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Tanja Bartko (Nadja Uhl) ist zurückgekehrt in den Spreewald.

"Spreewaldkrimi: Tödliche Heimkehr", ZDF

Die Wahrheit hat viele Gesichter

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Auch der zwölfte "Spreewaldkrimi" im ZDF ist wie stets vorzüglich gespielt und kunstvoll verschachtelt.

Es gehört zum Markenzeichen der „Spreewaldkrimis“, dass Thomas Kirchner seine Geschichten kunstvoll verschachtelt. Und weil es nach elf Filmen mittlerweile eine Art Archiv gibt, in dem sich die Regisseure bedienen können, greift der Autor regelmäßig auf ältere Handlungselemente zurück.

In „Tödliche Heimkehr“ gibt es auf diese Weise ein Wiedersehen mit Tanja Bartko (Nadja Uhl), deren Mann vor vielen Jahren von ihrem Vater erschlagen worden ist („Der Tote im Spreewald“, 2009). Mittlerweile hat Tanja einen neuen Lebensgefährten, Holger, (Matthias Lier), und als der erfährt, dass sie ein Grundstück in bester Lage geerbt hat, entwirft er einen kühnen Plan: Er will mitten im Spreewald ein Wellness-Resort errichten. Ähnlich wie einst ihr Mann, der auch mit allen Krach hatte, zieht Holger damit den Unmut der Einheimischen auf sich, zumal er verdächtig rasch eine Baugenehmigung bekommt.

Das klingt erst mal nicht sonderlich aufregend, aber dank Kirchners raffinierter Drehbücher ist ein „Spreewaldkrimi“ selbst dann noch ein besonderer Film, wenn die Handlung üblichen Gepflogenheiten zu entsprechen scheint. „Tödliche Heimkehr“ beginnt zwar klassisch mit einer Leiche, aber damit enden die Parallelen zum herkömmlichen Krimi fast schon: Hauptkommissar Fichte (Thorsten Merten) nimmt spätabends den Notruf eines offenbar schwer verletzten Mannes entgegen. Seine letzten Worte sind „Tanja Bartko“. Damit ist für Fichte klar, wer den Anrufer auf dem Gewissen hat.

Am nächsten Tag wird die Leiche in einem Wehr gefunden. Es handelt sich um einen Mann namens Malchow (André Jung), er war der Anwalt von Tanja und Holger; aber welchen Grund sollte sie haben, ihn zu töten? Für Kriminalrat Krüger (Christian Redl) steht die Unschuld der Frau ohnehin außer Frage. Er hat sie schon immer sehr gemocht, wie entsprechende Rückblenden belegen; die Sonnenscheinbilder sind ein beredter Kontrast zur düsteren Gegenwart.

Den Rahmen der Handlung bildet eine gerichtliche Anhörung, in deren Verlauf Tanja der Richterin (Inka Friedrich) erzählt, wie es ihr seit der Ermordung ihres Mannes ergangen ist; und vor allem, welche Feindseligkeit die Wellness-Pläne verursacht haben. Der Unmut der Einheimischen entlädt sich in einem regelrechten Überfall auf das idyllische Refugium, das das Paar für sich und Tanjas kleinen Sohn Daniel errichtet hat. Der Bauwagen, in dem sie leben, ist ein hübsches Pendant zu dem Wohnwagen, in dem Krüger im letzten Film („Zwischen Tod und Leben“) beinahe verbrannt wäre. Seither lebt er gemeinsam mit trinkfreudigen Russen in einem Arbeiterwohnheim, aber es deutet viel darauf hin, dass er im nächsten Film ein neues Zuhause haben wird. Zunächst jedoch muss er Tanja aus der Schusslinie bekommen. Da Holger seit jener verhängnisvollen Nacht ebenso wie die Tatwaffe verschwunden ist, spricht viel dafür, dass er Malchow auf dem Gewissen hat.

Bei Kirchners Konzepten sind die Geschichten zwar nicht gerade zweitrangig, aber es sind vor allem die vielen Zeitsprünge, die einen großen Anteil an der Faszination der Spreewaldkrimis haben. Die Kunst des Autors besteht darin, die Rückblenden meist nur die halbe Wahrheit erzählen zu lassen; das ganze Bild ergibt sich oft erst am Schluss, wenn die gleichen Momente aus anderer Perspektive gezeigt werden und dadurch eine neue Bedeutung erfahren; oder wenn sich Buch und Regie zunächst bloß auf einen Ausschnitt beschränken und sich später rausstellt, dass die Szene noch weitergeht. Regisseur Jan Fehse ist ein äußerst gefragter Kameramann und hat bislang nicht mal eine Handvoll Filme inszeniert, was bei seinem ersten „Spreewaldkrimi“ aber nicht eine Sekunde lang zu spüren ist, zumal seine bisherigen Werke stets herausragend waren. Das vorzüglich besetzte Debütdrama „In jede Sekunde“ (2008) war ebenfalls anspruchsvoll konstruiert, sein in nur vier Drehtagen entstandenes Kammerspiel „Jasmin“ (2012) zeigte nichts anderes als zwei Frauen an einem Tisch, war aber trotzdem fesselnd, und („Storno - Todsicher versichert“ (2015) war eine herrlich schräge Heimatgroteske über die haarsträubenden Erlebnisse eines Versicherungsvertreters. Mit „Tödliche Heimkehr“ fügt er seinem Spektrum nun auch einen Krimi hinzu. Wenn er Regie führt, überlässt er die Kamera regelmäßig Philipp Kirsamer, dessen Bildgestaltung an die Qualität der früheren „Spreewaldkrimis“ anknüpft. Der Film zeichnet sich nicht zuletzt durch seine Sorgfalt im Detail aus: Der Titel spiegelt sich im Wasser, die Übergänge sind liebevoll gestaltet, und in der Welt des sehr gut geführten kleinen Daniel (Elias Martini) tummelt sich immer wieder und unaufdringlich als Spezialffekt integriert der Drache Plon aus der sorbischen Sagenwelt. Trotzdem lebt auch dieser Film letztlich von den Figuren und ihren Darstellern. Christian Redl hat seinen Krüger ohnehin stets so verkörpert, als sei der Polizist nicht ganz von dieser Welt, zumal er scheinbar zwischen den Zeiten wandeln kann; nach der Nahtod-Erfahrung wirkt er noch entrückter. Umso anrührender ist sein inneres Leuchten, wenn er Tanja begegnet. Nadja Uhl wiederum kostet die ganze Bandbreite ihrer Rolle aus: in den Rückblenden von großer Lebensfreude über tiefe Melancholie bis hin zu purer Verachtung; in der Gegenwart ungemein zerbrechlich. Die Wahrheit und die Freiheit, heißt es mal, hätten viele Gesichter; für Uhl gilt das nicht minder.

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