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Die Schauspieler Petra Schmidt-Schaller (l-r), Iris Berben, Felix Klare und Heino Ferch verkörpern den Wagner-Clan.

ZDF Wagner-Clan

„Der Wagner-Clan“ als muntere, einfache Fernsehunterhaltung

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Die Familie Wager macht die Deutschen wahrscheinlich mit am neugierigsten. Nun strahlt das ZDF eine Verfilmung des Clans aus. Iris Berben spielt die zweite Ehefrau des berühmten Komponisten Richard Wagner.

Nach beziehungsweise vor der Familie Mann ist die Familie Wagner gewiss die, die ihre Landsleute am neugierigsten macht. Und wie im Falle Thomas hat sich im Falle Richard gerade in den vergangenen Jahren nach ausführlicher Abgrasung des Zentralgestirns das Interesse an dem es umkreisenden Figurensystem verstärkt. Das musste über kurz oder lang ins Fernsehen. Jetzt ist es so weit, mit prophetischem Blick terminiert, muss man sagen.

Auch muss man sagen, dass man zwar etwas lernt, aber dieses Wissen besser nicht im Schulaufsatz oder in der Seminararbeit anwendet. „Frei erzählt nach wahren Begebenheiten“, heißt es sicherheitshalber im Vorspann zum ZDF-Film „Der Wagner-Clan“, geschrieben von Kai Hafemeister, inszeniert von Christiane Balthasar, produziert unter anderem von Oliver Berbens Firma, dessen Mutter die „Hohe Frau“ spielt. Denn auch anderswo arbeiten Familienbande effizient zusammen und schaffen das, ohne sich zur gleichen Zeit das Leben möglichst schwer zu machen.

Iris Berben als Cosima Wagner: Eine imposante Rolle für eine Schauspielerin, eine dolle Schmeichelei für Richards Frau, die loyal, aber bekanntlich von eigenem Äußeren war. Bis heute zeigen sich die Wagner-Nachfahren phänotypisch als faszinierende Mischungen ihrer Ur-Ur-Großeltern. Für „Der Wagner-Clan“ wurden sie einfach etwas hübscher besetzt. Wie es überhaupt etwas einfacher wird.

Was daran ganz gut funktioniert, ist die Atmosphäre von Unlogik und Leidenschaft, Ehrgeiz und Maßlosigkeit, vor allem aber Überspanntheit und Stress. Das hebt an mit dem Tode Richard Wagners 1883 in Venedig, das endet mit dem ersten Besuch von Adolf Hitler aka Onkel Wolf in der Villa Wahnfried in Bayreuth 1923.

Die frisch ertappte Tat

Der sterbende Wagner, Justus von Dohnányi, der nachher in Rückblenden zu wenig mehr Gelegenheit hat, als ein fideler älterer Herr zu sein, wird also umschlungen von der eben noch entsetzlich wütenden Cosima. Sie hat ihn kurz zuvor in flagranti mit einem Mädchen ertappt, nicht völlig, aber in dieser Form doch ziemlich unmöglich.

Das Fernsehen aber braucht die ertappte frische Tat, um zu dramatischen Höhepunkten zu gelangen, das wird immer wieder deutlich. Am döllsten, wenn Siegfried Wagner, ungemein passend gespielt vom allgegenwärtigen Lars Eidinger, von seiner Mutter und Heino Ferch als grandios widerlichem Houston Chamberlain in seinem Liebesnest mit einem Jüngling aufgestöbert wird. Hier nimmt das Melodram seinen Lauf, inklusive eines möglichen Verbrechens. Ferch-Chamberlain ist alles zuzutrauen.

Die Vereinfachung findet, abgesehen von praktischen Doppelhochzeiten oder unkomplizierten Testamentsfälschungen, auf zwei Ebenen statt. Beide sind betrüblich, aber in dieser offen ehrlichen Art auch rührend. Erstens werden ganz viele Hauptakteure weggelassen, darunter zwei Töchter Cosimas aus ihrer Ehe mit Hans von Bülow, von denen mindestens Daniela und ihr Mann ihrerseits Schlüsselpositionen innehatten.

Im Festspiel-Zirkus bleibt die Verwandtschaft inklusive der Angeheirateten unter sich, keine Dirigenten Karl Muck oder Hans Richter, kein Finanzverwalter Adolf von Groß, auch kein Engelbert von Humperdinck. Was beispielsweise bedeutet, dass dessen Schüler Siegfried hier wie ein armer Amateur wirkt. Zu seiner Ausbildung trägt im Film ausschließlich seine nun äußerst kluge und attraktive Schwester Isolde (Petra Schmidt-Schaller) bei, die ihm zeigt, wie man hübsch dirigiert. Deren Mann Beidler (Tatort-Ermittler Felix Klare) tritt als einziger Konkurrent am Pult auf.

Zweitens regieren die Leidenschaften praktisch ohne das dazugehörige Interesse an der Musik und der Oper. Rassenwahn und Regiefragen werden pflichtbewusst erwähnt. Mehr Zeit geht dafür drauf, dass Chamberlain in Wirklichkeit Isolde liebt (auch gegenüber Cosima ist er zu allem bereit). Und Siegfried seinen Jüngling. Und Isolde ihr Heroin. Es wird Wagner-Musik gespielt, aber nicht nur, aber es zeigt sich doch schmerzlich, dass die Macher damit so viel nicht anfangen konnten. Oder dem Publikum so viel Wagner nicht zumuten wollten. Lustig, wenn man bedenkt, wie Wagner das gehasst hätte.

Gelungen und böse ist der Schluss. Damit keine Zweifel bleiben, was die Stunde geschlagen hat, sieht man, wie die Kinderschar schon den Hitlergruß parat hat. Eine Sekunde, bevor Onkel Wolf zu sehen sein müsste, ist der Film aus.

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