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Höchst aktuelle Spionagethrillerwelt: „La Gomera“.

Cannes

Vogelpfeifen gegen die digitale Überwachung

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Das Wochenende in Cannes, unter anderem mit einem Film zur Stunde sowie Neuem von Werner Herzog.

Die Macht bewegter Bilder – auch in Cannes musste man am Wochenende anerkennen, dass selbst der kühnste hier gezeigte Film sie nicht besser beweisen könnte als ein kleines Video aus Ibiza. Wer auch immer mit versteckter Kamera den österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache und die gesamte Regierungskoalition zu Fall brachte, war ein Meister der Inszenierung von Realität. Womöglich war es sogar ein Filmemacher. Doch Cannes wäre nicht die bedeutendste aller Filmschauen, wenn nicht wenigstens ein Film im aktuellen Programm den passenden Kommentar zu diesem medialen Coup bereithielte.

Nicht nur führt der Rumäne Corneliu Porumboiu für seinen Krimi und Spionagethriller „La Gomera“ ebenfalls auf eine spanische Insel. In diesem verwegenen Katz- und Mausspiel korrupter Staatsdiener mit der Mafia lebt jeder im Bewusstsein ständig gefilmt und abgehört zu werden.

Die Villa auf Gomera, wo sich der Polizeispitzel mit einer vermeintlichen Informantin trifft, ist ebenso verwanzt wie das Polizeihauptquartier, wo eine dubiose Chefin ihre illegalen Methoden plant. Weil aber jeder davon weiß, wird eine Geheimsprache zum zentralen Thema dieses herrlich vertrackten, ständig überraschenden Spiels mit dem Absurden. „The Whistlers“, „Die Pfeifenden“, lautet der internationale Titel des Films, und in langen Lektionen bekommt der Zuschauer diese Pfeif-Sprache erklärt. Bald kann der Protagonist auch komplizierte Worte mit den Fingern pfeifen.

Es ist ein Film voller filmischer Referenzen. Konspirative Treffen finden an so spektakulären Orten statt wie einer verwaisten spanischen Westernstadt oder dem Kinosaal einer Kinemathek, die gerade John Fords Klassiker „The Searchers“ zeigt. Auch in dieser gespenstischen Reise auf den Spuren einer fremden indianischen Kultur wird einmal vielsagend gepfiffen.

„Wie lange wird es noch ein Publikum geben, das filmische Referenzen auch versteht“, fragt Alexander Horwath, der frühere Direktor des österreichischen Filmmuseums. Wir sprechen über Wettbewerbsteilnehmerin Jessica Hausner, deren österreichischer Science-Fiction-Film „Little Joe“ überwiegend in einem Treibhaus spielt. Im Genre-Klassiker „Lautlos im Weltraum“ überlebten ausgewählte Pflanzenarten unter der künstlichen Sonne eines fliegenden Gewächshauses. Bei Hausner wird die unselige Zukunft dagegen auf der Erde gemacht.

Sehr gespenstischer Tamagotchi im Blumentopf: „Little Joe“.

Ein Genlabor hat eine neuartige Blume erfunden, die auf die emotionale Ansprache ihrer Besitzer reagiert. Doch der Tamagotchi im Blumentopf nistet sich mit seinem einnehmendem Duft tief im Gehirn der Menschen ein, die für sie unheimliche Schutzgefühle entwickeln – und darüber auch ihren engsten Verwandten die kalte Schulter zeigen.

Es ist eine frappierende Idee, die sich einfügt in eine lange Tradition gesellschaftskritischer Science-Fiction-Filme. Man kann sich kaum vorstellen, dass diese Idee nicht aus der Liebe zum Kino entstanden ist und einem Gespür für die ungewöhnlichen Orte, an die es uns führen kann. Hier ist es die irritierende Spannung aus Künstlichkeit und Leben, wie sie das Treibhaus im Labor ausstrahlt, und die gefährliche Schönheit der dezent animierten roten Blüten. Noch am vergangenen Sonntag machten Hausner und ihr kongenialer Bildgestalter Martin Gschlacht in Wiens größtem Kino letzte Korrekturen an den Farben. Schade, dass es nicht auch ein Geruchsfilm ist.

Werner Herzog, als einziger Deutscher offiziell vertreten, wenn auch nur als „Special Screening“, kommt dagegen diesmal ohne Studiokulissen aus. Japan hat den Weltenbummler nun angezogen mit seiner für Europäer ungewohnten Vorliebe für Simulationen und Inszenierungen von Wirklichkeit. In semi-dokumentarischer Inszenierung, von Herzog selbst sichtlich mit Amateurtechnik gefilmt – sein Sohn Simon besorgte den dagegen untadeligen Ton –, geht es um eine Firma, bei der man sich Familienmitglieder mieten kann: „Family Romance, L.L.C.“, so der Titel.

Eine alleinstehende Mutter hat sich für ihre zwölfjährige Tochter einen falschen Vater von der Agentur bestellt, doch der macht seine Sache so gut, dass sie ihn am Ende gerne zu ihrem echten Partner machen möchte. Unterlegt mit Cello-Improvisationen von Herzogs Stammmusiker Ernst Reijseger gelingt dem 76-jährigen der wohl leichteste Spielfilm in seiner langen Karriere. Auch die manchmal etwas amateurhafte Bildgestaltung fügt sich in das Konzept dieses ungewöhnlichen Familienfilms, den Herzog wie zur Bekräftigung des Themas, mit Hilfe seiner eigenen Familie realisiert hat.

Noch privater zeigt sich Pedro Almodóvar in seinem jüngsten Spielfilm „Pain and Glory“. Sein treuer Hauptdarsteller Antonio Banderas spielt als von einer kreativen Blockade gebeutelter Autorenfilmer Salvador Mallo sein Alter Ego. Diese etwas idealisierende Besetzung mag an einen Ausspruch Alfred Hitchcocks erinnern, der einmal sagte, er sehe zwar nicht so aus, fühle sich aber wie Cary Grant. Schonungslos klagt die Filmfigur über das Altwerden, Kindheitserinnerungen führen zurück zum Ursprung der kreativen Berufung. Penelope Cruz spielt in den Kindheitsszenen die ebenfalls idealisierte Mutterrolle, wobei man der Nostalgie allerdings nicht immer folgen mag – etwa wenn sie mit anderen Müttern singend im Fluss die Wäsche säubert. Willkommen in Francos Spanien.

Erst der Kontrast zur bitteren Selbstbetrachtung gibt dieser Stilisierung ihren Platz – ein langer Handlungsstrang erzählt von den Drogenexperimenten des alternden Kreativen auf der Suche nach Inspiration. Im Programm ist Almodóvars fiktionalisierte Autobiographie das introvertierte Gegenstück zu Elton Johns selbsterrichtetem Denkmal „Rocketman“.

Im Wettbewerb dominieren sonst publikumswirksame Genrefilme mit künstlerischem „touch“. Der visuell imponierendste davon kommt aus China: „The Goose Lake“ von Diao Yinan erzählt wie der rumänische Beitrag vom Kräftemessen einer nicht immer gesetzestreu operierenden Polizei mit der Bandenkriminalität. Man staunt, dass die chinesische Zensur an der Darstellung der Behördenwillkür nichts auszusetzen hatte, vielleicht findet sie das brutale Vorgehen der Beamten gegen eigentlich harmlose Motorraddiebe ja sogar angemessen.

Doch die Handlung ist nur der grobe Rahmen für einen atemberaubend fotografierten und ausgestatteten Film, in dem viele Szenen als semiabstrakte Licht- und Schattenspiele inszeniert sind. Das ähnlichste, was einem dazu in den Sinn kommt, ist das Werk von Wong Kar-wai. Eine der schönsten Szenen ist eine Tanzparty in der billigen Vergnügungsmeile einer Vorstadt. Leuchtende Turnschuhsohlen beleuchten sie mit einer eigentümlichen Poesie. Die Musik dazu stammt von zwei Bands aus Deutschland, deren vertrauter Klang beweist, welche Bögen die Globalisierung spannt: Boney M. und Dschinghis Khan. Hier ist er also, der gemeinsame Nenner der Weltkultur: „Lasst noch Wodka holen, denn wir sind Mongolen“.

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