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Jason Morsette, Experte für Geschichte und Brauchtum der Mandan.

"Winnetou und der Prinz aus Deutschland", Arte

Das Vorbild für Karl Mays Märchen

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Arte zeigt einen aufschlussreichen Dokumentarfilm über eine Reise zu den Dakota vor bereits 180 Jahren.

Karl May war ja nicht bloß ein Märchenerzähler und Hochstapler, er war auch ein eifriger Leser. Er muss nicht nur Lexika und die Bücher Friedrich Gerstäckers und James Fenimore Coopers ziemlich gründlich studiert haben, sondern auch das Werk zweier Forschungsreisender, die knapp 50 Jahre vor seinem ersten „Winnetou“-Band das Indianerland erkundet hatten.

Prinz Maximilian von Wied und der junge Maler Karl Bodmer hatten sich Anfangs der 1830er Jahre in die Neue Welt aufgemacht und waren in einer gut zweijährigen Unternehmung den Missouri ins Gebiet der Dakota hinaufgefahren. Die Tagebücher des Adligen und die Bilder des Künstlers von diesem Abenteuer mündeten schließlich in dem Band „Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834“. 

Dieses Werk nahm jetzt Autor Peter Adler zum Anlass, die Expedition der beiden Männer nachzuzeichnen und den Bogen zur Gegenwart der von ihnen erforschten Indianer zu schlagen. Herausgekommen ist ein aufschlussreicher Dokumentarfilm, der die Pionier-Arbeit des Duos angemessen würdigt und zugleich den Umgang der weißen Amerikaner mit den Eingeborenen kritisch beleuchtet. 

Prinz Maximilian zu Wied war ein umfassend gebildeter Forscher, der in Alexander von Humboldt sein Vorbild sah; er hatte bereits eine umfangreiche Brasilien-Expedition (1815 – 1817) hinter sich, als er, 50-jährig, erneut nach Übersee aufbrach. Als Begleitung heuerte er den nicht halb so alten Maler Karl Bodmer an, im Wissen darum, dass seine Unternehmung einer gründlichen Dokumentation bedürfe. Und tatsächlich verdankt die Nachwelt Bodmer authentische Darstellungen des Lebens der nordamerikanischen Ureinwohner.

Der Adlige bescheinigte dem Künstler eine präzise Wiedergabe des Erlebten, und der schwelgte angesichts der grandiosen Landschaften geradezu in romantischen Naturdarstellungen wie es bei Autor Adler einmal heißt. Dass Bodmers Arbeiten bei den Zeitgenossen nicht sehr geschätzt waren, wie es bei Wikipedia heißt, muss den heutigen Betrachter erstaunen. 

Für die intensivsten Beschreibungen, in Text und Bild, sorgte der Winter in Dakota. Monatelang mussten Maximilian und Bodmer bei den Mandan bleiben – was ihnen ein intensives Kennenlernen des Volkes bescherte. 

Bodmer schrieb später „Indianer waren meine Freunde“– besonders einer von ihnen: Mato Tope, der Häuptling. Er ließ sich vom Maler wiederholt porträtieren und wurde durch diese Bilder für die Europäer später zum Inbild des Indianers – auch zum Vorbild für Karl Mays Winnetou. Der Stammes-Chef war dabei selber malerisch tätig: Er zeichnete seine Heldentaten auf Büffelhaut; ein Exemplar ist heute im Stuttgarter Lindenmuseum aufbewahrt. 

Doch wie diese Kunst weitgehend vergessen ist, so erging es auch Mato Tope, seinem Volk und ihrer Lebensweise. Die indigenen Völker Nordamerikas wurden durch die Weißen verdrängt, ein großer Teil entweder bei Kämpfen getötet oder dezimiert durch Drogen wie Alkohol. Der spielt auch heute noch seine unrühmliche Rolle in den Reservaten, wie ein Nachkomme der Mandan sagt.

Die Bilder etwa aus der Fort Berthold Reservation sind denn auch an Trostlosigkeit kaum zu überbieten. Rücksichtslos hatten die Weißen hier zunächst den Missouri gestaut und so den überwiegenden Teil des Reservats vernichtet. Und heute zerstören die Öl-Konzerne mit ihrem Fracking Teile des kläglichen verbliebenen Lebensraums der Ureinwohner.

Sie lässt Autor Adler ausgiebig zu Wort kommen, wie er auch die Landnahme durch die Weißen kritisch schildert – aber auch den Widerstand. Zwar muss Mato Tope, „Vier Bären“, seinen Namen heute für ein Spielcasino hergeben. Aber dessen Einnahmen können die Nachfahren der Mandan nutzen. Und sie haben begonnen, wieder Bisons anzusiedeln, die Tiere, die für die Menschen damals „Nahrung, Kleider, Wärme und Leben“ bedeuteten, wie ein Chief sagt. Und auch für die Erhaltung der ursprünglichen Sprache wird gesorgt. 

Karl May war übrigens dank seiner Lektüre genügend informiert, um das Schicksal des „roten Mannes“ zu beklagen. Doch es gehört zu den Ungerechtigkeiten der Historie, dass alle Welt Mays Werke kennt, doch die Tagebücher und Bilder von Prinz Maximilian und Karl Bodmer und das Schicksal ihrer Freunde aus Dakota nur Eingeweihten bekannt sind. 

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