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Ed Lachman, hier vor zwei Jahren auf den 63. Berliner Filmfestspielen.

Marburger Kamerapreis Ed Lachman

Wegweisungen durch die Visionen

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Die Wahrheit fotografieren: Daniel Kothenschulte hält eine Laudatio auf den Kamerakünstler Ed Lachman, den Kompositeur der Freiräume.

Lieber Ed,
meine Damen und Herren,

es gibt immer noch Menschen, die ins Kino gehen, um Bilder zu sehen. Leider werden sie dort nicht mehr allzu oft fündig. Viele Filmemacher erwarten von der Kamera nicht mehr viel mehr, als die Performances von Schauspielern zu wiederzugeben.

Im reichen Werk von Ed Lachman gibt es solche Filme nicht. Man kann seine Filmographie lesen wie einen Wegweiser zu den visionärsten Regisseuren der letzten fünf Jahrzehnte. Von Werner Herzog zu Ulrich Seidl, von Wim Wenders zu Todd Haynes, von Susan Seidelman zu Sophia Coppola. Aber wahrscheinlich wird doch eher umgekehrt ein Schuh daraus. Wer als Filmkünstler nach einem Bildgestalter sucht, mit dem sich Visionen teilen lassen, kommt früher oder später zu Ed Lachman.

Als ausgebildeter Maler und bedeutender Fotograf, erlaubt er es seinen Bildern nicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Ebenso wenig aber würden sie sich dem Betrachter aufdrängen. Ed Lachmans Bilder schaffen kompositorisch klar definierte Freiräume. Weit genug, nicht nur für die Schauspieler, sondern für das Leben selbst, um sich darin zu entfalten.

Lieber Ed, Du sagtest mir einmal: „Die Rolle eines Kameramanns ist es nicht, schöne Bilder zu schaffen, sondern die Wahrheit herauszuarbeiten.“ Mit diesem Leitsatz hast Du in den letzten vier Jahrzehnten einen unschätzbaren Anteil an der Entwicklung der Filmkunst genommen. Und dabei die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, Musikvideo und Experimentalfilm überwunden.

Ed Lachmans Bilder beweisen, dass man einen hohen künstlerischen Anspruch überall aufrecht erhalten kann. Am Fuß eines brodelnden Vulkans in Guadeloupe (im Dokumentarfilm „La Soufriere“), der Hollywood-Produktion „Erin Brokovich“ oder einem Konzertfilm mit Lou Reed und John Cale („Songs for Drella“).

Seit Anfang der Siebziger Jahre schlagen Ed Lachmans Bilder eine Brücke zwischen den Errungenschaften der großen zeitgenössischen Fotografen Robert Frank und William Eggleston und dem europäischen Autorenkino. Mit beiden ist er seit vielen Jahren auch persönlich befreundet. Insbesondere in Deutschland fand er Regisseure, die diese Vorlieben teilten, Wim Wenders, Werner Herzog und Volker Schlöndorff.

Rainer Werner Fassbinder persönlich lieh seine Stimme für den Kurzfilm „Last Trip to Harrisburg“, den Lachman 1984 gemeinsam mit Udo Kier und Bernd Brummbär inszenierte. Als Wim Wenders 1979 gemeinsam mit dem todkranken Hollywoodmeister Nicholas Ray den Essayfilm „Lightning Over Water“ anging, wurde Lachman zu ihrem engsten künstlerischen Vertrauten. Wir können ihn hier auch vor der eigenen Kamera erleben – wie er Rays Wohnung in melancholische Farben taucht.

Lachmans Farben sind nie zufällig gewählt. Unermüdlich kann er über ihre Wirkung reflektieren und was die Filmemulsion und digitale Chips mit ihnen anstellen. Wie in der Malerei erzeugt er mit ihnen Tiefe erzeugen, und folgt ihrem immanenten Bestreben, zurückzuweichen und oder nach vorne drängen.

Seine ganze Meisterschaft entfesselte der virtuose Filmkünstler Todd Haynes: „Far from Heaven“ trug Lachman eine Oscar-Nominierung ein: mit verblüffender Genauigkeit erweckte er die Ästhetik der tief-farbigen Melodramen Douglas Sirks auferstehen zum Leben. Und machte die Konventionen dieser vergangenen Bildsprache bewusst, indem er sie subtil überhöhte.

In der experimentellen Bob-Dylan-Biografie „I’m not There“ taucht Lachman jede Sequenz in eine andere, bis ins Detail erfasste historische Ästhetik. So wird Vergangenheit auch als Mediengeschichte sichtbar.

Wie ein genialer Musiker

Wie ein genialer Musiker kann sich Lachman in jede Stilart einfühlen; das Ergebnis ist nie ein Imitat, sondern es pointiert die spezifischen Besonderheiten. Seine Kamera bildet nicht ab, sie durchdringt ihre Sujets mit Sinn und Verstand. Dieses einzigartige Gespür rückt insbesondere seinen Dokumentarfilme in den Rang großer Fotoreportagen: Die Reise in die Gospelmusik „Say Amen Somebody“ (Regie: George T. Nierenberg, 1982) ebenso wie seine engagierte eigene Regiearbeit „Life for a Child“ über Diabetes-kranke Kinder in Nepal.

Ed, man kann nicht aufhören, in Deinem Werk Entdeckungen zu machen. Erst heute Morgen erlebten wir das bei einem verhinderten Klassiker im Lieblingsgenre aller Cinephilen – dem „Kino übers Kino“. Zum ersten Mal seit mehr als drei Jahrzehnten war Dein Film „Report from Hollywood“ zu sehen, bei dem Du Wim Wenders bei der Arbeit an „Der Stand der Dinge“ über die Schulter blickst. So wird dieser Film über das Filmen noch einmal umrahmt von einem weiteren Film, und des Schwarzweiß des großen Henri Alekan umschlugen von Farben, die noch lange Nachglühen auf unserer Netzhaut, wie in einem Dye-Transfer-Print von William Eggleston.

„Es geht nicht darum, etwas schöner zu machen, als es ist“, hast Du mir einmal in einem Interview gesagt. „It is not about aesthetizing. To me it is not about creating images that are some idealization or some romanticized vision of the world, but about seeing the beauty in the world and also seeing what makes the world specific. And how you create stories through the language of images to make them specific.“

Ich weiß nicht, was man sich vom Kino mehr wünschen könnte als das, und kaum jemand hat es treffender ausgedrückt. Denn das schenken uns Ed Lachmans Bilder: Sie zeigen uns die Schönheit der Welt, nicht, indem sie diese noch einmal verschönern, denn das wird ihr kaum gerecht. Sie lassen sie uns die Welt erleben, in dem wir hinter diese Schönheit blicken.

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