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Weil es weitergeht: Lost in Wokeness

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Von: Sonja Thomaser

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Carrie (Sarah Jessica Parkerm M), Miranda (Cynthia Nixon, l) und Charlotte (Kristin Davis) in einer Szene des „Sex and the City“-Nachfolgers „And Just Like That...“ (undatierte Filmszene).
Carrie (Sarah Jessica Parkerm M), Miranda (Cynthia Nixon, l) und Charlotte (Kristin Davis) in einer Szene des „Sex and the City“-Nachfolgers „And Just Like That...“ (undatierte Filmszene). © dpa/Sky

„And just like that“: Die Heldinnen versuchen 20 Jahre später klarzukommen.

Dass „Sex and the City“ teilweise eine eher grenzwertige Serie ist, ist heute, 20 Jahre später, natürlich leicht gesagt. Damals liebten wir „Sex and the City“, die Serie über vier Frauen, die sich im Bett wie im Leben nahmen, was sie wollten. Das war revolutionär und ein Aufreger – natürlich mussten wir einschalten. Was dort aber gezeigt wurde, waren äußert problematische Narrative. Das gesamte Leben der vier privilegierten, weißen Frauen dreht sich um Männer. Auch wenn mal andere Themen gestreift werden, kommt alles immer auf Männer und Beziehungen zurück. Das ist also die große Selbstverwirklichung?

Verwirrt durch Gefühle

Der Mann, der Carries große Liebe sein soll, ist narzisstisch und sie leidet unter der Beziehung. Was wir damals gelernt haben? Wenn ein Mann dich schlecht behandelt, lass es zu, das heißt nur, dass er vor lauter Gefühlen verwirrt ist und dir irgendwann noch seine Liebe gesteht.

Dieses Narrativ war aber nur eines von vielen Problemen von „Sex and the City“. So finden die Protagonistinnen zum Beispiel, dass es Bisexualität nicht gibt: „Das ist doch nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Gaytown“, so Carrie.

Ein weiteres Beispiel ist der Umgang mit trans Personen. Die Darstellung von drei trans Frauen aus Samanthas Nachbarschaft ist eine Aneinanderreihung von transphoben Witzen, „halb Mann, halb Frau“ nennt Carrie sie. Noch schlimmer: Samantha findet, dass solche Personen in ihrer Nachbarschaft gar nicht existieren sollten, denn schließlich zahle sie „ein Vermögen“ für ihre Wohnung.

New York City ist wahrscheinlich einer der multikulturellsten Orte der Welt. Aber in „Sex and the City“ finden People of Color nicht statt, höchstens im Hintergrund, als Servicekräfte oder als sogenanntes „Plot Device“, um die Geschichte der weißen Menschen auszuschmücken.

Nun, zwanzig Jahre später, geht „Sex and the City“ also weiter. „And just like that“ nennt sich die Fortsetzung, die auf Sky zu sehen ist. Doch nur noch zu dritt (die Schauspielerin Kim Catrall hatte keine Lust mehr auf ihre Rolle als Samantha) stiefeln unsere Serienheldinnen Carrie, Miranda und Charlotte nun in ihren Fünfzigern durch New York. „And just like that“ wirkt wie eine Art Korrektur zu „Sex and the City“. PoC und Queerness finden prominent und ohne diskriminierende Darstellung statt. In den „woken“ Momenten der Serie wird gezeigt, wie sehr Carrie, Miranda und Charlotte vom aktuellen Diskurs überfordert sind. Die Frauen, die früher immer am Puls der Zeit waren, sind nun verloren zwischen Weiße-Retterin-Komplex und den richtigen Pronomen.

Das Altern ist Thema

PoC und queere Personen werden jetzt zu einem wichtigen Teil der Story. Aber anstatt dass deren Lebensrealität abgebildet würde, sind diese Nebencharaktere lediglich dazu da, den drei Hauptcharakteren zu helfen, über ihre Verunsicherung hinwegzukommen und sie geduldig zu besseren Menschen zu machen.

Was der neuen Serie „And just like that“ allerdings gut gelingt, ist ernsthaft die Probleme des voranschreitenden Lebens anzusprechen. Der Verlust von geliebten Menschen, die Angst, dass im Leben möglicherweise nicht mehr viel kommt, das Altern. Und endlich geht es nicht mehr primär um Männer. Sondern um die drei Frauen selbst.

„Sex and the City“ war trotz aller problematischen Narrative vor zwanzig Jahren tatsächlich revolutionär. Die vier Protagonistinnen hinterfragten zur Prime Time scheinbar feststehende patriarchale Konzepte und zeigten, dass Frauen gerne Sex haben und nicht alle heiraten und Kinder kriegen wollen. Sie haben den Diskurs einst nachhaltig geprägt und verändert.

„And just like that“ ist immer noch unverkennbar „Sex and the City“ mit dem typischen Humor und der Dynamik. Aber die neue Serie zeigt Protagonistinnen, die den Diskurs nicht mehr mitbestimmen und beim Zeitgeist nicht mehr richtig mitkommen. Das ist für die Zuschauerin manchmal schwer anzusehen, aber Carrie, Miranda und Charlotte wachsen daran auch. Und man sieht vor allem: Es geht immer weiter.

„And just like that“, eine Staffel, auf Sky.

Die Kolumne „Nächste Folge“ nimmt Streaming- und TV-Serien in den Blick. Mehr auf fr.de/ naechste-folge

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