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Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), sowie Melanies Eltern Robert (Dirk Borchardt) und Brigitte Degner (Lisa Martinek) sind irritiert.

"Tatort: KI", ARD

Vorsicht, echte Intelligenz

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Der Bayern-Tatort "KI" bringt vorlaute weibliche Nerds und grantige Ermittler, denen die Rechner scheinbar über sind.

Diesmal ist es wichtig, sich nicht noch schnell ein Bier holen zu gehen, wenn der Tatort beginnt: In der ersten Minute wird der Begriff „Turing-Test“ erklärt, den bisher noch keine Künstliche Intelligenz bestanden habe. Sie können aber auch nochmal kurz zur FR greifen: Eine KI besteht den sogenannten Turing-Test, wenn Menschen, die sich mit ihr unterhalten, überhaupt nicht merken, dass sie mit einem Rechner kommunizieren. Im jüngsten Fall von Ivo Batic und Franz Leitmayr, Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, ist es aber eher so: Die Kommissare reden mit der Maschine, als wäre sie ein Mensch, reagieren sofort grantig, wenn sie nichts Sinnvolles antwortet, und müssen erst lernen, sie als Rechner mit bestimmten Gesetzen wahrzunehmen. Und ihr nicht die Schuld zu geben. 

Anders als kürzlich im Berlin-Tatort geht es im Münchner „KI“ nicht darum, ob die Maschine selbst etwas Böses getan haben könnte. Stefan Holtz und Florian Iwersen, Buch, und Sebastian Marka, Regie, lassen ihn mit dem Verschwinden einer jungen Frau beginnen. Sexualstraftäter werden überprüft, Suchtrupps durch den Wald geschickt, routinemäßig wird auch der Laptop des Teenagerin aus ihrem Noch-Kinderzimmer mitgenommen. Das Mädchen hatte dort ein äußerst hochentwickeltes Programm drauf namens „Maria“, das sie, beteuert der Chef der Software-Firma, gar nicht haben konnte. Janina Fautz aber spielt mit Pfiff und Schnute eine ebenso frühreife – Abi mit 15, eindeutige Angebote an Assi Kalli – wie blitzgescheite Programmiererin, die, man sieht es ihr an, anderes weiß. Und womöglich noch anderes im Schilde führt (Stichwort: Turing-Test). Vorsicht also vor Digital Natives, die mit 15 Abi machen. (Aber schön, dass der Nerd hier einmal ein Mädchen ist.) 

„KI“ wirkt wie der Versuch, eine ziemlich traditionelle Handlung mit einem schillernden, ja beunruhigenden Thema zu verknüpfen, das keiner über 40 (über 30?) so richtig versteht. Da ist das einsame Mädchen, dessen Eltern sich getrennt haben – und der Vater hat schon wieder eine neue Familie und hat zu selten Zeit für die pubertierende Tochter. Da ist die unglückliche, diverse Pillen einwerfende Mutter. Und ein dubioser, in einem verdächtig verfallenen Haus lebender Nachbar. 

Aber auch „Maria“ kommt einem verdächtig vor, wenn etwa im großen hellen Kreis ein kleiner schwarzer rennt und Ich-denke-nach signalisiert. Dabei kann Software Maria aus eigenem Antrieb nichts Böses im Schilde führen. Und doch misstraut man ihr als Kommissar (und Zuschauerin) dann wieder irgendwie. Hat sie nicht eben schnippisch geklungen? 

Wie bei allen bisherigen Tatorten, die sich mit Künstlicher Intelligenz, zum Beispiel mit selbstfahrenden Autos beschäftigten, ist auch in „KI“ von vornherein klar, dass nach den menschlichen Fingern im Spiel gesucht werden muss. Denen auf einer Computertastatur. Denen auf einem Stick. Das wissen auch die Ermittler. Batic und Leitmayr sind darum genervt – und zeigen es –, wenn sie einmal mehr nur Laptop verstehen, aber sie scheinen doch selbst auch darauf zu vertrauen, dass sie am Ende am längeren, äh, Kabel sitzen. Sie sind mürrische Männer, inzwischen mehr weiß als grau, sie verstehen sich diesmal auch untereinander nicht sehr gut (Problem: Ivo ist ein alter Bekannter des Vaters), aber man unterschätze sie nicht. Sie haben Erfahrung abgelagert wie Jahresringe. Und dass sie sie noch nutzen können, ist eigentlich das schöne am Münchner Tatort. 

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