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Paula Beer und Franz Rogowski in "Transit".

"Transit"

Wegweisendes Flüchtlingdrama

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Avantgarde ist ganz einfach: Christian Petzolds meisterhafter Film "Transit" mit Paula Beer und Franz Rogowski überschreitet Grenzen.

Rund 180 Spielfilme entstehen jedes Jahr in Deutschland, und wie es aussieht, in diesem Jahr auch eine ganze Menge guter. Formal aber stecken sie in engen Rahmen. Es gibt kaum noch Experimente, die Grenzen zwischen Dokument und Inszenierung sind meist messerscharf gezogen. Ebenso unantastbar scheint im deutschen Kino die strenge Trennung zwischen Naturalismus und Verfremdung – also gerade jenes hochfeine System, in dem Schauspielkunst eigentlich erst entsteht. 

Ein Nachdenken über Darstellungsformen findet bei uns kaum noch statt. Das war einmal ganz anders: Fünfzig Jahre ist der Aufbruch der 68er-Jahre nun her, der auch mit einer kinematographischen Revolution daher kam. Das Kino war es leid, lediglich ein Ort des Verschwindens vor der Welt zu sein. 

Zufällig hat sich für den heutigen Donnerstag beim Frankfurter Lichter-Festival unter anderem Edgar Reiz angekündigt, ein Veteran von damals, um der Situation des deutschen Films ein wenig die Leviten zu lesen (um 18 Uhr im Zoo-Gesellschaftshaus, Akkreditierung erforderlich, lichter-filmfest.de). Und mit Christian Petzolds Film „Transit“ kommt dieser Woche die Ausnahme der Ausnahmen ins Kino – ein Film, der die Freiheit, von der er spricht, auch künstlerisch einlöst. Es sind keine radikalen Eingriffe in die Sehgewohnheiten; „Verfremdungseffekt“ wäre fast schon ein zu großes Wort für den sinnstiftenden Anachronismus, mit dem Petzold das Vergangene vergegenwärtigt und die Gegenwart historisiert.

Es sind vielfältige Grenzen, von denen Anna Seghers in ihrem Kriegsroman „Transit“ erzählt: Das sind die Tore zur Freiheit und deren Hüter, die Visa-Stellen in den Konsulaten im deutsch besetzten Marseille. Und die weniger kalkulierbaren Barrieren, gesetzt von Angst und Scham. Wer zu entkommen hofft, der lässt immer auch jemanden zurück. Und wer Zeuge einer Verhaftung wird, dem bleibt oft nur, verschämt zu schweigen. Einen aktuelleren Stoff hätte Petzold nicht wählen können als Anna Seghers’ semi-autobiographische Flüchtlingsgeschichte, geschrieben 1941/42 unter dem Eindruck der eigenen Emigration nach Mexiko.

Petzold und sein verstorbener Co-Autor Harun Farocki haben sich in all ihren früheren Filmen mit dem Verhältnis von Schuld und Scham beschäftigt, das ihre Helden auf sonderbare Pfade schickt, in „Wolfsburg“, „Yella“, „Jericho“, „Barbara“ oder zuletzt „Phoenix“. Nun spielt Franz Rogowski den Flüchtling Georg: Nachdem er die Identität eines verstorbenen Dichters angenommen hat, um dessen Ausreisepapiere zu nutzen, verliebt er sich zufällig in dessen Witwe. Wie der unfallflüchtige Fahrer in Petzolds „Wolfsburg“ vermag er sich der Trauernden nicht zu offenbaren. Aber hat die Frau nicht sogar ihren Mann mit der brieflichen Trennung in den Tod getrieben? 

Petzold überspitzt ihr mögliches Verschulden noch, wenn den Mann ein zweites Schreiben, in dem sie den Bruch zurücknimmt, nicht mehr erreicht. Nun sucht sie ihren Mann in der Küstenstadt, und immer wieder nährt sich ihre Hoffnung an den Spuren Georgs, der sich für ihren Mann ausgibt. Die gerade 23-jährige Paula Beer spielt diese Rolle, die früher wohl Nina Hoss verkörpert hätte, in einer Art verfrühter Reife, wie sie das Trauma in Krisenzeiten auch auf jugendliche Gesichter zeichnet.

Eine weitere Grenze, die dieser Film permanent durchkreuzt, ist die von Vergangenheit und Gegenwart. Petzold hat die Seghers-Figuren ins Marseille von Heute versetzt, ihnen aber viele Attribute der Vergangenheit belassen. Sie tragen altmodische, wenn auch nicht exakt datierbare Kleidung. Maria adressiert ihren Brief in Sütterlin, Georg fälscht einen antiken Pass mit einem modernen Klebestift. Auf dem Theater sind solcherart gesetzte Anachronismen alltäglich, im Kino, wo sie vielleicht noch mehr bewirken können, dagegen ungewöhnlich. Der einfache Einfall nutzt sich nicht ab, und Seghers’ einst in der DDR so populäres Werk eignet sich prächtig für etwas Brecht’sche Verfremdung. 

Als Geister der Vergangenheit will Petzold seine Wartenden vor verschlossenen Türen jedoch nicht sehen. „Im Gegenteil finde ich unsere Gegenwart gerade ausgesprochen gespenstisch, die historischen Figuren dagegen ausgesprochen reell und menschlich“, erklärt er. „Die Väter des Grundgesetzes haben das Asylrecht aus den Gründen aufgenommen, die Anna Seghers beschrieben hat. Nun will man es beschneiden.“ Das klingt nach einem tiefschwarzen Drama, doch die Regie ist oft leicht, ja spielerisch. Die Arbeit mit den jungen Schauspielern verleiht dem Film bei aller Stilsicherheit mitunter die Frische einer Probensituation. 

Vor allem Franz Rogowski, der als Spezialist für Außenseiterfiguren selbst seiner Rolle in „Fikkefuchs“ mehr Würde verlieh als vielleicht im Drehbuch stand, spielt traumtänzerisch und ernst zugleich. Den irrationalen Liebes-Irrweg, auf den Anna Seghers diese Figur schickt, wirkt in seiner Darstellung absolut plausibel. Hinreißend die Szenen, in denen er sich um einen kleinen nordafrikanisch-stämmigen Jungen kümmert, mit ihm über deutschen Fußball plaudert oder ihm ein Schlaflied von Hanns Dieter Hüsch vorsingt. Der Anachronismus ist eines der heikelsten Gestaltungsmittel im Kino, das nur in absoluter Balance gelingt. Dann aber besiegt er alle Illusion und betritt die Sphäre reiner Kunst. 

Die entscheidende Frage, die „Transit“ hinterlässt, ist die, warum er so allein steht in der Freiheit seiner Form. Das deutsche Kino verdankt seine prägende Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg dem Austausch mit den anderen Künsten. Heute agieren Film, Bildende Kunst, Theater und Musik weitgehend ohne Interaktion. Jede Institution ist zu stolz und wohl auch satt genug, um zu sehen, was die anderen tun. Da reicht es schon, ein paar Tugenden aus dem Theater in den Filmraum hinein zu lassen und den Konventionen historischer Filme die Tür zu weisen. Eine neue Avantgarde ist eigentlich ganz einfach loszutreten. Man muss nur über Grenzen gehen.

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