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Cassius Clay ist Box-Weltmeister. An der Theke (v. l. ) Malcolm X (Kingsley Ben-Adir, mit Brille), Jim Brown (Aldis Hodge), Clay (Eli Goree), Cooke (Leslie Odom Jr.).
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Cassius Clay ist Box-Weltmeister. An der Theke (v. l. ) Malcolm X (Kingsley Ben-Adir, mit Brille), Jim Brown (Aldis Hodge), Clay (Eli Goree), Cooke (Leslie Odom Jr.).

„One Night in Miami“

Vor der Revolution

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Als sich Malcolm X mit Sam Cooke in den Haaren lag: Regina Kings politischer Kammerspielfilm „One Night in Miami“ über Ikonen der Bürgerrechtsbewegung.

Wenn das neue Streaming-Kino etwas bringt, das der großen Leinwand fehlt, ist es vielleicht ausgerechnet das Theater. Das war schon einmal so, als die ersten Live-Fernsehspiele der 50er und 60er Jahre moderne Theateradaptionen waren; die deutsche Fernsehspielgeschichte führt ja geradewegs von Thornton Wilders „Unsere kleine Stadt“ – mit Liselotte Pulver bereits 1954 ein Straßenfeger – zur „Lindenstraße“. In den USA gingen die New Yorker Theatergrößen beim Live-Fernsehen ein und aus.

Vor wenigen Wochen präsentierte Netflix mit „Ma Rainey’s Black Bottom“ eine vorzügliche Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks von August Wilson. Nun hat bei Amazon eine Verfilmung von Kemp Powers’ Kammerspiel „One Night in Miami“ Premiere. In beiden Fällen steht der Bühnen-Minimalismus der privaten Vorführsituation auf Fernseher oder Beamer ausgesprochen gut.

Damit erschöpfen sich die Parallelen freilich nicht: In beiden Stoffen wird Blackness, also eine spezifisch afroamerikanische Lebenserfahrung, an verschiedenen Schlüsselmomenten der Kulturgeschichte gespiegelt: Im ersten Fall ist es eine Aufnahmesession der berühmten Bluessängerin Ma Rainey, der es bereits in den späten zwanziger Jahren gelingt, weißen Produzenten ihre Bedingungen zu diktieren.

Nun ist es die fiktive Ausformulierung einer historisch verbürgten Begegnung von vier Persönlichkeiten, die in den Zielen der Bürgerrechtsbewegung zusammenfanden, während ihre eigenen Karrieren gerade Höhepunkte ansteuerten: Malcom X gibt sich 1964 in einem Motelzimmer die Ehre, seine Gäste sind der frisch gebackene Schwergewichtsweltmeister Cassius Clay, der seinen Übertritt zum Islam noch nicht bekannt gegeben hat; der Soulsänger, Singer-Songwriter und Produzent Sam Cooke sowie der Football-Rekordspieler Jim Brown.

Letzterer könnte heute als einziger Überlebender darüber Auskunft geben, ob man sich damals wirklich so heftig gestritten und wieder versöhnt hat über die unterschiedlichen politischen und persönlichen Ambitionen. Wohl kaum wird er die Anwesenden bereits mit seinen Plänen schockiert haben, die National Football League für eine Hollywoodkarriere einzutauschen, denn das geschah erst drei Jahre später. Aber das ist durchaus nebensächlich, so pointiert wie die glänzenden Dialoge von Kemp Powers, der zuletzt auch als Co-Regisseur von Pixars „Soul“ reüssierte, die Essenz gesellschaftlicher Debatten auf den Punkt bringt.

Black Power, so sind sich die Anwesenden einig, wäre erst Wirklichkeit, wenn Schwarze tatsächlich in allen gesellschaftlichen Bereichen Gleichstellung besäßen, in Wirtschaft, Kultur und Politik. Doch während Cooke (kongenial gespielt und gesungen von Leslie Odom Jr.) stolz auf seine wirtschaftliche Stellung als Musikverleger verweist, macht ihm Malcolm X (Kingsley Ben-Adir) schwere Vorwürfe. Er habe sich dem weißen Publikum angedient anstatt lieber einen wirkungsmächtigen Protestsong zu komponieren.

Als Malcolm X zur Bekräftigung ausgerechnet Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“ auflegt, als hätte Cooke die Platte nie gehört, braucht Cooke erst mal frische Luft. Hat er es nicht immerhin gerade als Verleger geschafft, „It’s All Over Now“, einen Song des Soulsängers Bobby Womack, in der Rolling-Stones-Version zum Welthit zu machen?

Radikale Vertreter der „Nation of Islam“, der Organisation, der Cassius Clay unlängst beigetreten war und von der sich Malcolm X bereits abwandte, lehnten den Ausverkauf schwarzer Kultur an die „weißen Teufel“ ab. Cooke ist dagegen stolz auf seinen Einfluss auf den US-amerikanischen Mainstream. In der Tat hatte er zum Zeitpunkt dieses Treffens aber bereits mit seinem vielleicht größten Song „A Change Is Gonna Come“ eine spätere Hymne der Bürgerrechtsbewegung aufgenommen.

Es ist etwas unglücklich, dass hier aus dramaturgischen Gründen so getan wird, als habe ihn erst das Gespräch mit Malcolm X dazu ermuntert, auch zum politischen Künstler zu werden wie Dylan, der doch selbst nichts zu gewinnen habe vom Befreiungskampf. Wenn Malcolm X. dann allerdings rhetorisch fragt, warum denn der Protestsong eines weißen Jungen aus Minnesota erfolgreicher sei als alles, was Cooke je geschrieben habe, hätte der wohl kaum verlegen geschwiegen. Vermutlich aus dem selben Grund warum die Stones mit dem selben Song erfolgreicher als der junge Bobby Womack – weil sie eben weiß sind.

Dennoch kann man diesem Regiedebüt der Schauspielerin Regina King nicht vorwerfen, das Rassismus-Thema herunterzuspielen. Gleich zu Beginn, wenn Jim Brown in seinem Wohnort in Georgia einen Höflichkeitsbesuch auf einem Plantagenanwesen in der Nachbarschaft macht, gelingt ihr eine Szene von äußerster Bitterkeit. Überschwänglich wird der Sportstar auf der Terrasse empfangen, doch wenn er sich höflich anbietet, dem Weißen beim Möbelrücken zur Hand zu gehen, antwortet dieser lächelnd mit dem N-Wort, man dulde seinesgleichen leider nicht im Haus.

Es ist eine der wenigen Szenen in diesem intensiven Kammerspiel, die nicht in Innenräumen spielen. Ob es ein Zufall ist, dass die Streaming-Produzenten derzeit das Experiment einer experimentellen, minimalistischen Ästhetik gerade bei afroamerikanischen Themen wagen? Könnte es sein, dass man hier einfach ein geringeres Budget für ein vermutlich kleineres Publikum ansetzt – und dass innerhalb dieser Nische wiederum künstlerische Freiheiten genutzt werden? So wie damals, als die ersten Blues-Musiker in den weißen Plattenmarkt drängten?

Es wäre eine Frage, wie man sie gerne im Kontext der noch heute aktuellen Themen von „One Night in Miami“ diskutieren würde.

One Night in Miami. USA 2020. Regie: Regina King. 110 Min. Auf Amazon Prime.

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