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Lucas-Filmfestival - Was immer hilft: die Liebe

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Von: Thomas Stillbauer

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„So Damn Easy Going“ (Schweden/Norwegen 2022). Foto: Ola Kjelbye cinenic Film/DFF
„So Damn Easy Going“ (Schweden/Norwegen 2022). © Ola Kjelbye Fotografi AB

Das Lucas-Filmfestival fürs junge Publikum thematisiert in diesem Jahr Verlust, Vertrauen – und Geister.

Das Kino ist stark wie ein Bär, aber auch langsam wie ein Dromedar: Es kommt an, aber das kann dauern. Daher fehlt beim Lucas-Festival fürs junge Filmpublikum in diesem Jahr das Thema, das die Welt bewegt. Der Krieg in der Ukraine ist auf der Leinwand noch kein Gegenstand – wohl aber der Krieg auf der Welt.

Die syrische Regisseurin Marya Zarif hat ihren Animationsfilm „Dounia und die Prinzessin von Aleppo“ aus den Erlebnissen von Millionen Kindern gebaut. „Krieg ist Realität in vielen Ländern“, sagt sie im Gespräch mit dem Publikum. Die sechsjährige Dounia muss mit den Großeltern die zerstörte, vergiftete Heimat verlassen, ihr Aleppo, das so ein magischer Ort für sie war. „Als ich klein war, sah für mich auch alles magisch aus“, sagt Marya Zarif. Deshalb habe es eine magische Geschichte werden müssen, mit Dounia als kleine Fee, die auf der Flucht nicht nur Opfer ist, sondern auch voller Kraft.

Die 45. Ausgabe des ältesten deutschen Kinder- und Jugendfilmfestivals hat wieder überwältigende Bilder, fantastische junge Schauspielerinnen und Schauspieler in die Lichtspielhäuser gebracht – und die Realität, nicht nur im Film. Als sich eine fünfte Klasse in der Frankfurter Innenstadt vorm Kino versammelt, liegt dort ein obdachloser Mann in seine Decken vergraben. Die Kinder wirken nicht irritiert.

„How I Learned To Fly“ (Serbien/Kroatien 2022). Foto: Sense Production/DFF
„How I Learned To Fly“ (Serbien/Kroatien 2022). © Sense Production/DFF

Lucas ist aber auch eine Zuflucht, der richtige Ort für zwei Stunden Ablenkung. Die deutsche Komödie „Lucy ist jetzt Gangster“ etwa, ein entzückendes Märchen, in dem alle Kinder vernünftiger sind als alle Erwachsenen. Oder „The Ghastly Brothers“, herrlich gruselig, herrlich albern, herrlich eklig, ein bisschen Poltergeist, ein bisschen Hogwarts. „Wir lieben Geister und paranormales Zeug“, sagen die belgischen Filmemacherbrüder van Ostade im Filmgespräch. „Davon gab es in Belgien nicht so viel. Wir fühlten und verpflichtet, das zu ändern.“ Eine gefräßige Couch wird gezähmt, indem die Geisterjäger das passende Futter finden: „Was ist das größte Objekt, das du in einer Couch verlieren kannst?“ Na klar, die TV-Fernbedienung.

Kein Klamauk. Zur Handlung gehört Lilith, die von ihrer Mutter im Spukinternat geparkt wird, weil sie, die Mutter, in Neuseeland den berühmten Vogel Kakapo erforschen muss. Das tut Lilith zwar ganz schön weh, aber: „Es war uns wichtig zu erzählen, dass eine Mutter die Chance haben soll, ihre Träume zu verwirklichen – auch wenn sie Kinder hat.“

Die lustigen Brüder erinnern sich für ihre Filme immer daran, was sie selbst als Kinder aufregend fanden. Das haben sie genreübergreifend mit „Dounia“-Regisseurin Zarif gemeinsam und auch mit Niklas Bauer und seinem Kurzfilm „Herr Schnurrs magischer Koffer“. Manche vergäßen, was sie als Kind selbst mochten, sagt er. „Dann wirken Filme oft durchpädagogisiert.“ Bauers Geschichte erzählt von einem Zauberkoffer, in den man steigt, um an einem ganz anderen Ort wieder aufzutauchen, und Kater Schnurr bringt die Menschen auf die Fährte. Der erste Festivalbeitrag, „und dann hoffst du, das sie’s mögen“. Mögen sie’s? „Sie lachen an anderen Stellen als erwartet. Aber sie lachen.“

Wegträumen aus dem Alltag ist immer drin beim Lucas. Mitfliegen mit einer Hausgans, der die Freiheit geschenkt wird (und ein bisschen mitweinen in „Das Kind und die Gans“). Erwachsen werden wie in „How I Learned To Fly“, als Sofia mit der Oma in die Ferien muss und trotzdem coole Sachen an Kroatiens Küste erlebt.

„Raquel (Brasilien 2022). O2 filmes/DFF
„Raquel (Brasilien 2022). © VANS BUMBEERS

Aber Lucas wäre nicht Lucas ohne die großen ernsten Themen. In diesem Jahr etwa Gewalt gegen Frauen im brasilianischen Film „Raquel“. Eine junge Frau versucht den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Der Film hat mystische und horrorhafte Anteile. „Wir haben eine schwere Zeit in Brasilien, eine Zeit wie ein Alptraum“, sagt Regisseurin Mariana Bastos. „Es geht darum, Frauen zu stärken.“ Viele hätten ihr nach dem Film von Gewalterfahrungen berichtet.

Der Verlust der Mutter, ein Thema, das auch Christoffer Sandler in „So Damn Easy Going“ behandelt. Tochter und Ehemann sind schwer traumatisiert. Ein leiser, zunächst trauriger Film auf der Kippe zwischen zart und herb. Es hilft, wie immer und überall: die Liebe. Er habe ein warmes Gefühl und Hoffnung erzeugen wollen, erzählt der ebenso unprätentiöse wie sympathische schwedische Regisseur. „Als der erste Schnitt fertig war, wollte ich aufhören und beruflich etwas anderes machen.“ Er lacht. „Es war das Schlimmste, was ich je gesehen hatte.“ Auch die Autorin des zugrundeliegenden Romans sei entsetzt gewesen, als sie sah, was er aus dem Stoff machen wollte. „Heute sind wir Freunde.“

Wo erfährt man schon solche Geschichten hinter den Geschichten? Bei Lucas. Dort lockt auch der Horrorgeisterkomödienmacher Michael van Ostade: „Fragt uns! Wir beißen nicht ... fest.“

Lucas-Filmfestival: bis 13. Oktober in Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden. lucas-filmfestival.de

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