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Die Begegnung mit dem Flüchtlingskind Djamal (Lilien Batman) lässt die frühere Ermittlerin Judith Volkmann (Jördis Triebel) forschen.

„Vermisst in Berlin“, ZDF

Verstörende Verhältnisse

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Von Tatsachen inspiriert: Nach zwei preisgekrönten TV-Filmen widmet sich die Produzentin Gabriela Sperl erneut dem organisierten Verbrechen.

Die beiden jeweils mehrfach preisgekrönten Filme „Operation Zucker“ und „Operation Zucker: Jagdgesellschaft“ haben das Thema organisierte Kinderprostitution nachhaltig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Als Produzentin und teils als Autorin beteiligt war Gabriela Sperl, die nun mit „Vermisst in Berlin“ einen weiteren Beitrag zum Thema folgen lässt. Dieses Mal im ZDF statt im Ersten mit dem Produktionspartner Degeto. 

Keine Fortsetzung im engeren Sinne also, trotzdem gibt es erkennbare Verwandtschaften: wiederum einen beherzten Griff in die Wirklichkeit und als Resultat eine aktuelle Fernseherzählung auf beachtlichem Niveau. Die Drehbuchautorinnen Silke Zertz und Frauke Hunfeld haben ihrerseits intensiv recherchiert, Regie führt wie beim zweiten Film Sherry Hormann. Aber auch eine Art Absetzbewegung lässt sich ausmachen: In „Operation Zucker: Jagdgesellschaft“ war die Schauspielerin Jördis Triebel auf der Täterseite zu finden. Jetzt agiert sie in der Rolle der Judith Volkmann als Ermittlerin. 

Fast schon zu viel verraten, denn die ersten Bilder zeigen Volkmann in einer ganz anderen Profession: als Kellnerin in einem Restaurant. Das Lokal zählt zumindest preislich zur gehobenen Gastronomie, zieht aber auch Publikum mit geringem Stilempfinden an. In der Gruppe, die sich um einen großen Tisch versammelt hat, geht es laut zu. Der Ton zwischen den Männern ist rau, von großen Geldsummen ist die Rede, die Frauen sind erkennbar schmückendes Beiwerk. Eine von ihnen trocknet auf der Toilette das benetzte Kleid. Und kaschiert die Läsion im Gesicht, augenscheinlich eine Schlagverletzung. Die Wege der beiden Frauen werden sich noch einige Male kreuzen. Spät nachts, auf dem Weg nach Hause, läuft Judith Volkmann ein Kind vors Auto. Sie kann gerade eben bremsen, will sich kümmern, aber der kleine Junge ergreift die Flucht.

Der erste Todesfall: ein Igel

Anderntags bringt Volkmann ihre Nichte Luise zur Schule. Sie wird schon erwartet, es gibt Tränen: Der gemeinsam gehegte Igel ist tot, grausam dahingeschlachtet. Judith Volkmann übernimmt den Fall, sucht versiert nach Spuren, entdeckt ein provisorisches Nachtlager, eine Feuerstelle, die Reste des gegrillten Igels, Blutspuren, die möglicherweise von einem Menschen stammen. Judith Volkmann ist alarmiert. Sie ahnt Zusammenhänge. Ein schutzloses Kind, möglicherweise ein pädophiler Täter. Sie unterrichtet den LKA-Dienststellenleiter Deniz Kovačević (Edin Hasanovic). Man kennt sie, sie grüßt, erkundigt sich nach privaten Dingen. Sie war hier einmal tätig, ist – zumindest vorläufig – ausgeschieden. Es gab da einen Vorfall. Was genau, bleibt der Fantasie des Publikums überlassen.

Geschickte Drehbuchautoren können etwas sagen, ohne dick aufzutragen. Die Sinnkrise der Kriminalistin ist eine Charakterfarbe, im Rahmen der Handlung eine Facette. Einmal herausgefordert und hellhörig geworden, kann Volkmann dann doch nicht ablassen und nutzt ihren längst ungültigen Dienstausweis, um zum Wohle der gefährdeten Kinder auf eigene Faust zu ermitteln. Denn die früheren Kollegen sind überfordert, überarbeitet, können nicht jeder vagen Spur nachgehen.

Die Tatsachenbasis

„Vermisst in Berlin“ greift verstörende Verhältnisse auf, die in der Kriminologie in den letzten Jahren verstärkt diskutiert und auch schon in Romanform bearbeitet wurden, beispielsweise in „Kaltes Land“ von Norbert Horst, einem schreibenden Kriminalkommissar, der beruflich mit realen Fällen dieser Art zu tun hat. Unbegleitete minderjährige Flüchtlingen, häufig erschöpft, verwirrt und traumatisiert, werden zunächst nicht erkennungsdienstlich registriert, um ihre angeschlagene Psyche zu schonen. 

Die berechtigte Sorge um das Kindeswohl hat einen Nachteil: Kriminelle Kreise locken die Kinder mit großen Versprechungen in die Prostitution und den Drogenhandel. Oder verkaufen sie weiter in die Sklaverei. Verschwindet ein kleiner Flüchtling, erschließt sich den Behörden nicht, ob das Kind aus eigenem Antrieb weitergezogen ist oder Opfer eines Verbrechens wurde. Pro Jahr werden mehrere tausend Minderjährige vermisst. Die Polizei ist schlechterdings nicht in der Lage, jedem Verschwinden nachzugehen. So zeigt es auch der Film. 

Der Dienststellenleiter Deniz Kovačević reagiert abweisend und gereizt, wirkt auf den ersten Blick unsympathisch und überfordert. Aber sein Verhalten ist nur Ausdruck der Ohnmacht und stillen Verzweiflung. Die Täter sind gut organisiert und haben sich juristisch abgesichert. Dann aber ergibt sich eine Chance, auf Umwegen gegen die Bande vorzugehen …

„Vermisst in Berlin“, Montag, 11.2., 20:15 Uhr, ZDF

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