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Und im Wald knurren die Wölfe

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Von: Sylvia Staude

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Mit sich selbst und einem ehemaligen Afghanistansoldaten konfrontiert: Borowski und Lindholm.
Mit sich selbst und einem ehemaligen Afghanistansoldaten konfrontiert: Borowski und Lindholm. © NDR/Meyerbroeker

Der 1000. Tatort heißt wie der erste: Charlotte Lindholm und Klaus Borowski im „Taxi nach Leipzig“.

Am 29. November 1970 zeigte die ARD den vom NDR produzierten, allerersten Tatort „Taxi nach Leipzig“, in dem es bereits einen eigenmächtig handelnden Ermittler gab, der allerdings nicht von dubiosen Geheimdienstlern oder korrupten Kollegen in seiner Arbeit behindert wurde, sondern von der schlechten alten DDR. Die kundige Web-Seite Tatort-Fundus weiß: „Auf eigene Faust fährt Hauptkommissar Trimmel mit seinem Wagen über die Zonengrenze in Richtung Westberlin.“

Auf einem Autobahnrastplatz nahe Leipzig nämlich wurde die Leiche eines Jungen gefunden, er trug West-Schuhe. Der West-Kommissar, gespielt dann immerhin elf Folgen lang als humorlos, cholerisch, sehr hartnäckig von Walter Richter, soll zuerst Amtshilfe leisten, dann doch nicht. Ob ihn das misstrauisch macht? Und ob! Den Frankfurter andererseits muss nachdenklich machen, dass als Drehorte nur Hamburg und Frankfurt angegeben sind. Lag die Tatort-DDR etwa in und um Frankfurt?

An diesem Sonntag läuft nun der – nach offizieller Zählung – 1000. Tatort, ebenfalls mit dem Titel „Taxi nach Leipzig“. Der NDR produzierte erneut; aus Jubiläumsgründen klotzt der Sender zumindest ein bisschen und lässt zwei einsame Ermittler-Wölfe, Charlotte Lindholm, Hannover, und Klaus Borowski, Kiel, zusammen ein Taxi nehmen. Sie wollen nicht nach Leipzig, sie haben ganz andere, getrennte Feierabendabsichten. Aber sie werden von einem traumatisierten, verbitterten, hochintelligenten Afghanistan-Veteranen als Geisel genommen. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer – und möchte zu seiner sich in Leipzig neu verheiratenden Ex. Ein dritter Polizeikollege ist anfangs auch noch dabei, aber nicht lange. Beziehungsweise nicht lange auf dem Beifahrersitz.

Der Ausgangspunkt: Lindholm, Maria Furtwängler, und Borowski, Axel Milberg, wurden auf die gleiche Weiterbildung geschickt – und sind von der gleichen Weiterbildung angeödet. Der Saal ist voll, die Luft schlecht, die Aufmerksamkeit gering beim Seminar „Stufenmodell der Deeskalation“. Wortfolgen wie „konkrete Anwendung einer modernen Gefährdungsanalytik“ schweben ermüdend durch den Raum. Dann gibt’s ein Büfett, an dem Borowski den Kürzeren zieht, weil ihn der oben erwähnte Kollege bedrängt („Herr Borowski, entschuldigen Sie, dass ich Sie anquatsche“). Lindholm wiederum hat bereits im Seminar per SMS ein Rendezvous vereinbart. Die Vortragschose endet für diesen Tag, man flieht, man stürzt sich auf das Taxi, das eigentlich vorbeifahren will …

Die Zuschauerin war da schon im Kopf des Fahrers und weiß, dass das nicht gut gehen wird. Und dass sich bald zeigen wird, ob die beiden Kommissare schon etwas gelernt haben im Deeskalationsseminar. Eher nein. Borowski wird immerhin später zugeben: „Ich bin in Wirklichkeit kein angenehmer Mensch.“

Da sich die beiden Geiseln logischerweise nicht darüber verständigen können, ob sie eine und welche Taktik sie verfolgen, hat sich Alexander Adolph, Buch und Regie, ausgedacht, dass die Zuschauerin ausschnittweise ihre Gedanken mithört. Das ist ziemlich lustig – obwohl man es nur mit schlechtem Gewissen lustig finden kann: Denn der Dritte im Taxi, der junge Fahrer, hat offensichtlich Schlimmes mitgemacht, auch Schlimmes getan im Afghanistaneinsatz. Florian Bartholomäi spielt ihn als messerscharfen, wachsamen Verzweifelten, der jetzt, da die immer noch Geliebte heiraten will, nichts mehr zu verlieren hat.

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