+
Wagenknecht im Angesicht ihrer Anhängerinnen und Anhänger, die via Plakat ein TV-Duell zwischen ihr und Kanzlerin Angela Merkel verlangen.

„Wagenknecht“

„Wagenknecht“-Doku im Kino: Hinter dem Orkan

  • schließen

Sandra Kaudelka hat Sahra Wagenknecht ein Filmporträt gewidmet – es ist wie seine Protagonistin: faszinierend, aber wenig mitteilsam.

  • Doku über Sahra Wagenknecht im Kino
  • Wagenknecht hat sich aus der Spitzenpolitik zurückgezogen
  • Machtverlust in derLinken

Politische Dokumentarfilme, aufgenommen mit mobilen Kameras, erlebten ihren Durchbruch vor rund sechzig Jahren. Besonders Nahaufnahmen von Spitzenpolitikern zeigten damals, welch verblüffende Innenansichten die neue Methode offerieren konnte.

Eigentlich sollte es viel mehr Filme geben wie „Primary“ (1960), Robert Drews klassische Produktion über den demokratischen Vorwahlkampf der Kandidaten Kennedy und Humphrey 1960. Oder D. A. Pennebakers „Hier Strauss“ (1965) über den umtriebigen bayrischen Ministerpräsidenten. Doch je flexibler die Filmtechnik wurde, desto seltener wurden solch herausragende Politikerporträts.

Sahra Wagenknecht im Filmporträt

Was war geschehen? Schon nach wenigen Jahren war unter Politikern das Misstrauen gewachsen gegen die Allgegenwart der Kameras und die unkontrollierbare Nähe des sogenannten „direct cinema“. Schließlich schien nur noch ein besonders robuster Politikertypus den Kontrollverlust zu riskieren – Machtmenschen wie Gerhard Schröder, der es zu genießen schien, wie sich etwa der Dokumentarfilmer Thomas Schadt die Zähne an ihm ausbiss.

Erstaunlich, dass sich ausgerechnet Sahra Wagenknecht zwischen 2017 und ihrem Rückzug aus der Spitzenpolitik 2019 der Herausforderung eines Dokumentarfilmporträts gestellt hat. Man kann sich gut vorstellen, dass Filmemacherin Sandra Kaudelka das populärste Mitglied der Linkspartei schon mit ihrem Hochschulabschlussfilm „Einzelkämpfer“ von 2013 für sich eingenommen hat. Als ehemalige Turmspringerin porträtiert sie darin ehemalige DDR-Leistungssportler und den Wandel des Sportverständnisses nach der Wende.

Sahra Wagenknecht in einer Langzeitstudie

Kaudelka beherrscht einen Stil von einnehmender Diskretion; sie kann ihren Protagonisten scheinbar unbeschwerte Spielräume schaffen. Auch Sahra Wagenknecht scheint in diesem Film kaum wie sonst ein Opfer ihres eigenen, engen Zeitrahmens; sie wirkt selten gehetzt, was die Regisseurin durch eine sehr dezente, folkloristische Filmmusik (Soufian Zoghlami) behutsam unterstreicht. Ebenso hat es die Montage nie besonders eilig, mitteilsame Bilder hervorzuholen. Das gibt dem Film einen großzügigen Fluss, man folgt ihm fasziniert – auch wenn sich entscheidende historische Zäsuren entsprechend indirekt eingeschrieben haben.

Wagenknecht.
D 2020. Dokumentarfilm. Regie: Sandra Kaudelka. 100 Min.

Der Zeitpunkt für eine Langzeitstudie aus dem Politikeralltag scheint rückblickend ideal: Nichts deutet im Frühjahr 2017 darauf hin, dass Wagenknechts Karriere vor schweren Erschütterungen steht. Diszipliniert und ohne größere Anzeichen von Stress erlebt man sie im Wahlkampf zur Bundestagswahl.

Wie in den klassischen Politikerfilmen der sechziger Jahre sind Autorücksitze und Besprechungszimmer die wichtigsten Schauplätze. Tragende Nebenfiguren sind ein persönlicher Manager von einnehmender Lässigkeit und eine gleichfalls nie überfordert wirkende Sekretärin. Auch Oskar Lafontaine ist nur das, was man in Amerika einen „supporting character“ nennen würde: Leisen Zuspruch, ein wenig Rückversicherung – viel mehr erlebt man nicht von seiner zu anderen Zeiten so schillernden Persönlichkeit.

Konflikte um Sahra Wagenknecht

Dann das böse Erwachen nach der Wahl, bei der die Linke trotz eines guten Ergebnisses hinter der AfD nur an vierter Stelle rangiert. Sahra Wagenknecht erlebt einen Machtverlust innerhalb der Führungsriege der Partei und wirkt nur noch an der Basis gelöst. Falls es Wagenknechts Hoffnung gewesen war, durch ihre in der eigenen Partei mehrheitlich abgelehnten Forderungen nach einer restriktiveren Flüchtlingspolitik dem politischen Gegner Stimmen abzujagen, war nun klar, dass das nicht funktioniert hatte. Aber Wagenknecht wird im Film eben auch nicht als eine Politikerin charakterisiert, die persönliche Ansichten kalkulierenden Erwägungen unterwirft. Über Strategien spricht sie nicht.

Es wäre auch zu viel, nun einen Blick hinter eine Wagenknecht-Maske zu erwarten, die vielleicht gar keine ist. Woher nimmt man überhaupt die Überzeugung, eine Medienpersona müsse sich grundsätzlich von der „wahren“ Persönlichkeit unterscheiden? Wahrscheinlich zeichnen sich die meisten erfolgreichen Politikerinnen und Politiker sogar durch die Fähigkeit aus, sich früh derart mit ihrer Medienpersona zu identifizieren, dass auch engste Verwandte dahinter wenig vorfinden – Willy Brandt oder Gerhard Schröder wurden so beschrieben. Wenn es den frühen Porträts der sechziger Jahre gelang, tatsächlich hinter die Masken zu blicken (Pennebakers „Hier Strauss“ ist ein gutes Beispiel dafür), dann wohl auch deshalb, weil die Protagonisten den Umgang mit den Medien selbst noch lernten.

Sahra Wagenknecht hat sich zurückgezogen

Man kann diesem Film vorwerfen, dass aus den dramatischen politischen Konflikten, die über dieser Geschichte liegen – insbesondere denen der Flüchtlingspolitik –, zu wenig gemacht wurde. Die Debatte war in vollem Gange bevor die Dreharbeiten begannen; es wäre ein Leichtes gewesen, etwa Widersachern in der eigenen Partei das Wort zu geben. Doch das hätte die Filmemacherin möglicherweise als Bruch der strengen Porträtform und vielleicht sogar als Vertrauensbruch empfunden.

Es gibt ein paar sehr deutliche Wortgefechte bei einem Parteitag, aber den entscheidenden Sturm, den rechten Wind und seine Folgen, beleuchtet der Film kaum. Wagenknecht zog sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Spitzenpolitik zurück. Auch darüber erfährt man fast nichts. Am Ende bleibt der Eindruck einer Protagonistin, die vor einem Sturm gewichen ist, der das eigentliche Filmereignis wäre.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion