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Joaqin Phoenix (l.) gießt all sein Charisma in die Rolle des Cartoonisten John Callahan. Rechts: Jonah Hill als Donnie.

"Don?t Worry, weglaufen geht nicht"

Vorfahrt für Mr. Callahan

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Gus Van Sants rebellisches Biopic "Don?t Worry, weglaufen geht nicht" mit einem überragenden Joaquin Phoenix.

Wer sich über den Zustand des Kinos sorgt, die schwindenden Besucherzahlen – in Deutschland spricht man derzeit von einem Einbruch von 17 Prozent – der sieht auch, mit welchen Genres die Branche darauf reagiert. Der Boom für Biopics ist ein merkwürdiges Phänomen. Als modern und für Künstler besonders dankbar galt diese Gattung nie, vergleichbar der Romanbiografie in der Literatur. Viele Filmemacher bedienen die Erwartungen daran entsprechend lieblos. Sie fahren markante Lebensstationen ab und schalten dabei auf Autopilot.

Gus Van Sants „Don’t Worry, weglaufen geht nicht“ gehört zu einer speziellen Kategorie von Biopics, die sich das nicht leisten können. Sie leben nicht von „reflected glory“, der Übertragung fremden Ruhms oder der Freude, einen bekannten Schauspieler unter der Maske einer anderen Berühmtheit zu erkennen. Nur ein kleiner Teil des Publikums kennt John Callahan, den 2010 gestorbenen amerikanischen Cartoonisten, der erst nach einer Querschnittslähmung zu seiner Kunst fand und seinen schweren Alkoholismus bekämpfen lernte. Joaquin Phoenix gießt all sein Charisma in eine Rolle, die ihm kaum Bewegung, aber überraschenderweise eine halsbrecherische Dynamik abverlangt.

Der Originaltitel, „Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot“ fasst dieses Spannungsverhältnis zwischen Dynamik und Beschränkung noch etwas besser zusammen. Es ist die Bildunterschrift einer Selbstkarikatur. Ein paar berittene Polizisten sind John Callahan auf den Fersen und haben seinen Rollstuhl gefunden: „Keine Sorge“, sagt einer von ihnen, „zu Fuß kommt er nicht weit.“

Das würde man auch von einem typischen amerikanischen Krankenfilm denken: Großaufnahmen zuversichtlicher Gesichter sind für gewöhnlich ihr ganzes Kapital.

Gus Van Sant und sein Darsteller Joaquin Phoenix sehen das anders, sie haben ihren Film nicht im Sitzen gemacht. Der Unwillen eines Mannes, seine Behinderung als Beschränkung seiner Freiheit und seines subversiven Geistes anzusehen, verlangte nach einer dynamischen Form. Das führt auch zu grenzüberschreitendem Slapstick, wenn Phoenix’ Filmfigur im Übereifer seinen elektrischen Rollstuhl übersteuert und über einen Bordstein stolpert. Die Aufbruchstimmung hat einen Hintergrund: Vor seiner Behinderung war Callahan schwer alkoholabhängig, ein selbstverschuldeter Autounfall brachte ihn in den Rollstuhl. In der Überwindung seiner Sucht entdeckt er eine Lebenskraft, die ihm früher fehlte.

Zeitlicher Kontext

Zu dem anarchischen Geist, den Callahan nun für sich reklamiert, gehört ein zeitlicher Kontext, der für Rebellen etwas mehr Verständnis aufbrachte. Den siebziger Jahren mochte zwar im Umgang mit Behinderten unsere heutige klinische Aufgeklärtheit fehlen, dafür aber gab es vielleicht etwas mehr Toleranz für andere Lebenskonzepte.

Wie Van Sants „Milk“ ist es ein geradlinig erzähltes Zeitbild, das in liebenswerten Anekdoten nicht ohne Nostalgie an die Liberalisierungsbewegungen der siebziger Jahre erinnert. Die aufbauende Wirkung wirkt nicht erkauft durch die Oberflächlichkeit mancher Krankenfilme, die dafür das Leiden marginalisieren. Dennoch wird Bewunderern des Regisseurs die Sonnigkeit der Fotografie unnötig erscheinen und Danny Elfmans Filmmusik mitunter aufdringlich. Es ist ein Film, der gerne ein aufrichtiger Independentfilm wäre, aber mit mindestens einem Fuß im Hollywood-Mainstream steht. Kommt man jemals wieder zurück in die Unabhängigkeit, wenn man einen Oscar sein eigen nennt und zum Liebling des Hollywood-Establishments geworden ist?

Ein paar Kanten hätten diesem Film gut getan, und den wirklich oft rabenschwarzen Cartoons fehlt eine angemessen unprätentiöse Vermittlung. Wenn sie dann noch animiert werden, schrumpft dieser durchaus liebenswerte Film auf die Dimensionen von „Greggs Tagebuch“.

Gus van Sant war gleich zweimal in seiner Karriere der wohl spannendste Filmemacher der USA. Das erste Mal im Jahr 1991 mit „My Own Private Idaho“, einem Film, der unter die Haut ging als sei man gerade selbst in einen anderen Körper geschlüpft und erfühlte die Welt mit dessen Sinnen. Das zweite Mal mit „Elephant“, dem minimalistischen High-School-Drama, das ihm in Cannes die Goldene Palme eintrug. Wie in Zeitlupe, mit Blick aufs Detail aber kühlem Kopf führte er an Abgründe, die andere hilflos stammeln lassen würden.

Künstlerische Krise

Das war Gus Van Sant auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Einer der wenigen Künstler des Kinos, die man noch modern nennen konnte. Seinen größten Erfolg feierte er dagegen ein paar Jahre später mit einem formal unauffälligen, aber gleichwohl eindrücklichen Film, dem Biopic „Milk“.

Als er danach in eine künstlerische Krise taumelte, seine Möglichkeiten etwa an das misslungene Friedhofs-Rührstück „Sea of Trees“ verschenkte, verschwand er vom Radar der Neugierigen. Auch „Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot“ ist noch keine Rückkehr in die avantgardistische Kategorie seines Schaffens. Doch wer genau hinschaut, entdeckt darin einen Gegenentwurf zu gleich zwei Genres, die in konservativen Zeiten besonders gefragt sind: Es ist ein Biopic gegen die Regeln des Ruhms. Und ein Krankenfilm gegen die Dogmen gesitteter Anteilnahme.

Don’t Worry, weglaufen geht nicht. USA 2018. Regie: Gus van Sant. 113 Min. 

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