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Dr. Watson ist jetzt eine Frau

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Jonny Lee Miller als Sherlock Holmes mit Lucy Liu als Watson
Jonny Lee Miller als Sherlock Holmes mit Lucy Liu als Watson © CBS Television

Gute Unterhaltung: Sat.1 zeigt mit „Elementary“ eine rundumerneuerte Sherlock-Holmes-Variante aus den USA.

Von Sarah Mühlberger

Er ist aus der Entzugsklinik geflohen. Ausgerechnet an dem Tag, an dem er entlassen werden sollte. Nun steht er mit nacktem, tätowiertem Oberkörper im Wohnzimmer seines New Yorker Hauses und erläutert, warum er gerade Sex hatte: „Mein Hirn und Körper brauchen ihn, um optimal zu funktionieren, also füttere ich sie nach Bedarf.“ Und dann geht’s auch schon in die U-Bahn, dem Verbrechen hinterher.

So sieht das also aus, wenn Sherlock Holmes im 21. Jahrhundert ankommt – zumindest in der Adaption des US-Senders CBS, der in „Elementary“ den inzwischen 125 Jahre alten, berühmtesten Privatdetektiv der Welt rundumerneuert hat. Die bloße Ankündigung der Serie hat vor einem Jahr für große Empörung gesorgt, vor allem in Europa. Denn auf die Idee, eine Serie um einen modernen Sherlock Holmes zu entwickeln, war die BBC schon vor vier Jahren gekommen. Seither wurden zwei Staffeln mit jeweils drei 90-minütigen Folgen von „Sherlock“ ausgestrahlt, in knapp 200 Ländern. Überall waren Kritiker und Zuschauer begeistert, auch in den USA, wo der nicht-kommerzielle Sender PBS die Serie zeigte.

Doch dann kündigte CBS mit „Elementary“ überraschend eine eigene Sherlock-Serie an. Für die Fans und Macher der BBC-Serie ein Affront, auch wenn die US-Produzenten nicht ganz zu Unrecht darauf verwiesen, dass Sherlock Holmes etliche Male adaptiert und modernisiert wurde, seit er 1887 vom britischen Schriftsteller Arthur Conan Doyle erschaffen wurde.

Die „Sherlock“-Produzentin Sue Vertue drohte im britischen Independent zwischen den Zeilen trotzdem schon mal rechtliche Schritte an, sollten die Parallelen zwischen beiden Serien zu groß sein. „Wir sind sehr stolz auf unsere Show“, sagte Vertue, „und wie alle stolzen Eltern werden wir die Interessen und das Wohlergehen unseres Sprösslings schützen.“

Harmlosere US-Variante

Die amerikanische Variante indes wirkt viel braver, viel harmloser als die BBC-Adaption. Sherlock Holmes ist auch in „Elementary“ Brite, berät nun aber die New Yorker Polizei statt Scotland Yard. Er hat ein Problem mit Drogen und auch mit Menschen, mit den lebenden jedenfalls. Die auffälligste Neuerung ist wohl die Rolle von Watson, genauer gesagt Dr. Joan Watson – einer Frau. In „Elementary“ ist Watson Suchthelferin und als solche Tag und Nacht an Sherlock Holmes’ Seite.

Lucy Liu und John Lee Miller spielen diese in vielerlei Hinsicht gegensätzliche Paarung so charmant, dass sie auch über manche Plotschwäche trägt. Bisweilen nerven aber Watsons Versuche, Sherlock Holmes in küchenpsychologischer Manier zu analysieren. Interessanterweise verzichtet die Serie auf das Naheliegende: das Verhältnis zwischen den beiden Hauptfiguren amourös aufzuladen. Drehbuchautor Robert Doherty erteilte derartigen Hoffnungen mancher Zuschauer frühzeitig eine Absage, eine Liebelei der beiden sei nicht im Sinne und Geiste der Originalcharaktere, sagte er in einem Interview.

„Elementary“ ist ansonsten weitgehend frei von größeren Überraschungen, erzählt einen in sich abgeschlossenen Kriminalfall pro Folge und lehnt sich im Unterschied zur BBC-Serie dabei nicht an die Originalbücher an. Dennoch ist das gut gemachte, solide Unterhaltung – sofern man die BBC-Serie nicht kennt. In diesem Fall tröstet vielleicht die Nachricht, dass im März die Dreharbeiten zur dritten Staffel von „Sherlock“ beginnen sollen.

Elementary, 22 Folgen, donnerstags, 21.15 Uhr, Sat.1.

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