+
Malala als perfekte Rednerin.

Malala Yousafzai

Verurteilt zu Weltruhm

  • schließen

Zwischen Kindheit und PR: Die Dokumentation „Malala“ erzählt die Geschichte der jüngsten Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten, die längst eine Marke geworden ist.

Alles begann mit einem Blog. Ab 2009 schrieb die damals elfjährige Malala Yousafzai auf der Website der BBC ein Internet-Tagebuch, in dem sie über die Angriffe der Taliban auf Mädchenschulen im pakistanischen Swat-Tal berichtete. Malala liebte die Schule – ihr Blog hätte vielen Kindern in Deutschland, die sich morgens lustlos und blasiert zur Schule schleppen, vermutlich die Augen öffnen können für das, was ihnen fehlte, wenn sie es nicht mehr dürften: zur Schule zu gehen.

Während die Taliban Mädchenschulen zerstörten, wurde Malala zu einer Symbolfigur des Widerstands gegen den Terror. In Pakistan erhielt sie ihren ersten Preis, den Nationalen Friedenspreis der Jugend. Am 9. Oktober 2012 kam der verheerende Gegenschlag: Die Schülerin wurde bei einem gezielten Attentat durch mehrere Schüsse in Kopf und Hals verletzt.

Kindliche Kämpferin

Zunächst kämpften pakistanische Ärzte in Peschawar um ihr Leben, dann wurde sie nach Großbritannien verlegt. Dort lernte sie mühsam wieder zu gehen, Treppen zu steigen, einen Ball zu fangen. Bis heute ist ihr Gesicht halbseitig gelähmt; dennoch hat sie gelernt, wieder flüssig und verständlich zu sprechen. Und wie! Ihre Rede, die sie im Dezember 2014 in Oslo hielt, als sie den Friedensnobelpreis entgegennahm, wurde von vielen Millionen Menschen in den TV-Nachrichten gesehen. „Ich bin ziemlich sicher, dass ich die erste Friedensnobelpreisträgerin bin, die immer noch mit ihren jüngeren Brüdern streitet“, sagte Malala in Oslo. Und fügte hinzu: „Ich will, dass überall Frieden ist, aber meine Brüder und ich arbeiten noch daran.“

Der Dokumentarfilm „Malala – Ihr Recht auf Bildung“ von Davis Guggenheim versucht, diese beiden Seiten der kämpferischen Frau Yousafzai zusammenzubringen: die Friedensbotschafterin, die längst zu einer Marke geworden ist, unterstützt von der weltweit tätigen PR-Agentur Edelman in London, und das junge Mädchen Malala, das für Brad Pitt schwärmt, verlegen über ihre Einsamkeit in der britischen Schule spricht, gerne Kricket im Fernsehen sieht und sich in der Wohnküche mit ihren Brüdern streitet. Der Film lebt vom Perspektivwechsel. Auf der einen Seiten die offiziellen Auftritte, in denen man die Hauptfigur als „das Mädchen, das gegen die Taliban kämpft“ auf den Bühnen der Weltpolitik sieht, auf der anderen der familienbezogene Teenager.

Der Kontrast ist schwer zu fassen: Da ist die Profi-Malala, wie sie vor der UN- Vollversammlung ihren berühmten Satz formuliert: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern“, dort die Privat-Malala, die für eine Siebzehnjährige erstaunlich kindlich ist, unreif in allen Bereichen, in denen junge Frauen ihres Alters sonst partout erwachsen werden wollen.

Beherrscher der Klaviatur der globalen Massenmedien

Dann wiederum sitzt sie wie ein Staatsgast mit Barack und Michelle Obama im Oval Office und erörtert brisante Krisenherde. Sie habe mit Obama über die Drohnen gesprochen, erklärt sie im Film, und ihm klar zu machen versucht, dass sie den Terrorismus förderten. Man sieht sie in einem Flüchtlingslager an der syrischen Grenze, wo sie von den Folgen einer durch mangelnde Bildung verlorenen Generation spricht, und bei afrikanischen Mädchen, die Opfern von Boko Haram wurden.

Immer wieder ist ihr Vater im Bild, ein ehemaliger Lehrer, der sein Leben (und das Leben seiner Tochter) in den Dienst der Aufgabe gestellt hat, der Welt einen besseren Islam zu zeigen als den, der sich durch den Terror in die Hirne frisst. Wie es diese kleine Familie aus Pakistan schafft, auf der Klaviatur der globalen Massenmedien zu spielen, ist faszinierend und auch ein wenig verstörend. Zumal es natürlich nicht ohne Hilfe solcher Social-Message-Profis wie Regisseur Guggenheim geht, der neben Filmen wie „Melrose Place“ ein Biopic über Obama und eine Dokumentation über U2 gedreht hat, immer im Dienst der guten Sache.

Dass der durchaus unterhaltsame Film selbst Teil der PR-Maschinerie ist, von der er handelt, wird an keiner Stelle unterschlagen. Man kann das schal und unlauter finden, aber man sollte nicht glauben, diese junge Frau wisse nicht, was sie tut. Sie ist eine publizistische Aktivistin, deren Publikum nach Milliarden zählt und zählen soll. Über die persönlichen Opfer, die ein solcher Kampf erfordert, ist sie sich sehr bewusst.

Malala – Ihr Recht auf Bildung. USA 2015. Regie: Davis Guggenheim. 87 Minuten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion