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Vor den Oscar-Verleihungen – Hollywood am Scheideweg

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Von: Daniel Kothenschulte

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Vorbereitungen am Hollywood Boulevard.
Vorbereitungen am Hollywood Boulevard. © AFP

Bei den Oscars am Sonntag dürfte der Hauptpreis an einen Streamingdienst gehen.

Es ist das Ende einer Ära, vielleicht auch der Beginn eines neuen, „postkinematographischen Zeitalters“. Während die Academy of Motion Picture Arts and Sciences endlich über ein prächtiges Filmmuseum in Los Angeles verfügt, dürfte es seine begehrten Oscars im großen Stil an die möglichen Totengräber des Kinos, die Streamingdienste, verteilen. Die Frage ist nur, ob Netflix oder Apple am Ende mit dem Hauptpreis nach Hause gehen.

Die Netflix-Produktion „The Power of the Dog“ führt mit zwölf Nominierungen, doch die Kritik des Schauspielerveteranen Sam Elliott an Jane Campions Regiewerk hat reichlich kalifornischen Sand aufgewirbelt. „Warum zur Hölle dreht sie diesen Film in Neuseeland und nennt das Montana?“, nörgelte er im Interviewblog des populären Komikers Marc Maron.

Auch der Italowestern wird von einer konservativen Hollywoodgemeinde noch immer als Kopie des uramerikanischen Genres angesehen. In jedem Fall scheint die epische Literaturverfilmung im Ton zu kühl für einen typischen Gewinner. Dennoch dürfte der Hauptpreis an den Film einer Regisseurin gehen.

Mit der Apple-Produktion „Coda“, den Siân Heder nach eigenem Drehbuch inszenierte, hat sich ein kleiner Film, nur dreimal nominiert, in die Favoritenrollen geschoben. Die Coming-of-Age-Geschichte über eine 17-Jährige, die als einzig Hörende in einer Familie von Gehörlosen eine Gesangsausbildung anstrebt, ist in der US-Presse so etwas wie der „Favorit der Herzen“ geworden.

In jedem Fall aber dürfte die Veranstaltung in der Nacht zu Montag weniger vom Kino als vom Krieg geprägt werden. Mit Kenneth Branaghs „Belfast“ befindet sich eine autobiografische Auseinandersetzung mit dem irischen Bürgerkrieg unter dem Aufgebot der Nominierten, die nun besondere Aufmerksamkeit gewinnt. Allerdings ist es – wie „Power of the Dog“ – wohl ein Film, dem künstlerisch zu viel misslingt, um die meisten Stimmen zu gewinnen.

Nun ist es keineswegs so, als seien makellose Filme nicht zu finden – nur werden sie wohl nicht gewinnen. Paul Thomas Andersons ebenfalls autobiografisch geprägte Huldigung an das kalifornische Lebensgefühl der ausklingenden Hippiezeit, „Licorice Pizza“, gewann am 13. März bei den britischen Akademiepreisen als bestes Originaldrehbuch – mehr wird bei den Oscars kaum drin sein. Und Steven Spielbergs überwältigende Neuverfilmung der „West Side Story“ fehlt das Moment der Einzigartigkeit.

Ein japanischer Gewinner?

Die sensationellste Entscheidung wäre wohl die für den japanischen Kandidaten „Drive My Car“ von Hamaguchi Ryusuke. Dies wäre wohl auch für die internationale Neuausrichtung der Filmakademie die schönste Anerkennung, aber so weit ist man wohl noch nicht in Hollywoods Filmcommunity. Der „Auslands-Oscar“ aber ist ihm sicher.

Wer in dieser Kategorie einen deutschen Mitbewerber vermisst, kann trotzdem ein Fähnchen bereithalten: Der Komponist Hans Zimmer hat mit „Dune“ eine preiswürdige Filmmusik geschrieben. Übergehen wird die Akademie diesen bemerkenswerten Film wohl nicht: Auch für Kamera, Schnitt, Maske und Ausstattung, Spezialeffekte und Ton ist er der Favorit. Gut möglich, dass der elegische Science-Fiction-Film am Ende mit den meisten Statuetten dasteht.

Auch wenn die Neuseeländerin Jane Campion also gegenüber „Coda“ beim „Besten Film“ das Nachsehen haben dürfte – den Regiepreis wird sie vermutlich bekommen. Als beste Hauptdarstellerin könnte Jessica Chastain beim dritten Versuch gewinnen, auch wenn der Film „The Eyes of Tammy Faye“ in den Kinos nur wenig Beachtung fand. Hoffnung macht sich auch Penelope Cruz, die allein Almodóvars „Parallele Mütter“ zum Ereignis machte.

Bester Hauptdarsteller sollte wohl Will Smith werden, wie überhaupt „King Richard“ als einer der unterschätzten Filme der Saison mehr Anerkennung verdient hätte. Was dieser Film mit „West Side Story“ und „Licorice Pizza“ gemeinsam hat, ist der unverdiente Misserfolg an der Kinokasse. Und das ist das eigentliche Drama dieses Kinojahres: Auch erstklassige Hollywoodfilme kommen nicht mehr notwendigerweise an gegen die Streaming-Konkurrenz.

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