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Das Wetter ist der heimliche Hauptdarsteller.

„Weathering with You – Das Mädchen, das die Sonne berührte“

„Weathering with You – Das Mädchen, das die Sonne berührte“ im Kino: Der Tag, als der Regen kam

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Ein betörender Anime zum Klimawandel: Makoto Shinkais „Weathering with You – Das Mädchen, das die Sonne berührte“.

Nach einem Film des Anime-Künstlers Makoto Shinkai sieht man möglicherweise das Wetter mit anderen Augen. Es kann einem zum Beispiel passieren, dass man eine merkwürdige Sehnsucht nach Regentagen entwickelt. Vor seinem internationalen Welterfolg mit „Your Name“ drehte Shinkai die urbane Romanze „The Garden of Words“ über einen 16-jährigen Jungen, der bei Regenwetter die Schule schwänzt, um in einem Tokioter Park das zu tun, was er als seine Bestimmung im Leben erkennt – mit feinem Strich Damenschuhe zu entwerfen. Dabei lernt er eine geheimnisvolle Frau kennen, die deutlich älter ist als er. Man trifft sich fortan regelmäßig – aber nur wenn es regnet.

Der Film

Weathering With You – Das Mädchen, das die Sonne berührte. Animationsfilm. Regie: Makoto Shinkai. 111 Min.

In Shinkais lange erwartetem Nachfolgefilm zu „Your Name“, der inzwischen als bisher erfolgreichster Anime gilt, droht Tokio nun im Dauerregen zu ertrinken. Wieder geht es um einen Ausreißer im Teenageralter. Hodaka ist vom langweiligen Land in die Stadt geflohen, wo es fraglos aufregender ist – aber leider auch sehr teuer. Nur durch das Jobangebot eines Zufallsbekannten kommt er über die Runden: Als Reporter und Redaktionsassistent einer kleinen Zeitschrift hilft er einer Kollegin, esoterischen Meldungen und urbanen Legenden auf den Grund zu gehen. Schon wähnt man neben den Wetterbedingungen auch die Beziehungskonstellation des früheren Films „reanimiert“, denn auch die selbstbewusste und ein paar Jahre ältere Natsumi könnte leicht ein Herz entflammen. Wäre da nicht das Teenagermädchen Hina, das Hodaka aus dem dubiosen Club rettet, wo es arbeitet. Die etherische Hina bedankt sich mit der Demonstration ihrer besonderen Gabe: Als Nachfahrin einer legendären „Wetterjungfrau“ kann sie durch Geisteskraft das Wetter ändern. Im verregneten Tokio gibt es für ihre erfolgreichen Sonnenbeschwörungen reichlich Bedarf, was beide Teenager zu einer florierenden Dienstleistung entwickeln.

Shinkais selbst geschriebene Geschichte scheint allen Recht zu geben, die in dem Filmemacher schon „den nächsten Miyazaki“ ausgemacht haben: Das bescheidene Geschäft mit der alltäglichen Zauberkraft erinnert an dessen modernen Klassiker „Kikis kleiner Lieferservice“, die weitere, tragische Zuspitzung des Schicksals des Wasser-affinen Mädchens an die Miyazaki-Variante der kleinen Meerjungfrau, „Ponyo“. Auch die Wirkungsmacht des Regens demonstrierte der Großmeister des Anime unübertrefflich in „Totoro“. Und doch hat Makoto Shinkai seinen ganz eigenen Stil, den er von Film zu Film weiter vertieft.

Seine Figuren mögen den Elementen trotzen, den Gefängnissen der Zeit oder sogar der eigenen Körperlichkeit entfliehen – aber sie tun dies in urbanen Kontexten. Schwer vorstellbar, dass eine Miyazaki-Hexe wie Hina ihre Dienste über ein soziales Netzwerk per Handy offerieren würde. Doch gerade diese Zeitgenossenschaft macht Shinkais Überwirklichkeit so kraftvoll. Und wohl kaum hat man in einem gezeichneten Großstadtdrama so betörende Naturschauspiele erlebt.

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Shinkai ist bekannt für seine Vorliebe für satte Farben, aber das Lichtspiel der Wolkenbilder entwickelt hier noch einmal ein anderes Pathos. Man stelle sich vor, Caspar David Friedrich hätte die Himmel über der Industrie- und Smogstadt Tokio gemalt. Kein Wunder, dass sich über den grandiosen Wolken noch eine zweite, höhere Realität auftut, in der die Geschichte außerdem noch einmal eine überraschende Wendung nimmt. Anime-Künstler Shinkai ist geradezu besessen von Himmeln.

Das Wetter ist der heimliche Hauptdarsteller dieses überwirklichen Liebesfilms, und das ist durchaus politisch. Der Klimawandel ist hier so allgegenwärtig, dass man ihn nicht einmal beim Namen nennen muss. Das junge Publikum, das in Scharen zu erwarten ist, wird die Beziehung zum Thema der Stunde sofort herstellen. Denn es gibt sie ja tatsächlich, diese Menschen, die das Wetter verändern können. Jeden Freitag gehen sie dafür auf die Straße.

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