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Der Star und die ungleiche Tochter: Natalie Portman, Raffey Cassidy.

„Vox Lux“

„Vox Lux“ im Kino: Brady Corbets Musikdrama mit Natalie Portman ist seltene Hollywood-Kunst

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Wenn man „Vox Lux“ gesehen hat, möchte man ihn gleich noch einmal sehen. Was sich übrigens durchaus lohnt – es gibt noch einiges unter seiner Oberfläche zu entdecken.

Es ist das Schicksal subversiver Kunst, im Schatten der offiziellen Kunst zu stehen. Wenigstens eine Zeitlang. Brady Corbets Musikdrama „Vox Lux“ war der originellste Film beim letzten Filmfestival Venedig, doch vielleicht tarnte er seine Hintergründigkeit zu gut hinter seiner schillernden Hülle und der scheinbaren Umarmung eines Genres.

Das tiefe Leuchten des 35mm-Filmmaterials, die unter die Haut zielende, sphärische Filmmusik des Rock-Avantgardisten Scott Walker, der von Willem Dafoe mit geradezu jenseitiger Nonchalance gesprochene Erzähltext, all das war gleich als Warnung zu verstehen. Und zieht doch auch beim Wiedersehen des Films in den Bann, bevor das Drama überhaupt beginnt. Und gleich ein Fanal ansteuert, mit dem andere Filme enden.

„Vox Lux“ glänzt mit erstaunlicher Besetzung 

Im Jahr 2000 geschieht an einer Schule in Staten Island ein Amoklauf. Eine 14-Jährige überlebt schwerverletzt, schreibt darüber mit ihrer Schwester ein Lied, das die Nation bewegt – und wird zum Superstar. Eine typische „A Star Is Born“-Geschichte nimmt ihren Lauf mit den üblichen Parametern: Talent, Eifersucht, Musikindustrie. Wir scheinen den Film zu kennen, der nun folgt und konzentrieren uns auf die erstaunliche Besetzung: Raffey Cassidy, ein faszinierendes Nachwuchstalent, spielt diesen ehrgeizigen Teenager namens Celeste, Stacy Martin ihre gutmütige Schwester, das größere Talent, dem jedoch das Gen zur Selbstdarstellung fehlt. Jude Law brilliert in einer ebenso undankbaren Rolle als ihr mit allen Wassern gewaschenen Manager. Er wird sie zu Superstar-Höhen führen, ihr den Rücken gegenüber der Plattenfirma stärken und auch dann noch an ihrer Seite stehen, als der Film nach einem abrupten Bruch ein zweites verstörendes Kapitel aufschlägt.

Vox Lux. USA 2018. Regie: Brady Corbet. 115 Min.

Siebzehn Jahre später verüben Terroristen einen Anschlag in Kroatien und tragen dabei Masken, die bekannt sind aus dem Video von Celestes frühem Hit. Sie selbst, inzwischen ein Weltstar, soll sich vor der Presse dazu äußern. Natalie Portman spielt nun die 31-Jährige als zynischen und von Alkohol- und Drogenmissbrauch gezeichneten Superstar. Raffey Cassidy begegnet uns wieder als ihre ungleiche Tochter: Aufgezogen von deren Schwester, begegnet sie dem Star mit angemessener Distanz.

Brechtsche Distanz und eine fast dokumentarische Nähe sind auch die Mittel des Autorenfilmers Brady Corbet. International wurde er 2015 bekannt durch seine fiktionalisierte Jugendbiographie Hitlers, „Childhood Of a Leader“. Auch wenn der Plot einerseits das alte Klischee geraubter Unschuld aus so vielen Starbiografien bedient, fesselt doch der reiche Subtext mit klugen Beobachtungen über die Art, wie die Popkultur genau dieses Klischee bedient – hier scheint besonders die Karriere von Britney Spears ein Vorbild.

Die finalen Musikszenen in „Vox Lux“ sind von hinreißender Wucht

Man muss genau hinsehen, vor allem aber hineinhören, um im Schwelgerischen das Subversive auszumachen. Die australische Singer-Songwriterin Sia hat die Songs geschrieben im Stil ihrer eigenen, subtil parodistischen Musik. Bekannt wurde sie mit selbst inszenierten Musikvideos wie „Chandelier“ – da trifft aufbauender Stadion-Pop auf groteske Choreografien, bei denen eine Kindertänzerin, Maddie Ziegler, für sie posiert. Auch hier legt sie lustvoll die inhaltlichen und musikalischen Klischees industriell gefertigter Pop-Hits bloß: Die sogenannte „girl power“, die doch nur Kaufkraft meint, die plumpe Metaphorik der Verse: „Du kannst mich nicht umtauschen/ Ich bin ein kaputter Geldschein“. Natalie Portman singt sie grandios und ohne mit der Wimper zu zucken. Die finalen Musikszenen sind von hinreißender Wucht. Dass man keine CD davon kaufen kann, muss man wohl als letzte Absicherung verstehen: vielleicht quälte die Künstler die Sorge, die Songs könnten am Ende ernst genommen und zu Chart-Hits werden.

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In der bildenden Kunst sind Werke weit verbreitet, welche die Kunst selbst zum Thema machen. Im Kino sind sie – von Parodien abgesehen – eher selten. Auf eine gewisse Art aber kann es dieser Film darin sogar mit Stanley Kubrick aufnehmen, der in „Shining“, „Full Metal Jacket“ oder „Eyes Wide Shut“ etablierte Genres gleichzeitig ausfüllte und aushöhlte. Man kann diese Filme eins zu eins nehmen und als das genießen, was sie zu sein vorzugeben scheinen. Doch sie hätten nicht dieses lange Leben, wären sie nicht in Wahrheit Matroschka-Puppen. Wenn man „Vox Lux“ gesehen hat, möchte man ihn gleich noch einmal sehen. Was sich übrigens durchaus lohnt – es gibt noch einiges unter seiner Oberfläche zu entdecken.

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