligten, aber auch an deren Offenheit und – nicht zuletzt – an einer sensiblen Kameraführung, dass die jeweils 45-minütigen Folgen dieses von dem BBC-Format „Our Dementia Choir“ übernommenen Dokutainments zu einem berührenden, aber weder rührseligen noch aufdringlichen TV-Ereignis werden.

Nach Angaben von Wissenschaftlern leben in Deutschland heute 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. In 30 Jahren könnte sich die Zahl annähernd verdoppeln. Betroffene wie der 68 Jahre alte Brühler Bruno Breuer und seine drei Jahre jüngere Frau Renate berichten von einer „Schockdiagnose“, die das ganze Leben komplett verändere. „Es löst sich nicht nur ein Ich auf, sondern auch ein Wir.“ Nach einer Woche Weltuntergangsstimmung hätten sie gemeinsam beschlossen, offensiv mit der Krankheit umzugehen, erzählen die Breuers. „Mutig sein, darüber sprechen, rausgehen“ – damit bekämen sie die „Schreckgespenster“ am besten gebannt. Deshalb entschlossen sich die beiden nach einem Aufruf der örtlichen Alzheimer-Gesellschaft „Aufwind“ auch spontan, sich für das Chorprojekt zu bewerben.

Musik hat im Leben des Juristen Breuer immer eine wichtige Rolle gespielt. Sein Studium der Musikwissenschaft – „das war meine Leidenschaft“ – verfolgte er nur deswegen nicht weiter, weil es ihm auf der Strecke als brotlose Kunst erschien. Heute ist das Klavier spielen eine große Bereicherung im Alltag der Breuers.

Dort drängen sich oftmals die krankheitsbedingten Defizite in den Vordergrund, die beim Musizieren und gemeinsamen Singen aber völlig zurücktreten. Dass die Erinnerung an Melodien und Liedtexte auch bei fortschreitendem Gedächtnisverlust oft noch funktioniert und Demenz-Patienten Erfolgserlebnisse und ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, wissen alle, die sich mit dem Thema beschäftigen. Für die ZDF-Dokumentation hat die Goethe-Universität Frankfurt mit ihrem Arbeitsbereich Altersmedizin eigens eine Pilot-Studie aufgesetzt, um die positiven Effekte des Singens in Gemeinschaft erstmals im deutschsprachigen Raum auch wissenschaftlich zu untermauern.

Frier legt sich als Probandin in eine MRT-Röhre. Anhand der Bilder ihres Kopfes erklärt der Neurologe David Poeppel die physiologischen Vorgänge im Gehirn als Reaktion auf Töne und Klänge. Fragebögen nach jeder Chorprobe, laufende Pulsmessung und Speichelproben zur Bestimmung des Stresshormons Cortisol ergaben im Ergebnis eine maximale Steigerung des subjektiven Wohlbefindens bei den Chorsängerinnen und -sängern. Die Studie soll auch publiziert werden. „Dass wir das Schwarz auf Weiß bekommen, ist für uns sehr wichtig“, sagt Renate Breuer.

Ähnlich positiv beschreiben die Wissenschaftler die Auswirkungen auf die Angehörigen, die der Frankfurter Demenzforscher Johannes Pantel als „größten und wichtigsten Pflegedienst der Nation“ bezeichnet.

Den Einwand, ein wohliges Gefühl mache doch die Demenz nicht wett, will Renate Breuer nicht gelten lassen. „Es wird mit der Krankheit nicht mehr besser, und sie geht auch nicht weg. Also geht es darum, dass es uns möglichst gut geht, so wie es ist. Ich bin kein purer Gutmensch. Aber wenn es meinem Mann gut geht, geht es mir ganz automatisch auch gut.“ Ihr gefalle es nicht, ergänzt Frier, die Momente des Wohlbefindens abzutun. Das Leben sei schließlich die Summe unserer Erlebnisse. „Und wir müssen dafür sorgen, dass jede Zeit in sich wertvoll ist.“

Unter der Leitung des früheren Wise-Guys-Sängers Eddi Hüneke übt der Chor den Udo-Jürgens-Schlager „Immer wieder geht die Sonne auf“ ein, in Folge 1 unterstützt von Singer-Songwriter Max Mutzke, dem deutschen Eurovision-Teilnehmer 2004. Als zweites steht „Über den Wolken“, der Evergreen von Reinhard Mey, auf Hünekes Probenplan. Das Ansingen gegen „alle Ängste, alle Sorgen“ läuft als Hoffnungsbotschaft eher unterschwellig, an die Zuhörer gerichtet mit. Für das Chorensemble erweisen Texte und Melodien sich schon rein technisch als Herausforderung. Aber die Männer und Frauen von 62 bis 93 sind sicht- und hörbar begeistert bei der Sache – immer mit dem krönenden Ziel eines öffentlichen Auftritts in der Kölner Flora. Dass es dazu nicht mehr kommen würde, ahnt der Zuschauer mit jeder Probe, die sich dem „kritischen Datum“ 14. März weiter nähert: Der geplante Konzerttermin fiel zusammen mit dem abrupten Stopp des öffentlichen Lebens im Corona-Lockdown.

Frier und die Breuers trauern dem immer noch nach. Die gute Nachricht: Das ZDF und die Produktionsfirma finanzieren eine Fortsetzung der Probenarbeit für ein Jahr. Das Projekt sollte nicht nur „ein Schaulaufen fürs Fernsehen“ sein, sagt Frier.

Die Frage, ob sie nach ihrer Hauptrolle als Asperger-Autistin Ella Schön nun endgültig zur ZDF-Expertin für Handicaps werde, quittiert die 46-Jährige mit einem spöttisch-strafenden Blick. „Nennen Sie’s Handicaps, ich nenne es Leben.“ In Folge 1 der Doku berichtet sie ausführlich von eigenen familiären Erfahrungen mit Demenz. Dass sie einen Moment gezögert habe, sich auf das Projekt einzulassen, habe nichts mit dem Thema zu tun gehabt, sondern mit der Sorge, der Stress einer TV-Produktion könnte die Betroffenen überfordern. „Dreharbeiten vertragen sich oft nicht so gut mit dem richtigen Leben.“

Bruno Breuer und seine Frau winken ab. Sie hätten das Ganze – im Gegenteil – hoch spannend gefunden. Und wenn die eine oder andere Einstellung mehrmals wiederholt werden musste, dann rettete Frier die Situation mit unbeirrbar guter Laune: „Wir machen das jetzt nochmal. Stellt euch einfach vor, ihr hättet es vergessen.“

Vom Glück, das beim Singen aus den Gesichtern der Chorteilnehmer wie auch ihrer Partner oder Kinder spricht, möchte man allen wünschen, dass es tatsächlich „unvergesslich“ ist.

„Unvergesslich. Unser Chor für Menschen mit Demenz“, ZDF, Folge 1 um 22.15 Uhr. Folgen 2 bis 4 an den folgenden Dienstagen jeweils um 22.45 Uhr.

Kommentare