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Soll doch bitte schneller schreiben: Edmond Rostand (Thomas Solivérès).

„Vorhang auf für Cyrano“

Den richtigen Riecher

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Die geistreiche Filmkomödie „Vorhang auf für Cyrano“ feiert das Theater - und ist ein kleiner Lichtblick im uninspirierten französischen Kino dieser Tage

Das französische Kino befindet sich künstlerisch derzeit in einer ähnlich bedauernswerten Situation wie Ende der 50er Jahre: Formelhafte Komödien und Ausstattungsfilme bestimmen den Markt; doch anders als damals ist nirgends eine Nouvelle Vague ambitionierter Jungfilmer am Horizont zu entdecken. Es ist ein Trauerspiel, begünstigt – ähnlich wie in Deutschland – von wirtschaftsfreundlich aufgestellten Filmförderungen. Dass die populären Filme zugleich immer weniger Zuschauer finden, hat bislang noch nicht zu einem Umdenken geführt. Nur zehn französische Filme kamen 2016 auf mehr als eine Million Zuschauer, im Vorjahr waren es noch 16. Da ist man froh, wenn das Unterhaltungskino überhaupt noch unterhaltsam ist – und vielleicht sogar so viel Talent verrät wie „Vorhang auf für Cyrano“.

„Edmond“ hat der Schauspieler und Autor Alexis Michalik sein Regiedebüt im Original genannt, vielleicht weil der Nachnahme der Theatergröße, um die es geht, auch in Frankreich kaum noch bekannt ist. Dabei steht mit Edmond Rostand immerhin der Autor von „Cyrano de Bergerac“ im Mittelpunkt, einem der wenigen volkstümlichen Klassiker der Theaterliteratur des späten 19. Jahrhunderts.

Erst im vergangenen Jahr bewies die deutschen Teenie-Komödie „Das schönste Mädchen der Welt“ die Zeitlosigkeit der Idee des Ghostwriters von Liebesbriefen, der sich für zu hässlich hält, die Angebetete im eigenen Namen zu umschwärmen. So wie sich Rostand bei seiner Erfindung nur wenig um die historische Figur des Cyrano kümmerte, überrascht uns nun Michalik mit einer verwegenen Vermengung von Fakten und Fiktion. Nach der Methode von „Shakespeare in Love“ macht er den Autor zugleich zum Spiegelbild seiner literarischen Erfindung in der Wirklichkeit.

Herrlicher Trubel mit Diven beiderlei Geschlechts

Schauplatz ist eines jener urigen Boulevard-Theater, über die Legionen von Musicals und Backstage-Komödien existieren. Der auf altmodische Versdramen spezialisierte junge Autor Edmond Rostand (Thomas Solivérès) schreibt anspruchsvolle Flops in Serie – und genießt doch immerhin die Wertschätzung der schon zu Lebzeiten legendären Bühnendiva Sarah Bernhardt. Doch die Chance, die sie ihm vermittelt, ist eine Herkules-Aufgabe. Bernhardts Günstling, der Schauspieler Constant Coquelin (Olivier Gourmet), bestellt sich bei Rostand ein Stück nach seiner Kragenweite – doch die Premiere ist bereits drei Wochen später angesetzt. In einem herrlichen Trubel aus zwielichtigen Theaterbesitzern, eitlen Diven beiderlei Geschlechts und aller Halbwelt des Montmartre entdeckt der glücklich verheiratete Rostand noch ein größeres Problem: Als er für einen tumben, aber gutaussehenden Schauspieler ein paar romantische Worte souffliert, verliebt er sich selbst in die Umworbene – eine Kostümbildnerin, die wie der Schauspieler bald ebenfalls zum Ensemble gehört.

So clever Michalik sein fiktives „Making of“ der Cyrano-Premiere von 1897 aus Fragmenten des Originalstücks zaubert, wundert es nicht, dass dieser „Edmond“ bereits eine Erfolgsgeschichte auf französischen Bühnen hinter sich hat. Doch abgefilmtes Theater ist die Verfilmung keineswegs. Das Tempo ist rasant, kaum eine Einstellung dauert länger als fünf Sekunden – doch man verirrt sich nie im hinreißend überdrehten Backstage-Chaos. Selten wurde ein Ensemble besser geführt, selten wirkten Klischees so liebevoll inszeniert wie in den skurrilen Nebenfiguren. Als Huldigung an die parallele Wirklichkeit des Theaters flirtet der Film selbstbewusst mit dem Klassiker „Kinder des Olymp“.

Und dies gelingt umso leidenschaftlicher, als das Theater noch mit zwei profanen Nebenspielorten demonstrativ auf eine Stufe gestellt wird – einem Bordell und einem weinseligen Bistro, das von einem afrikanisch-stämmigen Intellektuellen geführt wird. Dem weisen Patron kommt als gesellschaftlichem Außenseiter die Ehre zu, Rostand auf sein Thema und seine Titelfigur zu stoßen – den Außenseiterautor Cyrano de Bergerac.

Vielleicht wäre es ja auch einmal Zeit, dem echten Cyrano ein Biopic zu widmen: Seine beiden Romane über Reisen zu Mond und Sonnenbewohnern erschienen erst posthum und legten doch immerhin Grundsteine des Science-Fiction-Genres. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vorhang auf für Cyrano. Frankreich 2018. Regie: Alexis Michalik. 112 Min.

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