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Am 14. Juni wird die Fußball-WM mit der Begegnung Russland gegen Saudi-Arabien eröffnet. Bunt wie die Türen von Moskaus Wahrzeichen, der Basilius-Kathedrale, sollen die Begegnungen der Fußball-WM werden.

"Weltmeisterschaft der Spione", arte

Wo die Wahrheit liegt

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Eine Arte-Doku über die WM-Vergabe an Russland 2018 scheitert auch daran, dass die komplexe Struktur der Fifa wohl nie ganz zu ergründen sein wird.

Alle vier Jahre erleben viele Menschen einen Sommer im Ausnahmezustand. Immer dann, wenn eine Fußball-WM stattfindet. Doch seit vielen Jahren schon werfen die unzähligen Korruptionsgeschichten um die Fifa als Organisator und deren ehemaligen Präsidenten Sepp Blatter große Schatten über diese Sportveranstaltung. Zusätzlich spielen auch die Voraussetzungen des austragenden Landes eine immer größere Rolle. In Südafrika 2010 und Brasilien 2014 hatten die große Armut in vielen Teilen der Gesellschaft und das Stoppen von wichtigen Bauprojekten wie Schulen und Krankenhäusern zugunsten der Fertigstellung von Fußballstadien, die nach den Weltmeisterschaften dann oft verfallen, einen mehr als bitteren Beigeschmack.

Eine knapp einstündige Arte-Dokumentation hat sich nun mit dem Austragungsort der diesjährigen Fußball-WM in Russland beschäftigt, allerdings mit einem anderen Blickwinkel. In „Weltmeisterschaft der Spione“ wollen die Filmemacher Niels Borchert Holm und Jon Adelsten ergründen, wie die Vergabe zwischen Russland und England – beide hatten sich um die Austragung beworben – vonstatten gegangen war. Speziell geht es um die gegenseitigen Manipulationsversuche, mit denen sich die Verbände Vorteile verschaffen wollten.

Hier beginnt aber auch schon das große Problem des Films: So ambitioniert er auch versucht, große Verschwörungen aufzudecken, muss er unweigerlich daran scheitern, dass keine der befragten Personen so richtig „auspackt.“ Wie auch, denn politische und Verwicklungen und Eigeninteresse stehen im Vordergrund, schließlich wird die WM 2018 nicht die letzte sein. Und wenn man zu viel preisgibt, kann einen das den jetzigen oder zukünftigen Job kosten.

Dennoch ist der Film vor allem am Anfang aufgebaut wie ein waschechter Thriller, in dem jederzeit alles auffliegen kann. Dunkle Bilder im Tunnel aus einem Auto heraus, Menschen, die vielsagend schauen und vor allem auch viel schweigen. Kamera und Schnitt sind zwar angenehmerweise wenig reißerisch, die Aufmachung ist es dagegen umso mehr. Die Macher versuchen, „Insider“ zu finden, die „alle relevanten Informationen“ haben. Am Ende ist der Zuschauer aber kaum schlauer als am Anfang, was recht ernüchternd ist, verspricht einem der Film doch, dass hier große Verwicklungen aufgedeckt würden.

Protagonisten sind zum Beispiel der umtriebige Berater Peter Hargitay, ein in seiner Selbstgefälligkeit kaum zu ertragender alter Mann im Anzug, der wohl Kontakte zu allen relevanten Leuten hatte und hat. Im Interview sagt er dann aber enttäuschend wenig – und wenn, dann sind es gerne Phrasen, ähnlich denen bei Fußball-Interviews. „Wenn man die Russen unterschätzt, hat man schon verloren.“ Gemeint sind hier die Geheimdienste. Ob es auch auf die Mannschaft zutrifft, wird sich noch zeigen.

Viel interessanter als der Vorsitzende der England-Bewerbung, Lord Triesman, – ein trauriger alternder Engländer mit im Interview schiefliegender Krawatte – ist der russische Chef der WM-Bewerbung, Alexey Sorokin. Er stellt Russland als ein von vielen falsch bewertetes Land da, das durch diese WM endlich die Chance bekomme, sein Image zu korrigieren. Dabei sieht er aber nie so aus, als könne man ihm tatsächlich vertrauen. Seine Worte wirken wie die einer bemühten PR-Agentur. Als die Filmemacher ihn fragen, ob Russland Spione eingesetzt habe, um die Pläne der englischen Bewerbung zu ergründen, muss er lachen. Etwas zu sehr, als dass er es glaubhaft absurd finden könnte.

Am Ende kommt der Film – auch nur andeutungsweise – auf einen Deal zwischen dem Konzern Gazprom und Franz Beckenbauer zu sprechen, der in der Entscheidung eine wohl nicht unwesentliche Rolle gespielt hat. Auch hier sagt Sorokin, er könne sich nicht erinnern, dass es damals finanzielle Unterstützung seitens des Konzerns gegeben habe. Die Formulierung sagt wieder einiges. Zu dem vielleicht spannendsten Gerücht, dass am Abend vor der Abstimmung der damalige Bundespräsident Christian Wulff  Beckenbauer dazu geraten habe, für Russland zu stimmen,  wollte sich keine der Parteien äußern, wie eine Texttafel am Ende des Films erklärt. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen. Allerdings eine, die diesem Film sicher gut getan hätte.

„Weltmeisterschaft der Spione – Russland gegen England,“ arte, DI 29.5., 20:15 Uhr . Im Netz: arte +7

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