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Galla (1972-2011).

Ruhrpott AG

„We almost lost Bochum“ - Ruhrgebiet, wir komm’ aus dir

  • Fabian Böker
    vonFabian Böker
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Der Film „We almost lost Bochum“ über die Geschichte der Rapband RAG.

In der heutigen Hip-Hop-Szene wird oft die Frage nach dem Respekt Älteren, den Wegbereitern gegenüber gestellt. Und ebenso die Frage nach der Bedeutung, die Gruppen von einst für die spätere Entwicklung von Rapmusik haben. Eine Gruppe, der wohl alle Protagonisten der deutschen Szene Respekt zollen, deren Bedeutung alle anerkennen, ist die Ruhrpott AG, kurz RAG. Über die Musiker, die ihre Herkunft bereits im Namen nicht verschweigen, wurde nun der Film „We almost lost Bochum“ gedreht, der RAG ein Denkmal setzen soll.

Ein großes „Pottential“

Wie berechtigt dieser Versuch ist, wird vor allem aus den Äußerungen von Zeugen klar. Die beiden Filmemacher – Julius Brimmers und Benjamin Westermann – haben es geschafft, zahlreiche andere Rapper, Labelchefs oder Rap-Journalisten vor die Kamera zu bekommen. So sitzt da beispielsweise Curse, selbst eine der prägendsten Figuren des deutschen Raps, und sagt über das Debütalbum von RAG, das 1998 erschien: „‚Unter Tage‘ ist ein Meilenstein des deutschen Hip-Hops.“ Eißfeldt, Rapper bei den Beginnern und solo als Jan Delay bekannt, äußert sich ähnlich. Ebenso wie die Stieber Twins, Kool Savas oder Retrogott.

Aber es geht nicht nur um die musikalischen Spuren, die die Band hinterlassen hat. Es geht auch – so dramatisch es klingen mag – um Leben und Tod. Untermalt von eindrücklichen Bildern aus dem Ruhrgebiet (Zechen, Bahnhöfe, Straßenzüge) und bisweilen sphärischer Musik begibt sich der Film auf die soziale und kulturelle Herkunft der Musiker. Brimmers und Westermann begleiten Aphroe zu seinem Elternhaus in Herne, schauen sich mit DJ Mr. Wiz in Oberhausen um und zeigen Pahels Bochumer Heimat. Sie sind im ehemaligen Studio der Band zu Gast, wo die Mitglieder auch wohnten. Sie geben zudem Einblicke in ihr späteres Leben, waren etwa für zwölf Tage bei Pahel in Washington zu Gast, wo er mit Frau und Kindern wohnt. Dabei erzählt der Rapper unmissverständlich, dass er Deutschland unter anderem wegen seiner Erfahrungen mit Rassismus verlassen habe, die er seinen Kindern ersparen wolle.

Offen reden er und seine Kollegen auch über das Thema Tod, mit dem sie 2011 konfrontiert wurden. Damals, am 9. August, starb ihr Bandkollege und Freund Galla. Dessen letzte Jahre, die er erst in Berlin verbrachte, danach in Bochum, wo er auch obdachlos wurde, werden anschaulich nachgezeichnet, auch anhand von Gesprächen mit engen Freunden aus dem RAG-Umfeld oder seiner damaligen Partnerin. Dabei wird deutlich, dass Galla, der irgendwann den Halt im Leben verloren hatte, nicht mehr ansprechbar war, um ihm helfen zu können.

Die Bandgeschichte selbst endete schon früher, nach dem zweiten Album „Pottential“. Erwartungen nach der Unterzeichnung eines Majordeals, musikalische Blockaden, Differenzen untereinander, die Frage nach einem weiteren gemeinsamen Weg – die Gründe für das Ende einer der wichtigsten Deutschrap-Bands sind vielfältig. Auch das zeichnet der Film nachvollziehbar nach.

So kommt Aphroe als einer der Hauptprotagonisten zu dem Fazit: „Mir war schon früh klar, dass das Ganze Hand und Fuß haben wird und kein weiterer 08/15-Versuch einer Dokumentation, die deutsche Hip-Hop-Szene abzubilden.“

Seit dieser Woche wird der Film deutschlandweit in den Kinos gezeigt. Eine DVD/Blu-Ray wird folgen, „wir haben viel zu viele Anfragen, um es nicht zu machen“, so Julian Brimmers. Im Januar wollen sie mit einer Crowdfunding-Aktion dazu beginnen.

„We almost lost Bochum“ läuft in Frankfurt am Montag, 14. September, und Mittwoch, 16. September im Arthouse-Kino Harmonie in Sachsenhausen. Im Wiesbadener Murnau- Filmtheater wird er noch am heutigen Samstag um 17.30 Uhr gezeigt .

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