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Auch Jugendliche haben es nicht immer leicht.
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Auch Jugendliche haben es nicht immer leicht.

TV-Kritik „Wir, die Teenager!“ (Arte)

Die Wartephase vor dem Ernst des Lebens

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Eine jugendliche Erscheinung ist heutzutage ein angestrebtes Ideal, die Phase der Jugend hat sich deutlich verlängert. Es gab aber Zeiten, da kannte man diese Lebensphase gar nicht. Ein Arte-Film sucht nach dem Ursprung der Jugend.

Den Spruch „ich bin ja auch mal jung gewesen“ beantworten Jugendliche meist mit einem gequälten Lächeln. Mit gutem Recht, denn Jugend wird immer wieder neu definiert, neu erfunden, neu ausgestattet mit ihrer eigenen Musik, Mode und anderen Kulturgütern. Andererseits wiederholen sich eben diese Vorgänge; das eint die Generationen.

Anfang der 1950er begehrten deutsche Jugendliche gegen ihre Eltern auf, indem sie US-amerikanischen Swing hörten und dazu tanzten. Sie ernteten die gleiche Missbilligung der Älteren wie später die Rock ‘n‘ Roller, Hippies, Punks … In den USA löste Frank Sinatra in den 1950ern bei weiblichen Teenagern ebensolchen Begeisterungstaumel aus wie später die Beatles, die Bay City Rollers und nachfolgende Boygroups bei ihrem jeweiligen Publikum, das ja zur Freude der Unterhaltungsindustrie ständig nachwächst und nach neuen Idolen verlangt.

Wann aber hat das alles angefangen? Diese Frage beschäftigte den britischen Popjournalisten Jon Savage und ergab nach langen Quellenstudien das Buch „Teenage: Die Erfindung der Jugend“ („Teenage: The Creation of Youth 1875-1945“), das ursprünglich weniger marktgerecht, aber zutreffender „The Prehistory of Youth Culture: 1875 – 1945“ hieß. Savage erkundet darin jugendliches Auftreten und auch jugendliche Äußerungen, zum Beispiel Tagebücher, und zieht aus diesem Material Rückschlüsse auf die Befindlichkeit und das Selbstverständnis der britischen, US-amerikanischen und deutschen Jugendlichen in unterschiedlichen Phasen innerhalb der genannten Zeitspanne. Wobei die Jugend als drittes Lebensalter erst einmal ‚entdeckt‘, besser gesagt definiert werden musste. Denn vordem gab es nur Kindheit und Erwachsenendasein, der Übergang war vor allem für Angehörige der unteren Schichten zumeist abrupt und unromantisch.

Von der Kinderarbeit bis zum Techno-Rave

Jon Savages Buch lieferte die Inspiration und inhaltliche Grundlage für Matt Wolfs in internationaler Koproduktion für den WDR und Arte entstandene Dokumentation zum gleichen Thema. So detailreich wie Savage in seinem über 500-seitigen Sachbuch kann ein 75-minütiger Dokumentarfilm selbstredend nicht sein. Der Filmautor verkürzte daher den Zeitrahmen und begann mit der Erzählung eines Zwölfjährigen aus dem England des Jahres 1904, dessen Kindheit mit dem Eintritt ins Arbeitsleben endet. Fortan schuftet er täglich elfeinhalb Stunden in einer Fabrik, samstags hat er ab mittags frei.

Dies ändert sich, so erfahren wir. Eine Übergangsphase bildet sich heraus, die Jugend, der hinausgezögerte Aufbruch ins Leben. Je nach den Zeitläuften geben sich die Teens und Twens lebhaften Vergnügungen hin, lungern auf der Straße herum oder werden zum Eintritt in Jugendverbände wie den Pfadfindern angehalten. In wirtschaftlichen Krisenzeiten und auch unter der Hitler-Diktatur werden die Jugendlichen zu gemeinnützigen Arbeiten herangezogen und so ‚von der Straße geholt‘ – und bei der deutschen Hitler-Jugend, was der Film eher vage anspricht, auch gleich auf den Militärdienst vorbereitet.

Der Film endet in den 1950ern nach der Zündung der ersten Atombombe, um dann noch im Zeitraffer blitzschnell ein paar nachfolgende jugendliche Subkulturen wie Ostermarschbewegung, Punk bis hin zu den Ravern abzuhandeln.

Die Lindsay Lohan der 1920er

Die Thesen und Darstellungen im Film sind nicht grundsätzlich falsch, die große Zeitspanne aber erweist sich, wie auch schon bei Savages Buch, als Problem. Es wird in großem Stil generalisiert und verallgemeinert, sprunghaft wechselt der Autor zwischen Großbritannien, den USA und Deutschland, wobei der jeweilige Schauplatz nicht immer deutlich wird. Im von Schauspielern gesprochenen und, bei entsprechender Quellenlage, gelesenen Texten ist stets von einem imaginären „Wir“ die Rede – wer aber spricht dort, und  für welche Gruppe? Welches „Wir“ ist gemeint? Nur selten wird Matt Wolf in diesem Punkt deutlich, so wenn er sich ausführlich einer Gruppe verhaltensauffälliger Jugendlicher im Großbritannien Ende der 1920er-Jahre widmet. Das „Partygirl“ Brenda Dean Paul setzt sich gern öffentlich in Szene, wird schwanger, treibt ab, gerät an Morphium, wird zum stadtbekannten, schlagzeilennotorischen Junkie. Sie war sozusagen die Lindsay Lohan ihrer Zeit. Eine faszinierende Übereinstimmung, zu attraktiv, als dass man als Filmautor darauf verzichten möchte.

Auch an anderer Stelle nennt Wolf Namen, lässt historische Figuren sprechen, macht aber keine Angaben, woher deren Äußerungen stammen. Mehr noch: Der Filmemacher mixt munter zeitgenössisches Filmmaterial dokumentarischer und fiktionaler Art und ergänzt es zudem um eigens nachgestellte Szenen zu einem bunten Bilderbogen, der nicht mehr erkennen lässt, wo der Autor dokumentarisch arbeitet und wo er eine eher filmkünstlerische Strategie verfolgt.

Swing-Leidenschaft gleich Hitler-Verehrung?

Überdies passt das ausgewählte Archivmaterial nicht immer zur Aussage des Kommentars. In einer Passage über New Yorker Halbstarkenkrawalle zur Zeit des II. Weltkrieges beispielsweise werden Zeitungsartikel eingeblendet, in den von „Zoot Suiters“ die Rede ist. Deren besondere Subkultur wird in dieser Sequenz ohne Erklärung in einen bildlichen Zusammenhang gebracht mit Jugendlichen, die einen völlig anderen Stil pflegen und einen gänzlich anderen gesellschaftlichen Hintergrund haben.

Eine andere fragwürdige Montage: Wolf zeigt die überschäumende Begeisterung US-amerikanischer Jugendlicher für Stars der Swing-Musik – und ohne Überleitung tausende Jugendliche, die sich um Adolf Hitler scharen und auf eine Autogrammkarte hoffen. Eine perfide und mehr als hinkende Gleichsetzung: Bei der nationalsozialistischen Hitlerjugend wurden die Jugendlichen gedrillt und abgerichtet, beim Swing ereignete sich das Gegenteil. Eben deshalb wurden die Swing-Fans von den Nazis verfolgt und bestraft.

Der Film „Wir, die Teenager!“ vermag als Informationssendung nicht zu überzeugen. Es fehlt ihm an inhaltlicher Genauigkeit; zu ungeniert werden Filmbilder unterschiedlicher Herkunft kombiniert. Wie man das besser macht, zeigte Arte im April mit der Reihe „14 – Tagebücher des Ersten Weltkrieges“ – ähnlich disparates Material, aber säuberlich nach Art getrennt und für das Publikum nachvollziehbar präsentiert.

„Wir, die Teenager!“ kann unter www.arte.tv/guide/de/plus7 noch angeschaut werden.

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