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Kaiser Wilhelm II., verkörpert von Sylvester Groth.

"Kaisersturz", ZDF

"Die ham mir die Wahrheit verschwiegen"

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Das Dokudrama "Kaisersturz" wird mit dem 9. November 1918 nicht recht fertig.

Das Wirrwarr der Vorgänge, aus dem sich später ein geschichtliches Ereignis herausarbeitet, womöglich -wuchtet, ist enorm. Es kennt viele Akteure, Täter, Opfer, Strippenzieher, Vergessene, viele Zufälle, Holzwege, Interessenskollisionen, Notlösungen, Missverständnisse. Dann aber ist der Kaiser weg, wird die Republik ausgerufen, werden zwei Tage später die Waffen niedergelegt und geht ein Weltkrieg zu Ende, von dem die Menschen noch nicht wissen, dass man ihn den Ersten nennen wird. Die, die später kommen, sehen auf einmal glasklar, wie es darauf hinauslaufen musste, den Krieg, das Kriegsende, den nächsten Krieg.

Der Film „Kaisersturz“ endet jedoch ohne Wenn und Aber am 9. November 1918, dem Tag des titelgebenden Ereignisses. Wilhelm II., bereits geflohen, ist nicht bereit, die Abdankung zu unterzeichnen, unter mächtigem Druck verkündet Reichskanzler Max von Baden gleichwohl die Abdankung und betraut Friedrich Ebert mit den Regierungsgeschäften. Philipp Scheidemann ruft die Deutsche Republik aus. Karl Liebknecht ruft die Freie Sozialistische Republik aus, nur Stunden später, aber das kommt bereits nicht mehr vor. 

„Kaisersturz“ beginnt ebenso ohne Wenn und Aber im September: Die Heeresleitung informiert Wilhelm II. über die katastrophale militärische Situation, den (seit Jahren) nicht mehr zu gewinnenden Krieg. „Die ham mir die ganze Zeit die Wahrheit verschwiegen“, sagt Sylvester Groth. Das stimmt. Dass der Kaiser nicht darauf bestanden hat, die Wahrheit zu Gesicht zu bekommen, kommt noch nicht vor.

 Einerseits ist Christoph Röhls Dokudrama auf einen Text von Dirk Kämper und von dem Historikers Lothar Machtan (der in diesem Sommer das Buch „Kaisersturz“ bei Theiss veröffentlicht hat) um absolute Konzentration bemüht: zeitlich und personell. Als Akteure treten praktisch ausschließlich auf: Groth als Kaiser, Holger Handtke als Stichwortgeber Friedrich von Berg (einflussreicher Chef des Geheimen Zivilkabinetts), Hubertus Hartmann als Baden, Franz Hartwig als Stichwortgeber Kurt Hahn (einflussreicher Freund und späterer Salem-Gründer), der grandiose Christian Redl als Ebert und Bernd Birkhahn als Scheidemann. Andererseits entspricht die Konzentration so wenig der Fülle an Einzelheiten, die zum Ganzen führen, dass man beim Zuschauen immer ratloser wird. Skeptiker des Dokudramas als Genre müssen sich außergewöhnlich bestätigt fühlen. 

Gerade die Sorgfalt, um die Röhl und Kämper, von Machtan in der Sache zweifellos gut beraten, sich sichtbar und angesichts des Themas völlig zu Recht bemühen, führt zu einer nicht falschen, aber seltsam oberflächlichen Darstellung im dokumentierenden Bereich, noch mehr aber im nachgespielten. Nicht nur weil Wilhelm in Groths natürlich starker, empfindsamer Darstellung – mit exzellent geformtem Schnauzer – kurz davor ist, zum tragischen Helden zu werden, der er in dieser Form nun gewiss nicht war. Nicht nur, weil Max von Baden hier fast schon die Karikatur eines entschlusslosen und am Rande des Nervenzusammenbruchs taumelnden Nichtpolitikers ist (der sich, als im Geheimen lebender Homosexueller, lieber ausführlich von einem jungen Mann massieren lässt, anstatt seiner Arbeit nachzugehen). 

Vor allem ist es die Übersichtlichkeit des Personaltableaus, die zu viele ausblendet, vor allem die Schurken Hindenburg und Ludendorff, die zwar angeklagt werden, aber doch – wie die sich anbahnende Revolution – im Schatten der eingestreuten historischen Aufnahmen bleiben. Ebenso wie die Sozialisten, die zwar in den geschilderten Ereignissen keine unmittelbare Rolle spielen, aber einen wesentlichen Stressfaktor für die Sozialdemokraten darstellen. Das sind die fesselndsten Szenen: Die Parteileitung, die (zu Recht) die Sorge hat, für andere die Kohlen aus dem Feuer holen zu müssen und nachher dafür die Rechnung zu bekommen. Die außerdem schier zerrissen ist zwischen dem linken Flügel und dem letztlich zutiefst konservativen Patrioten Ebert, der nachher (aber auch das wird im Film kaum angedeutet) ein fatales Bündnis mit der alten Militärelite eingeht. 

Es gelingt „Kaisersturz“ zugleich nicht, das Erzählte psychologisch anzufüttern, was doch der Sinn der Spielszenen sein muss. Nun erklärt Wilhelm seiner konservativen Frau Auguste Viktoria, Sunnyi Melles, wie dermaßen er sich ärgert, während Ebert seiner skeptischen Frau Louise, Gerti Drassl, erklärt, wie dermaßen er sich zum Pragmatismus verpflichtet fühlt. Das reduziert Politik ohne böse Absicht auf eine Seifenoper, aber dann ist es auch wiederum nicht einmal eine Seifenoper, weil wirklich private Dialoge aus Gründen der Seriosität ausbleiben. 
Das Erstaunlichste ist vielleicht, dass die mutmaßlich atemberaubende Dynamik der 
erzählten Tage sich in keiner Hinsicht überträgt, aber auch der Geschichtsunterricht nicht recht fruchtet, weil man nur versteht, was man schon wusste.
 
 „Kaisersturz“, ZDF, Mi., 20.15 Uhr.                          

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