+
Dynamik, Witz und Profil: Rita Hayek als Shirin, Adel Karam als Toni.

Der Affront

Wegen eines Rohrs wird abgerechnet

  • schließen

"Der Affront", ein explosives wie auch kluges libanesisches Sittenbild von Ziad Doueiri.

Ein Regenrohr löst eine nationale Krise aus, es werden Sätze gesprochen, die das Zeug haben, einen Krieg zu entfesseln. Wir befinden uns im Nahen Osten, in Beirut genauer, und dort, wo auf den Hügeln rund um die Stadt die Zedern duften, ist das Leben nach dem Bürgerkrieg wieder lebenswert. Doch die Gewalt von einst reicht immer noch in den Frieden hinüber, und so erweist sich dieser als äußerst fragil.

„Der Affront“ („The Insult“) von Ziad Doueiri ist die Hoffnung des Libanon bei der anstehenden Oscar-Verleihung. Das allein schon ist ein Ereignis, denn es gibt nicht viele Filme aus dem kleinen Land, die es überhaupt ins internationale Kino schaffen – Doueiris Beitrag aber lief sogar schon im Wettbewerb von Venedig. Dass es „Der Affront“ so weit gebracht hat, liegt auch an der geschickten Dramaturgie, die der Regisseur dem Geschehen gibt: Das Erbe des Libanonkriegs verhandelt sein Film über weite Strecken hinweg in der Form eines Gerichtsdramas.

Corpus delicti ist jenes läppische Regenrohr, das aus dem Balkon des Wohnungsbesitzers Toni herausragt und schmutziges Wasser auf die Passanten herabtropfen lässt. Der Bauarbeiter Yasser, in der Straße gerade mit Renovierungsarbeiten befasst, nimmt sich eigenmächtig der Fehlkonstruktion an, und so kommt es zum Affront. Im nachfolgenden hitzigen Streit fällt seitens Yasser das Wort „Scheißkerl“, woraufhin Tony den Satz ausstößt: „Sharon hätte euch alle auslöschen sollen.“ Fäuste fliegen, die Verbalinjurien münden in physische Verletzungen.

Der Hintergrund der Auseinandersetzung ist das Gemisch aus religiösen, ethnischen und politischen Identitätsbekenntnissen, die das Zusammenleben in Nahost seit Jahrzehnten vergiften. Tony ist ein christlicher, libanesischer Patriot mit ziemlich rechter Gesinnung – Yasser ein palästinensischer Flüchtling muslimischen Glaubens. Beide können sich aus einem reichen Repertoire bedienen, wenn es darum geht, die Schuld der jüngeren Geschichte gegeneinander aufzurechnen: Die Gräueltaten von Sabra und Shatila, die christliche Milizen unter den Augen israelischer Soldaten an palästinensischen Lagerinsassen begangen – ein Massaker, bei dem umgekehrt Palästinenser Christen niedermetzelten.

Nach der Uraufführung am Lido im vergangenen Jahr wurde Ziad Doueiri vor regierungsamtliche Stellen zitiert, wo er sich für sein explosives libanesisches Sittenbild verantworten sollte – mittlerweile lebt der in den USA ausgebildete Regisseur in Paris. Was die autoritäre Reaktion der Machthaber herausforderte, ist vermutlich die größte Stärke des Films. 
Hier werden nicht einfach politische Positionen und gegenseitige Ressentiments illustriert – in „Der Affront“ kämpfen durchweg vielschichtig angelegte Figuren mit Leidenschaft für ihre Würde und Integrität.

Dass sie diese allerdings nicht zuletzt durch ihr eigenes starrsinniges Verhalten in Frage stellen, daran wird diese Männergesellschaft mit wunderbar ironischem Understatement von den weiblichen Mitspielern in diesem Film erinnert. Nicht nur mit den Stimmen der Ehefrauen, auch mit Yassers Anwältin formuliert Doueiri einen feministischen Gegenentwurf zum Fraktionismus der selbsternannten Patriarchen, wobei keiner der Frauen das Wort Feminismus über die Lippen käme. Tatsächlich findet eine Revolte der Schwachen statt, während die Männer, gleich welcher Religion sie angehören oder welche politische Agenda sie verfolgen, sich vor lauter eingebildeter Stärke kaum bewegen können. 

Neben Adel Karam und Kamel El Basha als Streithähne sind es so Diamand Bou Abboud als Anwältin sowie Rita Hayek und Christine Choueiri als Ehefrauen, die dem Film Dynamik, Witz und Profil verleihen. Dass es irgendwann fast gleichgültig erscheint, wer den Prozess eigentlich gewinnt, ist dabei eine ebenso kluge Wendung wie die Tatsache, dass auch seine überaus banale Ursache in Vergessenheit gerät.

Der Affront. F/Zypern/B/Libanon/USA 2017. Regie: Ziad Doueiri. 109 Min.  

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion