TV-Kritik: „die Story: System Tupperware“

Vorsicht, Tupperware!

Dunkle Schatten in der Plastikwelt: Katja Schnackenburg warnt in ihrem Film vor dem „System Tupperware“. Angestellte werden ausgebeutet, damit der Firmengewinn wächst: Aber so funktioniert Kapitalismus nun mal.

Von Tilmann P. Gangloff

Mitunter hatte man das Gefühl, die Autorin sei einem ganz großen Ding auf der Spur. Man fühlte sich an aufwühlende Berichte über Scientology erinnert. Tatsächlich sprach eine Zeugin der Anklage von „absoluter Gehirnwäsche“, und ein Firmenvideo legte sektiererische Züge nahe. Und worum ging es? Um Tupperware.

Bei allem Respekt vor dem fraglos ehrenwerten Ansatz von Katja Schnackenburg: Im Grunde hätte sie ihre Reportage über das „System Tupperware“ in vielen Franchise-Betrieben drehen können. Angestellte werden ausgebeutet, damit der Firmengewinn wächst: So funktioniert Kapitalismus nun mal. Das kann man verwerflich finden, aber man sollte nicht so tun, als habe Tupperware das erfunden.

Das zweite Problem des Films war seine ambivalente Botschaft. Schnackenburgs Protagonistinnen waren Frauen unterschiedlichen Alters, die jeweils eine der drei hierarchischen Stufen repräsentierten: eine Verkäuferin, eine Gruppenleiterin und eine Bezirkshändlerin, alle aus dem Raum Augsburg. Sie machten eine gute Figur vor der Kamera, haben sich im System Tupperware eingerichtet und fühlen sich wohl.

Ihre Welt ist bunt, hier herrscht immer gute Laune, zumal die Bilder offenbar im Hochsommer entstanden sind. Und sei der Umsatz auch mal nicht so berauschend, sei doch auch ein Lächeln Lohn genug, sagte die Bezirkshändlerin, und sie hinterließ dabei nicht den Eindruck, als sei dieser Satz das Ergebnis einer Gehirnwäsche.

Montag ist Tuppertag

Aber es gibt ja noch die andere Seite. „Schaut man hinter die Kulissen, bekommt die bunte Plastikwelt dunkle Schatten“, heißt es im ARD-Pressetext zu der Reportage, und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Die Musik verkündete Unheil, als die Bilder beim Szenenwechsel schlagartig jede Farbe verloren. Das Paar, um das es nun ging, trat in Zeitlupe auf.

Auch sie waren mal Bezirkshändler, aber das System hat sie schließlich trotz eines Jahresumsatzes von einer Million Euro in die Insolvenz gestürzt: weil Bezirkshändler offenbar eine bestimmte Warenmenge annehmen (und bezahlen) müssen, ganz gleich, wie groß die Verkaufsaussichten sind. Auf diese Weise tragen sie das wirtschaftliche Risiko. Außerdem bleiben sämtliche Ausgaben für potenzielle oder tatsächliche Verkäuferinnen an ihnen hängen. Ein weiteres Ehepaar wurde trotz wirtschaftlichen Erfolgs zur Kündigung genötigt.

Wägt man „Glück und Gnadenlosigkeit“, wie es im Schlusssatz der Reportage hieß, gegeneinander ab, bleibt unterm Strich eine eindeutige Botschaft: Die Verantwortung für einen Bezirkshandel sollte man nur mit entsprechender kaufmännischer Ausbildung übernehmen. Das klingt nach Binsenweisheit, aber Tupperware setzt so etwas nicht voraus, und gerade darin liegen sowohl Verlockung als auch Risiko: Man muss weder Kaufmann sein noch Eigenkapital mitbringen.

Sollte aus Sicht der Autorin etwas dagegen sprechen, auf den unteren Ebenen mitzuwirken, hat sie das zumindest nicht klar zum Ausdruck gebracht. Daran ändert auch die Faktenvielfalt des Films nichts; mit Moral allein kommt man argumentativ erfahrungsgemäß nicht weit. Und weil die Reportage an einem Montag ausgestrahlt worden ist, hat sie die Mitglieder der Tupper-Familie womöglich nicht erreicht, denn Montag ist Tuppertag.

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