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Wahkampf statt Koalitionsverhandlungen

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Heiner Geißler duellierte sich mit Joachim Poß.
Heiner Geißler duellierte sich mit Joachim Poß. © imago stock&people

Bei Anne Will war noch mal Wahlkampf; die vermutlich erhofften vorgezogene Koalitionsverhandlungen fanden nicht statt. Trotzdem eine durchaus kurzweilige und stellenweise sogar erhellende Nachtausgabe der Talkshow.

Von Tilmann P. Gangloff

Anne Will macht nicht den Eindruck eines Menschen, der zu Selbstmitleid neigt. Dennoch konnte sie sich am Ende der Sendung einen Seitenhieb nicht verkneifen: Die nächste Ausgabe der Talkshow werde endlich mal wieder wie geplant um 22.45 Uhr stattfinden. Tatsächlich ist ja ausgerechnet die bei Publikum und Kritik sehr beliebte Will seit der Engagierung von Günther Jauch doppelt gestraft: Sie musste nicht nur mit dem späten Mittwochabend vorlieb nehmen, ihre Sendung wird auch immer wieder etwa wegen Fußballspielen in die Nacht verschoben; oder, wie diesmal, weil die ARD aus unerfindlichen Gründen eine Krimiwiederholung für wichtiger hält.

Duell weitab der Themen

Wenn sich Will darüber ärgert – und das tut sie garantiert -, so ließ sie sich das nicht zumindest nicht anmerken. Gutgelaunt, souverän und jederzeit Herrin der Lage führte sie durch eine Runde, die mitunter Züge eines Kindergartenstuhlkreises annahm: weil wirklich alle durcheinander plapperten. Sollte die Redaktion gehofft haben, zum Thema „Das Große-Koalitions-Pokern - Wer blufft und wer hat wirklich gute Karten?“ würden sich so etwas wie vorweggenommene Koalitionsverhandlungen ergeben, sah sie sich allerdings getäuscht:  Es wurde noch mal kräftig Wahlkampf gemacht. Im Grunde lief die Talkshows auf ein Duell zwischen Heiner Geißler und Joachim Poß, stellvertretenden Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, hinaus. Will hätte gern über die bekannten strittigen Punkte Steuererhöhung, Betreuungsgeld, Ausländermaut diskutieren lassen, aber die Herren hatten ganz andere Themen; beide schauten womöglich nicht zuletzt aus Altersgründen eher zurück und wiederholten hingebungsvoll längst beendete Scharmützel, weil Geißler überzeugt ist, die SPD leide nach wie vor am Trauma Agenda 2010 (womit er sicher nicht völlig falsch liegt).

In der Tat heulsusig

Poß hielt dagegen, obwohl er zahlenmäßig ähnlich unterlegen war, wie es die SPD in den Verhandlungen sein wird, aber wenn sich die CSU als so flexibel erweisen sollte wie Präsidiumsmitglied Dagmar Wöhrl, muss den Sozialdemokraten nicht bange sein. Um den Prozess zu beschleunigen, sollten die Verhandlungspartner Hans-Ulrich Jörges engagieren. Der Zwischenrufer vom „stern“, aufgrund seiner Neigung zum Polarisieren gern gesehener Talkshowgast, erwies sich diesmal als überraschend konstruktiv, auch wenn er zwischendurch die Moderation übernahm, was Will nonchalant geschehen ließ. Jörges gab Poß einige brauchbare Ratschläge mit auf den Weg, die den Prozess der Koalitionsverhandlungen abkürzen könnten. Der Westfale war jedoch viel zu sehr damit beschäftigt, seine Defensivstrategie durchzuziehen, zumal Geißler die von der Redaktion erhofften Bonmots produzierte und der SPD unter anderem vorhielt, sie lasse es zu, dass Hannelore Kraft das Schicksal Deutschlands aus dem Blickwinkel von Wanne-Eickel und Castrop-Rauxel bestimme. Poß wehrte sich wacker, wirkte zwischendurch aber in der Tat so „heulsusig“, wie es Elisabeth Niejahr, Hauptstadtkorrespondentin der „Zeit“, der gesamten SPD attestierte. 

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